
Jan Ullrich über Bambis, Wessis, Ossis und Autogrammjäger
05.12.97 - Toursieger Jan Ullrich, gewöhnlich nicht immer der gesprächigste, gab in der vergangenen Woche anläßlich des ersten Treffens des 1998er Telekom-Teams in Bad Neuenahr, Interviews am Fließband. Das vielleicht interessanteste erschien am Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung. Auszüge:
Jan Ullrich über...Bambi-Verleihung und andere derartige Ehrungen
SZ: Sind Sie stolz darauf, oder würden Sie bei solchen Anlässen am liebsten noch öfter fehlen?
Die Empfänge sind immer irgendwie eine Bestätigung für die Leistung, aber für mich war das nicht nur ein Fest, sondern ziemlich hektisch, ich konnte das nicht genießen. Aber eine sehr schöne Veranstaltung war die Bambi-Verleihung. War mal ganz nett, andere Leute kennenzulernen, nicht nur Sportler. Man trifft da ja alle, Harrison Ford war auch da.
SZ: Der kannte Sie vermutlich nicht.
Nee, der kannte mich glaube ich nicht. Die meisten anderen wohl schon. Das sind alles ganz normale Leute, die die Tour verfolgt haben, ganz normale Gespräche. Harald Schmidt ist zum Beispiel ein großer Fan von mir.
Jan Ullrich über... den Medienrummel
Ich mach mich halt rar, weil mein Sport das auch nicht anders zuläßt. Wenn ich eine Sportart hätte, bei der ich zwei Stunden lang trainiere und noch erfolgreich wäre, dann würde ich auch abends um elf in der Sendung sitzen. Ich bin keiner, der ständig darauf drängt, in den Medien zu sein. Ich will in erster Linie sportlich vorankommen.
SZ: Es verfolgt Sie sogar der Verdacht, Ihnen seien schon die Küsse für die Hostessen bei der Siegerehrung zuviel.
Nach 250 Kilometern Bergetappe steht man nicht da oben, als ob gar nichts gewesen wäre. Wenn du die letzten eineinhalb Stunden ans Limit gehst, dann ist das einfach nebensächlich. Ich hab` nicht gedacht: Na gut, jetzt muß ich aufs Podest, jetzt knutsch ich erstmal die Mädels ab. Am liebsten wäre ich gar nicht jeden Tag zur Siegerehrung, sondern zur Massage ins Hotel.
Jan Ullrich über... Autogrammjäger
40.000 oder 50.000 Leute an der Strecke sind angenehmer als 100, aber für mich ist das auch Streß, die meisten wollen ja Unterschriften oder Interviews. Ist auch ziemlich gefährlich, ich hatte schon einige Stifte im Auge, das war verrückt. Daß es so extrem ist, hätte ich nicht gedacht.
Jan Ullrich über... Ossis und Wessis
Ich fühl mich als ganz normaler Gesamtdeutscher, da gibts kein Westen oder Osten. Aber das sind zwei Welten, das spürt man schon. Die einen akzeptieren mich nur als als Rostocker oder Berliner, die anderen als Merdinger oder Hamburger. Für mich war das ganz wichtig, daß ich so viele Etappen erlebt habe, aber leicht ist das nicht.
Jan Ullrich über... seine Pläne 1998
Weniger Interviews, mehr Regeneration. Ich muß mich noch mehr abschotten, wenn ich wieder die Chance auf das Gelbe Trikot habe. Nach der Tour de France können ja alle auf mich einstürmen. Ich brauche keine Bodyguards, aber es muß etwas gemacht werden. Bis zu meinem Höhepunkt, das heißt bis zur Tour de France, wird ganz seriös gearbeitet. Also wenig Termine. Danach kann man sowieso nicht mehr so trainieren, da kann ruhig mal ein Tag für Sponsoren wegfallen.
Wenn ich merke, ich kann die WM gewinnen, dann werde ich nicht so dumm sein und nicht starten. Diesmal ging es einfach nicht. Sechstagerennen gibts im Winter definitiv nicht, ich brauche die lange Pause. Wenn ich älter werde, dann kann ich auch da mehr machen. Entscheidend ist die Tour de France.
Jan Ullrich über... die Beschuldigungen durch Pascal Richard
Ich habe von der Sache im Urlaub gar nichts mitbekommen, ich war total abgeschottet. Es gab Entschuldigungsbriefe von Pascal Richard, und wir haben uns geeinigt, daß wir gerichtlich nichts mehr machen, sonst wird es noch mehr aufgebauscht. Eine Riesen-Rufschädigung und Enttäuschung war es trotzdem. Wir sind auf Mallorca noch nie kontrolliert worden.
[Süddeutsche Zeitung]
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