Tony Rominger nimmt Abschied02.11.97 - Tony Rominger fuhr am heutigen Sonntag bei einem Kriterium in Valencia sein letztes Rennen. Mit dem 36jährigen Schweizer verläßt ein ebenso interessanter wie erfolgreicher Rennfahrer die Profiszene. Rominger, im "richtigen Leben" von Beruf Buchhalter, wurde 1986 Radprofi. In seinem zweiten Profijahr ließ er bereits aufmerken mit dritten Plätzen bei Milan-San Remo und Tirreno Adriatico. 1989, Rominger war gerade zum Top-Team Chateau d'Ax gewechselt, kam dann sein Durchbruch: Siege u.a. bei der Mittelmeerrundfahrt, bei Tirreno Adriatico, und der Lombardei-Rundfahrt. Von da an brauchte es schon Superlative, um seine Erfolge zu würdigen: drei Siege bei der Vuelta a Espana (92,93,94), der Stundenweltrekord (94 in Bordeaux) und ein Sieg beim Giro d'Italia (95) sprechen für sich. Aber allein mit der Aufzählung seiner Siege wird man Tony Rominger nicht gerecht. Rominger war nie einer der glatten "Sonnyboys", für Rominger war der Radsport ehrliche Arbeit, nie Show oder Entertainment.
In der Schweizer Wochenzeitung SPORT schrieb Rominger regelmäßig Kolumnen. Seine Kollegen dort schrieben amläßlich seines Abschieds:
Das berndeutsche Wort "Sürmu" lässt sich nur schwer übersetzen. Griesgram kommt ihm am nächsten, ist aber zu hart. Ein "Sürmu" ist nur die Vorstufe zum Griesgram, kein hoffnungsloser Fall und durchaus noch liebenswert. (...) Tony Rominger war in den zwölf langen Jahren seiner Karriere, in denen er den Schweizer Radsport wieder zum Glänzen brachte, nicht selten ein "Sürmu". Zuversicht war für ihn lange ein Fremdwort. Bevor er sich 1992 mit dem Sieg in der Vuelta zum Champion machte, war er ein Zweifler, der zuerst die Leistung erbringen musste, bevor er daran glaubte, dazu auch fähig zu sein. Doch auch danach war er noch einer, der, wenn er nicht in der richtigen Stimmung war, auch auf dem Siegerpodest nicht strahlte, einer, der mit zur Schau getragenem "Lätsch" offen zeigte, was er vom ganzen Rummel hielt. Er wollte als Velorennfahrer und Spitzensportler respektiert werden, er hasste es, wenn dieser Respekt fehlte, doch es war ihm stets ebenso zuwider, wenn er vergöttert wurde.(...)
Rominger bezeichnete sich selber auch mal als Bünzli oder Langeweiler. Die Selbsteinschätzung passt zu dem von aussen als "Sürmu" empfundenen Menschen. Dabei sie ist nur der Ausdruck seiner ausgeprägten Selbstironie. Und ist in Wirklichkeit so falsch wie das oberflächliche Bild des "Sürmu". Denn Tony Rominger, der erfolgreichste Schweizer Sportler des letzten Jahrzehnts, war für uns Journalisten nur im Stress, wenn er alles, auch sein Image, dem Erfolg unterordnete, ein unangenehmer Partner. Hatte er oder nahm er sich Zeit, wurden Interviews mit ihm zu Highlights. Da wurde er zum scharfsinnigen Analytiker, feinfühligen Zweifler und harten Kritiker. Er hinterfragte nicht nur die andern, sondern auch seinen Sport und sich selbst. Und manchmal hatte man das Gefühl, nur der (meist an Sarkasmus grenzende) Humor lasse ihn in diesem Zirkus überleben, der zuletzt eigentlich gar nicht mehr seine Welt war.
[Martin Born in "SPORT"]
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