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Tour de France: Die FAZ über die Fernsehübertragungen in der ARDIm Windschatten
[Diese Glosse erschien am 24.07.97 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung]Für die Sportberichterstattung im Fernsehen gilt jene Fußballbinsenweisheit, die neben der Herbergerschen Erkenntnis, daß der Ball rund und das Spiel erst nach neunzig Minuten vorüber sei, den längsten Bart hat: Sie hat ihre eigenen Gesetze, genau wie der DFB-Pokal. In einem schwachen Moment vermag vermag selbst eine drittklassige Mannschaft den Meister vom Platz zu weisen. Der FC Bayern München kann ein Liedchen davon singen. Und nun können dies auch Sat.1, RTL, Premiere, DSF und Eurosport. Denn die ARD läßt sie alle in diesen Tagen im Windschatten des Radrennfahrers Jan Ullrich hinter sich. Dessen Sieges-Tour de France ist für das darbende öffentlich-rechtliche Sportfernsehen zur Tour de Force geworden: zwei bis drei Nachmittagsstunden in den dritten Programmen, eine Zusammenfassung im Ersten kurz vor sechs und dann auch noch die größte Segnung, die der föderale Senderverbund der ARD seinen Redaktionen zu bieten hat - eine Sondersendung nach der Tagesschau.
Seit Dietrich Thurau und Hans-Peter Thaler [der aber eigentlich Klaus-Peter heißt... --K.V.] vor zwanzig Jahren die Tour de France anführten, hat der heimische Radfahrer (trotz oder wahrscheinlich eher wegen) Rudolf Scharping nicht mehr in so hohem Ansehen gestanden wie jetzt.
Jürgen Emig vom Hessischen Fernsehen braucht heute schon nicht mehr, wie noch an Jan Ullrichs erstem Tag im Gelben Trikot, die Becker-Faust zu ballen. Und er muß auch nicht mehr fürchten, sich mit Herbert Watterot eine Etappe zu früh über die Führung des deutschen Radfahrers gefreut zu haben. Drei Tage vor dem Ende der Tour sind die Sportredakteure der ARD wieder wer. Vom samstäglich mit säuerlicher Miene vorgetragenen Bundesliga-Ergebnisdienst suspendiert, sonnen sie sich in der Gunst des Publikums, zitieren aus dem Gedächtnis Episoden aus tausendundeinem Jahr Tour-Geschichte und lesen fleißig aus dem Baedecker vor, was der Kameramann im Hubschrauber am Rande der Radrennstrecke an Sehenswürdigkeiten ins Bild rückt. Zur Feier dieser Tage haben sie sogar die Cheerleader-Röckchen für Journalisten aus dem Schrank geholt. In ihnen fühlen sich die alten Herren, gemessen an ihrem zunehmenden Gebrauch von Superlativen, offenbar von Tag zu Tag wohler. Die Konkurrenten bei den Privatsendern, die schon Interesse an den künftigen Senderechten der Tour de France angemeldte haben sollen, werden es gelassen sehen. Sie wissen, daß es, wenn der Radsport tatsächlich auf Dauer Zuschauer anzieht, von den heute jubilierenden ARD-Reportern heißen wird: Sie radelten nur einen Sommer lang.
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