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Einst das schwerste Amateurrennen der Welt / Nach 50 Jahren ist der ideologische Ballast abgeworfenDie Friedensfahrt war ein Feiertag in den Zeiten des Sozialismus
Von Michael Reinsch (in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.97)
BERLIN. Ausgerechnet am 1. April 1989 eröffnete das Neue Deutschland, das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, den Lesern eine neue Dimension des bedeutendsten jährlichen Sportereignis der DDR. Keine drei Wochen nach der Kapitulation Deutschlands sollen demnach in Löbau in der Oberlausitz zwanzig Artilleristen der polnischen Volksarmee in Uniform und mit Waffen ein Radrennen über 25 Kilometer bestritten haben; initiiert vom Politoffizier, gestartet mit einem Gewehrschuß und - unter dem Namen Friedensfahrt.
Da kam ein halbes Jahr vor der politischen Wende viel zusammen, was die Bedeutung der Friedensfahrt im sozialistischen Teil Deutschlands spiegelt: der Ursprung auf deutschem Boden, die Initiative der Befreier im Waffenrock und der Anspruch, selbst waffenstarrend für friedlichen, freundschaftlichen Wettbewerb einzustehen. Die Geschichtsschreibung ignoriert die Löbauer Episode. Nach ihr geht das Rennen auf eine Initiative der Sportredaktion der von Trybuna Ludu zurück, dem Zentralorgan der Tschechoslowakei. Sie überredete die Kollegen in der Sportredaktion von Rude Pravo zu einer „Freundschaftsfahrt" von Radamateuren zwischen den Hauptstädten. 1948 starteten in Warschau sechs und in Prag vierzehn Mannschaften zu zwei parallelen und entgegengesetzten Etappenrennen. Nur Fahrer aus sogenannten Volksdemokratien nahmen teil.
1950, nachdem schon Franzosen und Finnen dabeigewesen waren, wurden auch Amateure aus der DDR eingeladen, erstmals war von Friedensfahrt die Rede. Täve Schur, der zweimal gewann, erzählt heute noch von dem Unbehagen, das ihn 1952 im zerstörten Warschau befiel. Mit den Teamkameraden wollte er Polen, Tschechen und Slowaken das Bild von einem neuen Deutschland vermitteln mit Kranzniederlegungen in den einstigen Konzentrationslagern und Bekundungen von Friede und Völkerfreundschaft. Die Zeitung Neues Deutschland wurde 1952 Mitorganisator, Ost-Berlin wurde aufgenommen in die Reihe der Start- und Zielorte.
Aus Zeichen der Sühne wurden politische Routine und ideologischer Triumph. In einem Album des VEB Volkskunstverlags Reichenbach wird der Sieg eines Belgiers auf der Etappe Cottbus - Berlin am 8. Mai 1954, dem Tag der Kapitulation und der Befreiung, in einen Triumph des Sozialismus umgedichtet:
"Der Jubel der 80.000 im Berliner Walter-Ullbricht-Stadion versammelten Zuschauer kennt keine Grenzen, als vor den Augen unseres Präsidenten Wilhelm Pieck und der Regierungsmitglieder ein Fahrer im roten Trikot mit dem Staatssymbol der Sowjetunion als erster in das riesige Oval des größten Stadions im demokratischen Sektor von Berlin einfährt. Diese großartige Leistung des Fahrers Nemytow wird auch keineswegs dadurch geschmälert, daß ihn der routinierte und spurtstarke belgische Fahrer van Meenen auf den letzten Metern um ein weniges überholt. Mit dieser hervorragenden Leistung haben sich die sowjetischen Sportler die Hochachtung auch des letzten Fahrers der europäischen Elite gesichert. Es war eine Leistung zu Ehren ihrer für die Freiheit aller Völker gefallenen Brüder."
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Ostblocks zog sich die Tschechoslowakei für ein Jahr zurück: 1969 führte die Friedensfahrt direkt von Warschau nach Ost-Berlin. 1985 bestand die Sowjetunion auf einem Start in Moskau, im Jahr darauf verlegte sie den Start nach Kiew zum propagandistischen Beweis, daß die Atomkatastrophe von Tschernobyl nichts war. Lediglich 69 Teilnehmer mochten mitmachen. Zum vierzigsten Rennen 1987 verankerten die Veranstalter im ersten Paragraphen ihres Reglement den Anspruch. „Die Internationale Friedensfahrt verbindet den sportlichen Wettkampf mit dem gemeinsamen Streben der Völker den Weltfrieden zu festigen und die friedliche Koexistenz zur Grundlage der Beziehungen zwischen den Staaten mit verschiedenen Gesellschaftsordnungen durchzusetzen. Die Friedensfahrt manifestiert die Entschlossenheit aller ihrer Teilnehmer, für dauerhaften Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit der Völker einzutreten." Selbst nach der Wende, als nicht mehr sozialistische Staaten, sondern Sportverbände die Rundfahrt mühsam fortzusetzen suchten, behinderte sie dieser Ballast. Als 1991 Berlin zum Start am Kurfürstendamm im Westen einlud setzten die mit Geld von der Olympiabewerbung der Stadt ausgestatteten Funktionäre durch, daß der Name in Course de la Paix verändert wurde und der Verein zur Rettung der Friedensfahrt unter Leitung von Schur nicht beteiligt wurde. Der Auftakt machte Schlagzeilen, weil das Rennen chaotisch organisiert war und die Fahrer im Straßenverkehr verlorengingen.
Da war es dann vorbei mit der Begeisterung des Publikums. Hunderttausende, Millionen hatten früher die Straßen gesäumt, Friedensfahrt war Feiertag gewesen in den Zeiten des Sozialismus. Schulen und Kindergärten, Behörden und Produktionsbetriebe, sogar Kasernen öffneten ihre Tore und entließen Menschenmassen an die Stecke, wo sie sich berauschten an den Leistungen der Helden der Landstraße. Und gerade die Deutschen begeisterten: Nach Schur siegten Hagen und Hartnick, Boden und Ludwig sowie Klaus Ampler und sein Sohn Uwe. Ihnen war, trotz manchmal schneidender Zurechtweisungen der Apparatschniks, die Friedensfahrt als schwerstes und damit bedeutendstes Amateurrennen der Welt wichtig. Steffen Wesemann gewann, als erster der Wendegeneration, sowohl als Amateur wie auch als Profi des Teams Telekom.
Inzwischen hat die Friedensfahrt den ideologischen Ballast abgeworfen. Immer noch rollt sie im Zeichen der Friedenstaube von Picasso, doch für die Kosten von 1,5 Millionen Mark haben die Prager Agentur MERK und der deutsche Friedensfahrt e.V. die tschechische Fahrradfabrik Joko als Haupt- und überwiegend ostdeutsche Erfolgsunternehmen als Co-Sponsoren gewonnen. Profiteams messen sich mit den Nationalmannschaften, und die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam plant, aus dem Auftakt ein Straßenfest zu machen. In zehn Etappen führt die fünfzigste Friedensfahrt über 1.650 Kilometer bis Brünn.
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.97. © FAZ.)
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