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Jan Ullrich nach dem Toursieg:

"Man kann das niemanden erklären, wie tief man da reingeht"

[aufgezeichnet von Michael Reinsch, aus: FAZ 28.07.97]

Was war für Sie der schönste Moment der Tour?

Ullrich: Es gab viele schöne Momente. Aber gewiß war der schönste das Solo hinauf nach Andorra, wo ich das Gelbe Trikot bekommen habe. Das werde ich nie vergessen.

Und der schwerste Moment?

Ullrich: Jeder Tag war schwierig. Auf der Etappe von Colmar durch die Vogesen war ich verschnupft. Das war sicher die Etappe, auf der ich am meisten gekämpft habe.

Hätten Sie an jenem Tag die Tour verlieren können, wenn Richard Virenque und seine Mannschaft ihren Ausreißversuch nicht aufgegeben hätten?

Ullrich: Nein. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, daß ich nicht nervös war. Ich hatte eine verstopfte Nase und Husten. Die Gegner haben das am ersten Anstieg gesehen. Ich bin deren Attacken zwei, dreimal mitgefahren, dann war ich leer. Aber ich war motiviert, ich wußte, ich muß die harten Antritte nicht mitfahren. Ich bin gleichmäßig genauso schnell den Berg hochgekommen wie die und habe auch auf den Abfahrten nicht viel verloren.

L'Equipe spekuliert, wenn Virenque weitergefahren wäre, hätten Sie zwei, drei, vier oder noch mehr Minuten verlieren können....

Ullrich: Man kann auch spekulieren, daß ich ihm drei, vier oder mehr Minuten im Zeitfahren abnehme.

Haben Sie Virenque eigentlich die Etappe nach Courchevel geschenkt?

Ullrich: Manchmal ist es besser, sich Freunde zu machen und etwas abzugeben. Ich habe seine Leistung sehr geschätzt, er war sehr stark an diesem Tag, und mir war das Gelbe Trikot am meisten wert. Vielleicht hätte ich ja auch gar nicht gewonnen, wenn wir gespurtet hätten. [Doch, hätte er! --K.V.]

Was sagen Sie zu ihrem Zeitfahren am Samstag?

Ullrich: Vielleicht sind manche enttäuscht. Ichg bin sehr zufrieden mit dem zweiten Platz, und daß ich meinen Vorsprung ausbauen konnte. ich bin kein Typ, der alles gewinnen muß. Ich freue mich für Olano. Er ist ein edler Renner und ist mit dem ersten Etappensieg für sein Team auch glücklich.

Haben Sie das letzte gegeben?

Ullrich: Ich bin nicht voll losgefahren. Erik hatte mir gesagt, daß hinten ein starker Wind weht und die Straße sehr rauh wird. Da habe ich mich so langsam reingesteigert bis hundert prozent.

Können Sie jemandem, der nicht aus dem Radsport kommt, erklären, was Sie hier drei Wochen geleistet haben?

Ullrich: Nein, die Anstrengung kann man niemanden erklären von außerhalb. Man fährt drei Wochen am Block, man kann das niemanden erklären, wie tief man da reingeht.

Diese Tour war anstrengender für Sie als die vom vergangenen Jahr?

Ullrich: Die besten Beine hatte ich in den Pyrenäen. In den Alpen gingen sie auch noch gut. Aber hinten raus ging es immer schlechter. Den Streß mit dem Gelben Trikot hatte ich mir so nicht vorgestellt. Man schläft weniger, der Rhythmus wird schlechter, und dann fehlen ein paar Prozent.

Hat das Team ihnen geholfen?

Ullrich: Was Bjarne und Udo und die Mannschaft getan haben, kann man mit nichts aufwiegen. ich bin total happy, daß ich so eine Mannschaft habe. Ich bin jeden Abend zu jedem gegangen und habe mich bedankt. Aber es ist ja auch nicht so, daß ich nicht auch für andere führe.

Was sagen Sie zur Zurückstufung von Jens Heppner nach der Etappe am Freitag?

Ullrich: Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Jens ist ein Helfer, wie er im Buche steht. Die Entscheidung war unverständlcih. Jens und Voskamp sinddreißig Kilometer allein gefahren, und die anderen haben sich eingereiht und sie nicht gekriegt. Die Entscheidung, daß Traversoni gewonnen haben soll, wird sportlich nicht anerkannt, da hat er nicht verdient. Heppe war so fertig, daß er nicht mehr starten wollte am Samstag. Ich habe auch darüber nachgedacht, aber da hätten die sich ja nur kaputtgelacht und Virenque gewinnt die Tour.

Werden Sie Weltmeisterschaften fahren und sich auch ein paar Klassiker vornehmen?

Ullrich: Ich bin 23. Die Tour ist das Größte. Ich möchte mich auch in den nächsten Jahren nicht leerfahren. Wenn ich merke, ich brauche eine Pause, nehme ich sie mir. Und wenn ich in den nächsten tagen merke, daß es nicht mehr geht, schnappe ich meine Freundin und verschwinde ein paar Tage mit ihr.

Alle Profis nehmen während der Tour ab. Sie wirken voller als am Start.

Ullrich: Das liegt an der Krankheit. Ich habe die Nebenhöhlen so vereitert, daß ich die Augen nach dem Aufstehen mit Eis kühlen muß. Die Medikamente ziehen Wasser. Ich bin jetzt ein halbes Kilo schwerer als beim Start.


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