Alex Zülle - eine Rennfahrer-Karriere mit vielen Hochs und Tiefs

28.09.97 - Vor elf Jahren drohte Walter Zülle seinem Sohn, er werde dessen Rad, das verstaubt im Keller lag, verkaufen. Das spornte den Sohn, der damals noch Zigaretten rauchte, aber dann doch so nachhaltig an, daß er schließlich einige Jahre später in der Weltspitze des Radsports fuhr.

Am Sonntag kam der Schweizer mit seinem zweiten Vuelta-Sieg in Folge zu einem neuen Höhepunkt seiner Karriere, mit dem er zu Beginn der Vuelta gar nicht gerechnet hatte. Als die Vuelta vor drei Wochen in Lissabon gestartet wurde, war Zülle noch gar nicht richtig wiederhergestellt von seinem letzten Sturz. Zülle, 29 Jahre alt, hat wohl ebenso viele Narben von Rennverletzungen wie Gelbe Trikots. Zülle hat das "Amarillo" Trikot der Vuelta 37 mal getragen in drei Jahren. Hinzu kommen noch die elf Maillots Jaunes der Tour de France, die er zwischen 1992 und 1996 errang.

Doch nicht nur seine Erfolge, auch seine Stürze sind zahlreich. Sein Ruf als "Sturzflieger" begann bei der Vuelta a Espana 1993, als nach 13 Tagen in Gelb bei der Abfahrt von einem Berg in Asturien stürzte und er seine Hoffnungen auf einen Gesamtsieg begraben mußte. Auf einen Sieg bei der Vuelta mußte Zülle dann drei Jahre warten. 1996 gewann er souverän. Und elf Tage später gewann er dann auch gleich noch den WM-Titel im Zeitfahren in Lugano.

1995 stürzte Zülle zweimal in einer einzigen Tour de France-Etappe, aber er kämpfte sich wieder nach vorne und beendete damals die Tour als Zweiter hinter Miguel Indurain.

In diesem Jahr stürzte er erst bei der Dauphine schwer und wenig später noch schwerer bei der Tour de Suisse (s.a. News 22.06.97). Mit einem geschraubten Schlüsselbein kam er zur Tour de France, die er bereits in der ersten Woche aufgeben mußte. Zülle sah es positiv: "Ich kam entspannter zur Vuelta. Vorher hatte ich immer den Druck auf mir."

Zülle ist Zeitfahrspezialist: 31 seiner 53 Siege in den letzten fünf Jahren holte er sich im Kampf gegen die Uhr. Immer wurde viel spekuliert, inwiefern Zülles Kurzsichtigkeit ihn bei Rennen behindert. Oft wurde er als "Schönwetterfahrer" bezeichnet, der mit seiner Brille bei Regen nicht viele Chancen habe. Dabei verkennt man dann aber, daß er nun gerade zwei seiner größten Erfolge im Regen errang: Er wurde Weltmeister bei Regen und den Tour 96-Prolog im niederländischen Den Bosch gewann er praktisch in einem Wolkenbruch.

Erst vor elf Jahren, Alex war immerhin schon 18, war er dem Trainer seines örtlichen Radsportclubs VC Wil aufgefallen, als er die Trainingsgruppe des Vereins so mal ganz locker überholte --mit Basketballschuhen und in Jeans.

1990 wäre die Karriere von Alex Zülle schon beinahe wieder vorbei gewesen, zweimal wurde er abgelehnt von Proficlubs. Doch dann begegnete er Manolo Saiz. Der ONCE-Teamchef bot ihm einen Drei-Monats-Vertrag. Daraus wurden nun mehr als sechs Jahre. Zülle bedankte sich für Saiz' Vertrauen innerhalb weniger Tage mit einem dritten Platz bei der Katalonienrundfahrt hinter den großen Miguel Indurain und Pedro Delgado. Ein Jahr später hatte er eine bemerkenswerte Tour de France- Premiere. Er wurde Zweiter hinter Indurain beim Auftakt-Zeitfahren und er fuhr sechs Tage in Gelb. [Reuters]


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