Sixdays in München: Riis gewinnt die Herzen, Risi (und Betschart) das Rennen

13.11.97 - Unter der hohen Kuppel der Münchner Olympiahalle hatten die Artisten des Radsport-Zirkus Sechstage-Rennen ihren letzten Dienst verrichtet und trotzdem noch nicht ihre Ruhe. Bunter Trubel setzte ein zu Ehren der Sieger, es wurde hektisch im Zielraum zwischen drängelnden Reportern und geschäftigen Helfern, vor der Geräuschkulisse krachender Schlußakkorde. Doch Bjarne Riis und Silvio Martinello schafften es, sich für einen Augenblick aus der wuselnden Menge zu befreien. Am Rande der Bahn blickten sie andächtig auf den Computerschirm, der das Endergebnis der sechstägigen Hatz ausstrahlte: 1. Bruno Risi/Kurt Betschart (Schweiz) 348 Punkte, eine Runde zurück: 2. Bjarne Riis/Silvio Martinello (Dänemark/Italien) 367, 3. Jimmi Madsen/Jens Veggerby (Dänemark) 350. Sie sahen, daß es gut war, schauten sich zufrieden in die Augen und schritten Arm in Arm zur Siegerehrung. Sixdays in München - Endergebnis:
 1. Risi/Betschart (CH)         348 Punkte

    Eine Runde zurück:
 2. Riis/Martinello (Den/Ita)   367
 3. Madsen/Veggerby (Den)       350
 4. De Wilde/Villa (Ita)        227
    6 Runden zurück:
 5. Kappes/Wolf (Ger)           260
 6. Baffi/Lombardi (Ita)        212
    7 Runden zurück:
 7. Gilmore/McGrory (Aus)       215
    12 Runden zurück:
 8. Freuler/Llaneras (CH/ESP)   167
    16 Runden zurück:
 9. Teutenberg/Dörich (Ger)     135
    34 Runden zurück:
10. Schmidt/Lehman (Ger)        138
11. Fulst/Steinweg (Ger)        112
    35 Runden zurück:
12. Messerschmidt/Beikirch (Ger) 85
    40 Runden zurück:
13. Walzer/Vonhof (Ger)         104
    41 Runden zurück:
14. Weispfennig/Monin (Ger)      57

Es bedeutete eine große Erleichterung für Bjarne Riis, daß er, Straßenspezialist von Weltrang, Tour-de-France-Sieger 1996, Star des deutschen Team Telekom, so respektabel mithalten konnte im Feld der Bahnprofis. Den Bewerb in seiner Heimat Herning hatte er bisher stets als einzigen Pflichttermin unter Hallendach vor dem Winterurlaub in seine Jahresplanung aufgenommen. Nach München verschlug es ihn zum ersten Mal, auf Vermittlung seines Team-Kollegen Giovanni Lombardi, und weil die Gage von 100.000 Mark lockte. Die üppige Bezahlung verpflichtete, vor allem aber sein guter Ruf. Dem wollte er nicht schaden, schon gar nicht im Land seines Arbeitgebers. „Ich kann nicht nur mitfahren“, sagte Riis. Er fürchtete eine Blamage und unterzog sich deshalb spät im Jahr noch einmal strengem Training.

Das machte ihn schnell im Bewerb, vor Erschöpfung schützte es ihn freilich nicht. Die sechs Nächte von München zehrten mehr an seinen Kräften als manche Tour-Etappe. „Meine Beine tun weh“, klagte Riis beim abschließenden Festbankett. Seine Muskeln sind kilometerweite Anstiege gewohnt, nicht Hochfrequenz-Fahrten in der Ebene bei fast 60 Stundenkilometern. „Die Bahn ist nicht mein Terrain“, sagte Riis, „wenn es da einen Berg gäbe, kein Problem – da häng’ ich alle ab.“

Gibt es aber nicht und wird es nie geben. Trotzdem gefiel es ihm so gut auf Münchens Runde, daß er versprach, 1998 wiederzukommen. Die Plackerei hat sich gelohnt für ihn, und zwar nicht nur finanziell: Riis konnte seine Schnelligkeit schulen, außerdem gewann er neue Freunde. Die Münchner Zuschauer kürten ihn zum sympathischsten Fahrer. Und ein nagelneuer Mercedes sprang bei einer Sonderwertung auch noch für den Dänen heraus. „Was will man mehr verlangen“, sagte Riis,„den Sieg vielleicht?“

Gleich nach München fuhr Bjarne Riis für zwei Wochen in Urlaub. Endlich. "Es war eine lange Saison", sagt er. Doch anzusehen sind ihm die Strapazen des Sommers nicht. Sein Gesicht ist immer noch tiefgebräunt. Ende November geht es für Riis auch schon wieder los, dann trifft sich das Team Telekom erstmals wieder. Und dann wird alles wieder so sein wie im Vorjahr, niemand kann sagen, wer am Ende im Rampenlicht stehen wird. Aber eins steht fest, nicht nur für Telekom-Mechaniker Jörg Wohlleben, der Riis in München betreute: "Der Bjarne ist ein ganz Großer. Der kommt nicht nur nach München, macht seinen Job, sondern er kümmert sich um seine Leute, um gute Stimmung."

Mit ihrem 17. Sieg schob sich das Duo Risi/Betschart noch näher an die erfolgreichsten Nachkriegs- Sechstagemannschaften heran. Denn nach ihrem Sieg in München liegen mit 19 Siegen nur noch Rik van Steenbergen/Emile Severeyns (Belgien), Peter Post/Fritz Pfenninger (Niederlande/Schweiz) und die Australier Danny Clark/Anthony Doyle vor ihnen.

In der Finalnacht drehte sich das "Sechstagekarussell" in der Olympiahalle noch einmal auf Hochtouren, und zu den absoluten Höhepunkten gehörte auch der Bahnrekord durch den 25jährigen Australier Matthew Gilmore. Er verbesserte seine eigene Bestmarke von 10,48 Sekunden (68,72 km/h) auf 10,43 (69,0 km/h) Sekunden.
[Süddeutsche Zeitung, FAZ, dpa]


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