Bizarre Enthüllungen - Die PDM '91-Saga: Sex, Drogen, Verbrechen

01.12.97 - Im Rahmen der Doping-Enthüllungen, die fast eher zufällig durch die Ermittlungen der niederländischen Steuerfahndung gegen den ehemaligen PDM-Teamarzt Wim Sanders publik wurden, kommen immer bizarrere Details aus dem Alltag des einstigen Top-Rennstalls ans Licht. Sanders wird vorgeworfen, einer ganzen Reihe von Sportlern verbotene Mittel verabreicht zu haben. Darüber hinaus wird er von der Staatsanwaltschaft Maastricht verdächtigt, einen regen Handel mit Amphetaminen betrieben zu haben. Wahre Abgründe scheinen sich da aufzutun: Die Zeitung De Limburger recherchierte, daß der Hauptzulieferer von Sanders, ein belgischer Apotheker namens Willy Jeandarme, u.a. auch in einen Ecstasy-Drogenring verwickelt war. Pikanterweise soll der PDM-Rennstall Jeandarme mehrmals auch direkt bezahlt haben.

Wim Sanders erscheint bei all dem als "die Spinne im Netz des Skandals" (Algemeen Dagblatt). Er bestreitet die Vorwürfe. Sanders im niederländischen Fernsehen: "Das ist alles Unsinn." Aber die Beweise scheinen erdrückend. Sechs ehemalige Assistentinnen von Sanders stehen der Staatsanwaltschaft zur Verfügung. Mit den Zeugenaussagen der Assistentinnen glaubt die Staatsanwaltschaft nachweisen zu können, daß Sanders zwischen 1990 und 1995 in Apotheken der Provinz Limburg sowie bei jenem belgischen "Ecstasy-Apotheker" insgesamt 178 Ampullen Eprex gekauft habe. Eprex ist der Handelsname von Erythropoietin, kurz EPO. Seinen Mitarbeitern erzählte Sanders, es seien "Vitamin-Präparate". Verhängnisvoll ist für Sanders nun, daß er bei den Apotheken auf Rechnung kaufte und diese Rechnungen ordnungsgemäß auch in seiner Buchhaltung auftauchen.

Natürlich kann man Sanders nicht allein für die ganzen Vorgänge verantwortlich machen. Zunächst einmal wirken viele, die sich jetzt "betroffen" und "erschüttert" von den damaligen Vorgängen zeigen, etwa so wie der Polizeichef im Kult-Film Casablanca, als er in Ricks Cafe "geschockt" ist, daß dort Glückspiele stattfinden. Immerhin war es etwa in Italien bis mindestens Anfang der Neunziger so, daß jemand von den Fahrerkollegen erst als "richtiger" Rennfahrer anerkannt wurde, wenn er eine Dopingsperre abgesessen hatte. Die Wahrheit ist nun einmal, daß damals 80-90 Prozent der Rennfahrer EPO spritzten. Und PDM war ganz sicher keine Ausnahme, wollte dies auch nie sein. Der frühere PDM-Manager Manfred Kricke sagte gegenüber De Limburger: "Als wir mit PDM begannen, haben wir miteinander abgesprochen, nicht das größte ethische Team des Peloton werden zu wollen."

Im Jahr 1991, fünf Jahre nach Gründung des PDM-Teams, war PDM sicher eines der besten Radsport-Teams der Welt. Aber genauso sicher war es auch "nicht das größte ethische Team der Welt". Schon vor dem großen Knall bei der Tour de France 1991 brodelte die Radsportwelt nur so mit Gerüchten über die Vorgänge bei PDM. PDM stand eigentlich für PHILLIPS DUPONT MAGNETICS, den Sponsor des Teams, aber in den Niederlanden witzelten schon vor 1991 viele, PDM stehe für "Prestatics Door Manipulatics" und in Frankreich spottete man über das Team "Plein de manipulations de dopage".

Auch in anderer Hinsicht war PDM nicht "das größte ethische Team des Pelotons". Bei der Tour de France etwa sollen nach Siegen nicht nur herbe Masseure die Fahrer entspannt haben. Und wenn die Rennfahrer dann schließlich schlafen gehen mussten, sollen dann Teamchef Jan Gisbers und -wer sonst?- Teamarzt Win Sanders mit den Mädchen weitergefeiert haben.

Der große Knall kam am 15. Juli 1991. Alle Fahrer des PDM-Teams, zu dem damals auch Falk Boden und Uwe Raab gehörten, stiegen mit zum Teil hohem Fieber vom Rad. Und PDM war nicht irgendein Team: im Gesamtklassement hatte PDM drei Fahrer vorn dabei, es war das Favoritenteam. Mitten im größten Medienaufgebot den es im Radsport gibt, stand plötzlich die "Ethik" des PDM-Teams im Mittelpunkt allen Interesses. Die Teamleitung dementierte sofort vehement alle Dopingspekulationen. Teamchef Gisbers sprach von Salmonellen-Vergiftung, Grippe, verdorbenem Essen. In seiner Panik, behauptete Gisbers sogar, er sei selbst auch krank. Niemand glaubte den Unschuldsbeteuerungen der Teamleitung. Tour de France-Chef Jean-Marie Leblanc kündigte sofort an, man werde PDM für die Tour 92 sperren. Bei einer dramatischen Pressekonferenz sagte Leblanc: "PDM hat in dieser Affäre mit Tricks und Täuschung gearbeitet. Teamchef Gisbers ist ein kleiner Verbrecher und ein Lügner." Nun, fünfeinhalb Jahre später scheint die Wahrheit herauszukommen.

Die niederländische Regierung hat durch Staatssekretärin Erica Terpstra eine offizielle Untersuchung des ganzen Falles angekündigt.

[Quellen: NOS, FAZ und diverse niederländische Tageszeitungen, insbesondere De Limburger (Maastricht)]


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