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Zum Beispiel Torsten Schmidt: Selbstloser Einsatz bei der Tour bis zur völligen Erschöpfung"Für eine Herausforderung wie diese ist es nie zu früh"
Von Rainer Seele (in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.97)
LA CHATRE. Die Tour de France ist erst knapp eine Woche alt, und doch spürt Torsten Schmidt schon eine gewisse Erschöpfung. Der Radrennfahrer fühlt sich ein bißchen müde, aber damit hatte er gerechnet. Schließlich hat der Wuppertaler mit Wohnsitz Bonn in diesem Jahr bereits den Giro d’Italia bestritten. Ein solches Programm muten sich selbst manche gestandene Radprofis nicht zu. Doch Schmidt griff beherzt zu, als sich die Chance bot, auch an der Frankreich-Rundfahrt teilzunehmen. Der Lette Piotr Ugrumov, Kapitän des italienisch-russischen Rennstalles Roslotto-ZG, war während des Giro erkrankt. Schmidt, der 25 Jahre alte Neu-Profi, durfte den frei gewordenen Platz einnehmen. Es könne nie zu früh sein, sagte er, sich an eine Herausforderung wie die Tour de France zu gewöhnen. Schließlich habe er sich schon als kleiner Junge das Ziel gesteckt, "da mitzufahren".Nun strampelt er sich für erfahrene Kollegen ab, verrichtet Kärrnerarbeit, so wie er es beim Giro getan hatte. Damals hatte sich Schmidt mit seinem Fleiß den Respekt seines Teams erworben, und auf einer der Bergetappen war der frühere Nationalfahrer auf der Bahn sogar Zwanzigster geworden. In Frankreich wird an eine solche Plazierung vermutlich nicht zu denken sein. Nach der vierten Etappe belegte Schmidt den 188. Platz, mit fast 25 Minuten Rückstand auf den führenden Mario Cipollini. Nur fünf Fahrer lagen noch hinter ihm. Der Deutsche sieht gleichwohl keinen Grund, sich zu grämen. Ihm wäre es auch, sagt er, nicht unangenehm, Letzter zu werden. Daß Schmidt Tag für Tag Zeit einbüßt, daß die Spitze des Feldes sich immer weiter von ihm entfernt, ist die Folge seines selbstlosen Einsatzes. Er muß sich um die Anführer seiner Mannschaft kümmern, ihnen Windschatten bieten, Verpflegung herbeischaffen oder einem seiner Kameraden bei einem Defekt sein Rad überlassen. "So läppern sich die Minuten zusammen." Schmidt hat trotzdem seinen Spaß bei der Tour de France. Es sei ein schönes Gefühl, die Menschenmengen am Straßenrand zu sehen, sagt er. Und immerhin erhält auch einer wie er Applaus von den Radsport-Enthusiasten.
Beim Prolog in Rouen war sogar ein Transparent mit seinem Namen zu sehen - sein Vater hatte es angefertigt. Mitunter kommt sich Schmidt wie auf einer Bildungsreise vor. "Ich finde es interessant, Frankreich auf diese Art kennenzulernen." Ohnehin hat Schmidt ein Faible für südliche Länder. Vermutlich zog es ihn auch deswegen nie zum Team Deutsche Telekom. Wahrscheinlich ist, daß er seinen Vertrag in Italien demnächst verlängern wird. Sein Auftreten beim Giro verbesserte seine Situation deutlich. "Es sieht ganz gut für mich aus."
Im vergangenen Jahr, als Schmidt, der einst Olympia Dortmund angehörte , einen Arbeitsplatz suchte, hatte ein Bekannter die Verbindung zu Roslotto-ZG hergestellt. Nach einer Testfahrt war Schmidt engagiert. Angebote aus Spanien und Belgien schlug er aus. Der Radprofi Stefano Cattai, der mit einer deutschen verheiratet ist, erleichterte ihn das Entree bei den Italienern. Schmidt, der sich inzwischen auch auf Italienisch verständigen kann, läßt keinen Zweifel daran, daß er sich bestens aufgehoben fühlt bei Roslotto-ZG, dessen Manager der ehemalige Weltmeister Moreno Argentin ist. "Man braucht wirklich nur radfahren." Hauptsponsor der Equipe, die über einen Jahresetat von angeblich neun Millionen Mark verfügt, ist die russische Lotto-Gesellschaft. Dazu gesellen sich italienische Geldgeber. Die Radprofis, acht Italiener, acht Russen ein Tscheche und Schmidt, fahren unter italienischer Lizenz. Argentin sei ein seriöser Mann, versichert Schmidt. Spekulationen, daß manches nicht nachvollziehbar sein könnte bei dieser russisch-italienischen Allianz, weist er zurück.
Demnächst, wenn der Tour-Troß das flache Gelände verläßt, wird Schmidt wieder Neuland betreten. Noch nie ist er über die Pyrenäen geradelt. Seine Sport-Chefs, das weiß er, hätten Verständnis dafür, wenn er in den bergen kapitulieren würde. "Die sind nicht böse, wenn es nicht mehr geht." Andererseits geht Schmidt trot der hinter ihm liegenden Strapazen auch die kommenden Aufgaben selbstbewußt an. Typisch für einen Wasserträger, der behauptet, auch vor großen Namen keinen respekt zu haben. Dann wäre ich doch", sagt Schmidt, "nur gehemmt." Und schließlich, fügt der Lehrling aus Deutschland hinzu, sei es ja nicht so, "daß man Halbgötter um sich rumhat."
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.97. © FAZ.)
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