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Bjarne Riis: Wenn Ullrich vorne ist, werde ich nicht angreifen

Das Interview führte Philippe Bouvet und erschien am 05..07.1997 in L'Equipe.

L'Equipe: Bjarne, wie viele Interviews haben Sie vor der letztjährigen Tour de France gegeben?

Riis: Schon einige. Aber weniger als dieses Jahr.

L'Equipe: Und dieses Jahr- wie viele haben Sie abgelehnt?

Riis: Viele! Manchmal wurde es zu viel und es gab manche Tage, da brauchte ich einfach etwas Zeit für mich selbst.

L'Equipe: Wie haben Sie sich gefühlt beim Tourstart letztes Jahr, als Ihr Name bei den Favoriten kaum genannt wurde?

Riis: Das war für mich normal. Miguel war natürlich der Favorit.

L'Equipe: Und Sie- haben Sie beim Start geglaubt, es würde Ihre Tour?

Riis: Ich war nicht sicher, obwohl ich wußte, daß ich gut war. Man weiß aber nie, ob es gut genug ist, um zu gewinnen. Auch dieses Jahr bin ich nicht 100% sicher, aber zumindest weiß ich, daß es möglich ist. Ich habe mehr Selbstvertrauen. Ich hoffe, ich bin stärker in den Bergen.

L'Equipe: Stärker als in Sestrieres und Hautacam [1996] ?!?

Riis: Ja! Letztes Jahr war OK... Aber der Punkt ist nicht, wie stark ich bin... Hauptsache ich gewinne. Ich werde auch psychologisch stärker sein müssen- da ist jede Menge Druck auf mich und ich darf nicht meine Energie davon auffressen lassen.

L'Equipe: Bis letztes Jahr waren Sie ein geheimer Champion- Sie haben sich Zeit gelassen, sich zu zeigen. Wie erklären Sie das?

Riis: So ist das eben... Ich bin jedes Jahr ein wenig besser geworden. Als ich nach Italien ging [zu Ariostea von Giancarlo Ferretti 1992] habe ich mein Training umgestellt. Ich habe 4 bis 5 Kilogramm verloren bis zum Tour de France-Start.

L'Equipe: Wie erklären Sie sich, daß Sie so lange unterschätzt wurden? Sie wurden immer als Domestike angesehen...

Riis: Vielleicht war ich in den Anfangsjahren schon fähig den Giro als 15. oder 20. zu beenden, aber das hätte nichts geändert... Für mich hätte das nichts bedeutet, es war viel besser für jemanden wie Fignon zu fahren. Wenn ich nicht so viel für ihn gearbeitet hätte, vielleicht wäre ich nie zur Spitze aufgestiegen, jedenfalls nicht schneller. Ich brauchte diese Arbeit um mich zu verbessern. 1993 war alles anders. Ich bin eine sehr, sehr kluge Tour [am Ende Fünfter] gefahren. Da wußte ich: ich habe das nötige Durchhaltevermögen.

L'Equipe: Erkennen Sie sich selbst in frühen Fotos von Rennen? Ist es komisch, diese rosigen Bäckchen zu sehen?

Riis: Mhm. Ich bin immer noch der selbe Fahrer. Natürlich habe ich mich verändert. Ja, es ist komisch. Ich war jung...

L'Equipe: Wenn jemand vor 5 Jahre zu Ihnen gesagt hätte: Sie gewinnen die Tour. Hätten Sie ihm geglaubt?

Riis: Es wäre mir schwer gefallen. Aber als ich sah, ich konnte 5. oder 3. werden, dachte ich: vielleicht könnte ich gewinnen. Ich glaube es war 1993, in Isola 2000, da habe ich mir gesagt: "Ah! Vielleicht hat sich was geändert!" Es war das allererste Mal, daß ich mit den Allerbesten [Rominger, Indurain, etc] am Berg mithalten konnte. Von da an wußte ich, auf der Basis konnte ich weiterarbeiten. Aber sogar jetzt noch ist es immer noch möglich besser zu werden. Gut, besser als letzes Jahr, das wird schwer, aber in den Jahren davor, da wußte ich, daß ich besser werden konnte.

L'Equipe: Können wir sagen, daß Giancarlo Ferretti für Ihre Wandlung verantwortlich ist?

Riis: Er war derjenige der mich weiter gebracht hat als ich bis dahin für möglich hielt. Vielleicht hat er selbst nicht geglaubt, daß ich 1993 [bei der Tour de France] 5.würde, aber er hat mich gepusht. Ich erinnere mich an die Tour de Suisse 1993- er war ständig hinter mir her, hat mich angeschrien anzugreifen, an mich zu glauben, in Führung zu gehen. Ich dachte, ich war ganz gut und wir haben das Rennen mit Saligari gewonnen. Aber Ferretti muß gedacht haben ich sei zu locker, zu selbstzufrieden, bis ich eines Tages zu ihm sagte: "OK, Stop! Ich tue mein Bestes..." Aber vielleicht war es genau das was er wollte, daß ich weniger selbstzufrieden war. Als wir zur Tour kamen, habe ich jeden Tag attackiert und schließlich in Chalon-Sur-Marne [7. Etappe der Tour 1993] habe ich gewonnen. Das war ein sehr wichtiger Sieg. Danach haben sich die Dinge einfach ergeben. Ich habe realisiert, daß ich viel mehr Potential hatte als ich dachte, daß meine Grenzen viel höher lagen als ich dachte.

L'Equipe: Bedauern Sie, daß Sie erst mit 32 die Tour gewonnen haben?

Riis: Nein, ich fühle mich wie 25. Ich fühle mich nicht wie 33, ich kann mich noch verbessern, glaube ich.

L'Equipe: Also: wenn man seine erste Tour mit 32 gewinnt- wieviele Jahre kann man noch ganz vorne mitfahren?

Riis: Es ist schade, daß jeder darüber redet. Ich denke gar nicht daran. Es kümmert mich gar nicht, daß ich mit 32 gewonnen habe. Ich fahre Rad weil ich immer noch Spaß daran habe.

L'Equipe: Bedeutet es für Sie viel, Indurain abgelöst zu haben?

Riis: Ich habe nicht nur Indurain abgelöst. Das wichtigste war, zehn andere zu schlagen, die Tour zu gewinnen. Aber es war schon ein Bonus...

L'Equipe: Kann man sagen, daß Sie der erste waren, der erkannt hat, daß [Indurain] geschlagen werden kann?

Riis: Vielleicht ja. Ich habe ihn viel beobachtet. Obwohl er ein großartiger Fahrer war- er mußte einfach seine Grenzen haben. Er wurde nicht oft wirklich hart attackiert. Und, ich habe öfter gesehen, daß wenn er früh in den roten Bereich gehen muß, er schnell müde wird. Als ich ihn am Tourmalet 1995 attackiert habe, hatte er ganz schön Mühe mir zu folgen. Als ich noch mal attackierte [in Cauterets], hat er mich ziehen lassen... Da wußte ich, daß es ihm weh tat, er litt. Wenn man genau hinschaut, läßt er immer andere die Arbeit machen und dann, am letzten Anstieg [Col] fuhr er allen davon.

L'Equipe: Sie machen den Eindruck, als wollten Sie den zweiten Tour-Sieg sogar mehr als Ihren ersten. Als ob Sie etwas beweisen wollten...

Riis: Natürlich ist mein Wille stärker, aber nochmal so zu gewinnen ist viel... Aber ich werde es wird nicht so machen wie andere im Giro, wo niemand [Tonkov und Gotti] am Mortirolo attackiert hat. Das war schade! Besser untergehen als es nie versucht zu haben!

L'Equipe: Ihr Triumph beim Amstel- wollten Sie zeigen, daß Sie den Toursieg auch verdienen?

Riis: Da habe ich gezeigt, daß ich ein kompletter Rennfahrer bin. Ich war sehr, sehr glücklich. Finden Sie jemanden, der so fahren kann wie ich [beim Amstel] in den letzten 50 km. Es gibt nicht viele, die das tun können. Ich habe nicht nur ein Rennen gewonnen, ich habe es mit Stil gewonnen, mit Größe.

L'Equipe: Sind Sie genauso zufrieden mit Ihrer Tour-Vorbereitung wie letztes Jahr?

Riis: Ich weiß nicht ob ich stärker bin, aber ich habe viel in den Bergen trainiert. Ich fühle mich gut. Nach den Klassikern hat meine Kondition etwas nachgelassen, aber das ist normal. Ich hatte auch Angst, zuviel zu machen. Ich wollte nicht schon vor der Tour müde sein, auch nicht mental müde. Aber seit der Tour de Suisse ist es OK, ich bin zuversichtlich.

L'Equipe: Reden wir über Jan Ullrich. Ist er für Sie der Champion von morgen?

Riis: Ja. Bestimmt. Er hat ein riesiges Talent. Und in seinem Alter...

L'Equipe: Abgesehen von St. Emilion [Zeitfahren Tour 1996, das Jan gewinnen konnte], gab es Tage, an denen Sie dachten, er wäre stärker als Sie?

Riis: Nein, ich war stärker als er. Ich wußte daß er gut war, aber ich habe mir keine Sorgen gemacht.

L'Equipe: Sind Sie der Kapitän ["Leader"] von Telekom, oder sind sie beide Kapitäne?

Riis: Ich bin Kapitän.

L'Equipe: Wenn Sie an seiner Stelle wären, würden Sie nicht versuchen , die Tour zu gewinnen dieses Jahr?

Riis: Ich weiß nicht, was er in seinem Inneren denkt. Aber man muß sehen, daß es eine Sache ist, eine Tour gut zu fahren, aber sie zu gewinnen eine andere. Das Gelbe Trikot zu tragen ist nicht einfach. Letztes Jahr hatte ich keinen Druck. Selbst wenn ich zehnter geworden wäre, wäre jeder happy gewesen. Wenn Ullrich vorne ist, werde ich nicht angreifen. Das ist normal- man greift keinen n Teamkollegen an. Ullrich und ich haben die Rollen nicht getauscht. Wir versuchen die Tour zusammen zu gewinnen.




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