
Erik Zabel: "Der Erfolg von Jan hat alles andere an Radsport zerstört"10.12.97 - Dieses Interview erschien am Mittwoch in der FAZ, die Fragen stellte Michael Reinsch.
Jan Ullrich ist "Sportler des Jahres" geworden. Freut Sie das?
Ullrich und Riis zielen auf Gesamtsiege bei der Tour, Sie auf Etappensiege. Das verträgt sich doch kaum.
Zabel: Ja, gewiß. Er hat es verdient und der Radsport auch. Wollten Sie nicht längst "Sportler des Jahres" werden?
Zabel: Ich habe ja die Brügelmann-Wertung gewonnen. Im Ernst: Die Wahl ehrt ihn und die Mannschaft.
Sie wollen schon jetzt über das Vertragsende 1998 hinaus Ihren Vertrag verlängern. Warum?
Zabel: Das gibt langfristig Sicherheit und vermeidet Streß. Dann bin ich auch gern Bauernopfer. Wenn ein Vertrag ausläuft ist es hingegen nicht schlecht, den ein oder anderen Etappensieg auf dem Konto zu haben.
Wie lange wollen Sie bleiben?
Zabel: Ich möchte bis ich 30 bin, Bestandteil der Mannschaft sein, also bis Ende 2000. Dann kann ich immer noch nach Spanien gehen.
Erik Zabel nach dem Sieg bei Milan-San RemoZabel: Ich bin Rennfahrer, nicht sportlicher Leiter. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, das unter einen Hut zu bringen.
Bleiben Sie bei Team Telekom, weil Sie sich sinngemäß sagen, elf Freunde müßt wir sein?
Zabel: Nein, gar nicht. Ich sehe einfach den Markt nicht für mich. Der Toursieg von Jan hat sich im Abstand auf eine Einzelleistung reduziert. Bei mir dagegen wird immer betont, was für eine Mannschaftsleistung hinter einem Sieg steckt. Da wird es in Deutschland wohl kein zweites Profiteam geben.
Ist das Ihr persönliches oder ein strukturelles Problem?
Zabel: Der Erfolg von Jan hat alles andere an Radsport zerstört. Wenn ein Rennen ohne ihn stattfinden soll, ist das schon nichts. Die Sponsoren laufen den kleinen Veranstaltern und den kleinen Teams davon. Das ist ein Bumerang statt eines Booms.
Sie haben Mailand-San Remo gewonnen, drei Etappen bei der Tour dieses Jahr und vier in den Jahren zuvor, das Grüne Trikot - werden Ihre Erfolge nicht ausreichend gewürdigt?
Zabel: Ich stöhne immer, wenn ich auf solche Fragen antworten muß. Also: Ich glaube nicht, daß Platz ist in der Öffentlichkeit für viele Radfahrer. Was ich bedaure ist, daß unterschiedliche Meßlatten angelegt werden - einmal die Einzelleistung, dann die Mannschaftsleistung. Ich habe schon mal im Scherz gesagt: Danke, liebes Team, daß ihr mich habt gewinnen lassen. Aber ich habe mich daran gewöhnt, im Schatten von Olaf Ludwig und von Bjarne Riis zu fahren und kann das auch im Schatten von Jan Ullrich.
Sie sprechen von Rundfahrtexperten...
Zabel: Der Radsport hat sich verändert. Früher gab es einen Merckx, der alles gewonnen hat. Dann kamen Lemond und Indurain, die sich nur auf die Tour konzentriert haben. Jan ist die perfekte Kopie von Indurain. Sie tun dem Sport keinen Gefallen, weil Sie sagen, Klassiker interessierten sie nicht. Die Tour erdrückt alle anderen Rennen. Aber es ist ja leider wahr, daß Jan verrückt wäre, wenn er Mailand-San Remo gewinnen wollte. Andererseits: Alle Journalisten wären dort, wenn er es versuchen würde.
Sie sind der Sprinter im Team...
Zabel: Ich sehe mich gar nicht nur als Sprinter. In Unna und Bayern habe ich Rennen als Ausreißer gewonnen. Aber das geht in den großen Rennen kaum. Da gewähren sie einem bei einer Attacke fünf Minuten, dann holen sie ihn. Aber was soll ich anderes machen als sprinten, wenn sie mich immer nach vorn bringen?
Hätten Sie nicht in diesem Jahr Mario Cipollini das Gelbe Trikot abnehmen können?
Zabel: Ich war auf der fünften Etappe vier Sekunden hinter ihm. Aber Walter Godefroot hat gesagt, das vergessen wir, um Bölts und Totschnig an den Berg zu fahren. Auf der Etappe nach La Chatre hatte ich ihn geknackt. Da fährt Vasseur zwei Minuten Vorsprung raus und holt sich das Gelbe Trikot. Wir sind untätig geblieben.
Werden Sie sich im nächsten Jahr entschädigen auf den ersten sechs flachen Etappen?
Zabel: Das ist noch zu weit weg. Vielleicht geht wieder eine Gruppe wie damals mit Claudio Chiappucci, die zwölf Minuten Vorsprung hatte.
[FAZ]
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