Dortmund Sixdays: Bahntechnokraten knapp vor "Schwarzer Neun"

05.11.97 - Traditionell tragen die Publikumslieblinge auf deutschen Sechstage-Bahnen das schwarze Trikot mit der Nummer 9, das Symbol für den Star des Rennens, den Sympathieträger. In Dortmund trug das Paar Rolf Aldag/Silvio Martinello diese Trikots --durchaus bezeichnend für den Status Quo der deutschen Sechstageszene. Denn Rolf Aldag (von Martinello ganz zu schweigen...) ist kein Star, kein Rudi Altig, kein Didi Thurau, kein Olaf Ludwig, die die Zuschauer einst von den Sitzen rissen, wenn sie durch die Kurven wirbelten.

Rolf Aldag (29) ist ein bodenständiger Westfale, seit acht Jahren ist er in der Westfalenhalle immer am Start gewesen, drei Mal gewann er hier, zuletzt im letzten Jahr zusammen mit Erik Zabel. 1997 war er der einzige Deutsche, wenn nicht sogar der einzige Fahrer überhaupt, den das Publikum nicht erst aus dem Programmheft kennenlernt. Prominente Straßenfahrer? - Fehlanzeige. Und eigentlich wollte sich auch Rolf Aldag wie etwa Zabel oder Ullrich nach der strapaziösen Straßensaison kein Sechstagerennen mehr antun. Daß Aldag es am Ende in Dortmund doch tat, war eher ein Gefallen für die Veranstaltung in Aldags Heimat. Die Gage von 30.000 DM (die höchste in Dortmund) schadete zwar nicht, aber so nötig hat Aldag das Geld nach der überaus lukrativen Saison 97 nicht. Und außerdem, sagt Aldag: "Wenn ich nun nächstes Jahr nicht auf die Füße komme und Godefroot mich nicht mit zur Tour nimmt, hat sich das hier alles nicht gelohnt." Statt Urlaub zu machen wie die Kollegen mußte sich Aldag nach seinem letzten Saisonrennen, Paris - Tour Anfang Oktober, mit einsamen spätherbstlichen Training abmühen, um einigermaßen in Form zu bleiben. Mit der Schwarzen Neun kann man es sich nicht leisten, hinterherzufahren.

Am Ende wäre für Aldag/Martinello dann auch fast ein Sieg in Dortmund herausgesprungen, erst auf der Zielgeraden in der letzten Nacht, beim letzten Wertungssprint, in dem Bruno Risi die Nase vorn hatte, fiel die Entscheidung zugunsten des Schweizer Duos Bruno Risi/Kurt Betschart. Als Dritte beendeten die Dänen Jens Veggerby/Jimmi Madsen ebenfalls rundengleich den Wettbewerb. Beide wiesen allerdings schon einen deutlichen Punktabstand gegenüber den zwei Spitzenteams auf. Das Überraschungs-Duo der Veranstaltung, die Australier Scott McGrory/Matthew Gilmore, glänzten noch einmal in der Schlußnacht, mußten sich jedoch am Ende mit Platz vier begnügen. 56. SECHSTAGERENNEN IN DORTMUND
Endstand nach der 6.Nacht
1. Risi/Betschart (CH)........... 435
2. Aldag/Martinelli (D/I)........ 430
3. Veggerby/Madsen (DK).......... 374

eine Runde zurück
4. McGrory/Gilmore (AUS)......... 268

zwei Runden zurück
5. Villa/Beikirch (I/D).......... 234
6. Teutenberg/Dörich (D)......... 228

Das Gewinner-Duo Risi/Betschart, aber auch etwa die Dänen Madsen/Veggerby, repräsentieren einen neuen Typ von Bahnfahrer. Früher waren prominente Fahrer auf der Bahn vorn, Fahrer, die auch auf der Straße siegten. Etwa Olaf Ludwig (heute sportlicher Leiter in Dortmund) oder der Schweizer Urs Freuler, der nicht nur 21 Sechstagerennen gewann, sondern auch 27 Etappen bei Tour de France, Giro d'Italia und Tour de Suisse. Der 39 Jahre alte Freuler, in Dortmund am Start mit dem Dortmunder Ronny Lauke, wird im Dezember in Zürich seine Karriere beenden. "Beim Sechstagerennen fehlt heute der Spaß", so Freuler. "Die Fahrer sind zu verbissen geworden und bieten den Zuschauern keinen Spaß mehr."

Heute dominieren in den Hallen farblose Bahntechnokraten die Rennen, mit hohem Tempo zwar, aber unspektakulär, im Bewußtsein hehrer Sportlichkeit. Bruno Risi behauptet: "Ein Sechstagerennen stellt die gleichen sportlichen Anforderungen wie eine einwöchige Rundfahrt. Vier Sechstagerennen am Stück sind wie der Giro d'Italia." Beim Sechstagerennen ist der Wandel zum reinen Spezialistentum voll im Gange. Aus rein sportlichen Gesichtspunkten sicher interessant, aber auch in Zukunft interessant genug für das "Volksfest Sixdays"?

In dieser Hinsicht hatten die Veranstalter in Dortmund in diesem Jahr noch keinen Grund zur Klage. Die Veranstalter zogen eine positive Bilanz. Rund 70.000 Zuschauer kamen zum 56. Dortmunder Sechstagerennen, in der Schlußnacht waren es 10.000. "Im Vergleich zum Vorjahr haben wir damit unsere Besucherzahlen leicht erhöht", erklärte Mit-Veranstalter Ernst Claußmeyer. "Mit den gestiegenen Zuschauerzahlen haben sich auch die Umsätze in der Gastronomie positiv entwickelt", zeigte sich Westfalenhallen-Chef Ludwig Jörder zufrieden. So gingen allein 170.000 Becher Bier über die Tresen. [FAZ, dpa]


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