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Nebenbei bemerkt...
Rund um den Henninger Turm 1997 - "War gutt!"

Von Kersten Volk
Frankfurt/M. (01.05.97) - Der Henninger Turm ist schon ein eigenartiges Rennen. Im frühlingshaftem Taunus-Mischwald erinnert es manchmal ein bißchen an Lüttich - Bastogne - Lüttich, am Mammolshainer Berg mit den tausenden von tobenden Fans sieht es dann aus wie bei einer Giro-Etappe. Wenn es in Frankfurt am Opernplatz vorbeigeht, ist es ein bißchen so wie beim Tour-Finale am Place de la Bastille. Und ganz am Schluß, wenn es drei Mal tatsächlich "Rund um den Henninger Turm" geht, ist es plötzlich wie bei einem kleinen belgischen Kirmes-Rennen.

Aber es ist schön und wichtig für den deutschen Radsport, daß dieser deutsche Klassiker (Henninger Turm ist älter als das Amstel Gold Race!) gehegt und gepflegt wird. Die unermüdlichen Moos-Brüder tun dies. Und die Fans auch! Erlebt man die Stimmung am Mammolshainer Berg, kriegt man leicht eine Gänsehaut. Ich muß dann immer an meine ersten (Fernseh-)Tour de France-Erlebnisse denken: Herbert Watterott in den frühen 80ern über Telefonleitung in der ARD, Alp d'Huez oder Sestriere und Watterott mit Pathos in der Stimme: "Sie sind wiiieeder zu ta-aausenden herrraufgekommen mit ihren Rennrädern...". Der Mammolshainer ist sicher nicht der Tourmalet, aber am 1.Mai ist hier nicht zu merken, daß Radsport in Deutschland eine Randsportart ist. Mehr als eine Million Zuschauer säumten die Straßen beim Henninger 1997! Und beim ebenfalls am 1.Mai stattfindenden "Rund um Köln/Bonn" waren auch noch mal einige zig Tausend Zuschauer. An normalen Fußball-Bundesliga Wochenenden kommen weniger als 300.000 Zuschauer in die Stadien. Randsportart Radsport?

Der Hessische Rundfunk überschlägt sich auch geradezu beim Henninger, versucht es wenigstens. Live-Übertragung von Start bis Ziel. Fünf, sechs Stunden. Soviel Radsport kommt in der ARD-"Sportschau" sonst in 3 Jahren nicht. Übertragungstechnik vom Feinsten: 2 Hubschrauber, 3 Motos, dazu noch einige fest installierte Kameras. Schöne Bilder. "Weltniveau". Das Problem ist jedoch, daß auch noch Kommentatoren da sind... Jürgen Emig und Herbert Watteroth, die Radsport-Allzweckwaffen der ARD.

Watteroth, ok, gut. Lassen wir ihn hier mal wegen nostalgischer Gefühle draußen. Zuviel Erinnerungen an seine legendären Tour-Übertragungen zu Zeiten von Zoetemelk, Delgado, Hinault, Fignon -als es noch kein Eurosport gab.

Aber Herrn Emig können wir hier nicht ganz so einfach davonkommen lassen. Dem Kommentar von Jürgen Emig kann JEDER folgen. Radsportkenntnisse braucht man nicht. Man bekommt aber auch keine durch ihn. Emig schwadroniert vor allem über Nebensächlichkeiten. Mal minutenlang und wiederholt über die Kelkheimer Möbelbranche, mal über eine neue Holdingstruktur bei der Hoechst AG. Und jedes Jahr aufs Neue gibt er die beiden Versionen über die Entstehung des Namens der Eselsheck-Steigung zum Besten. Und -achten Sie mal drauf!- bei jeder, wirklich jeder Radsportübertragung berichtet er nach spätestens 4 Minuten über die "neuen" Shamal-Felgen und die Erfindung von Klick-Pedalen. Meist gerade dann, wenn im Rennen etwas Entscheidendes passiert.

Aber der Tiefpunkt der Live-Übertragung ist das noch gar nicht. Der ist immer dann erreicht, wenn ein gewisses Reporterchen namens Werner Damm auf dem Bildschirm auftaucht. Dann heißt es aufpassen- irgendetwas (unfreiwillig) komisches wird garantiert passieren.
Unvergessen Henninger Turm 1996, im Ziel. Werner Damm will den Sieger interviewen. Leider verwechselt er Bjarne Riis mit Beat Zberg:
Dieses Jahr hat Herr Damm dann Bjarne Riis sofort erkannt. (Wozu so ein Tour de France-Sieg alles gut ist...) Seine Fragen an Riis waren allerdings auch nicht intelligenter als sonst. Ob es nicht viel leichter als letztes Jahr war, weil die Strecke 40km kürzer war. Auch nicht schlecht das Interview mit Udo Bölts: Ein echtes Kleinod der Fernseh-Real-Satire war das "Interview" mit Sieger Michele Bartoli. Das Problem war, daß der Reporter kein Italienisch, der Rennfahrer kein Deutsch, und beide kein Englisch konnten. Auf die Idee, einen Dolmetscher bereit zu haben war man nicht gekommen- wer rechnet auch schon damit, daß ausgerechnet ein Italiener ein Radrennen gewinnt ?!? Also übernahm die Übersetzungsaufgabe ein gerade zufällig herumstehender Radsportfan- ein hessisch-italienischer Pizzabäcker. Bartoli's Antwort auf die Frage nach Rennverlauf war sehr, sehr ausführlich, ein minutenlanger italienischer Wortschwall - die "Übersetzung" war etwas knapper: "War gutt".

Reporter Damm in der Abmoderation: "Wir haben viel Spaß gehabt!" - Da hat er dann doch ein mal richtig gelegen...




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