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Hintergrund

18. Juli 1995 - Fabio Casartelli kommt bei der Abfahrt vom Portet d'Aspet ums Leben

"Das war die härteste Etappe der Tour de France"

[Von Kersten Volk. Basierend auf Berichten von Francoise Inizan, L'Equipe und John Wilcockson, VeloNews]

Angelehnt an sein Rad, völlig verschwitzt, schaute Laurent Madouas plötzlich erstaunt auf. Er hatte die Etappe mit einem guten 8. Platz beendet, aber im Schatten der Tribünen, begriff er die Frage zunächst gar nicht. Sie mußte mehrmals wiederholt werden. Madouas zuckte nicht zusammen. Immer noch schaute er den Reporter verwirrt an. Er hatte es immer nocht nicht realisiert. Schließlich kann er nur stammeln: "Ich wußte das nicht, niemand hat uns was gesagt..."

Bis zum Ende der Etappe wußten die meisten im Peloton nichts vom Tode von Fabio Casartelli. Selbst Johan Museeuw, der ebenfalls bei jenem Sturz beteiligt war und die Etappe mit einer Wunde am linken Knie fortsetzte, erfuhr es erst im Ziel. Dort sah man dann, wie dieser harte Mann aus Flandern zusammensackte und in Tränen ausbrach.

"Man wußte, daß es einen schweren Sturz bei der ersten Abfahrt gegeben hatte. Daß da ein Dutzend Fahrer gestürzt sind. Mein Directeur Sportif sagte mir, daß sie drei Fahrer ins Krankenhaus geflogen hatten, aber das war alles," erklärte Laurent Dufaux, der Schweizer vom Festina-Team.

Francis Lafargue von der Banesto-Teamleitung, erinnert sich, wie er es Indurain sagte, unmittelbar bevor der Träger des Maillot Jaune zur Siegerehrung ging: "Er war geschockt. Sein Blick sagte alles. Ich habe es auch Jalabert gesagt, er sagte nichts aber man sah, wie es in ihm aussah."

Roger Legeay, Directeur Sportif von Gan, erklärte, daß in einem Fall wie diesem es das Beste sei, nichts zu sagen. Abgesehen von einem Schnitzer von einem Renn-Kommissar, der einer Gruppe von Nachzüglern 20 km vor dem Ziel die Wahrheit sagte, war die Nachricht von dem tödlichen Unfall nicht ins Peloton gedrungen.

Im Ziel war der Schock um so größer. Alvaro Mejia, Teamkamerad von Fabio, mußte vom Zielort noch 5 km bis zum wartenden Team-Fahrzeug fahren. Dort, setzte er sich ohne ein Wort zu sagen hin, vergrub seinen Kopf in einem Handtuch und weinte.

Fabio Casartelli war noch nicht lange im Profi-Fahrerfeld. Aber wie alle, die die ersten 14 Etappen der Tour de France überstehen, war er ein großer Rennfahrer. Bei der 15. Etappe fuhr Casartelli erstmals ein brandneues Titan-Rad, das er erst am Tage vorher bekommen hatte. Er war sehr zufrieden mit dem Rad, und, so Motorola-Mechaniker Scott Parr, "er wollte es für den Rest der Tour fahren"

Diese Etappe war eine der schwersten der Tour 95. 206 Kilometer, mehr als 5000 Höhenmeter. Daher wurden die beiden ersten Anstiege vom Peloton auch locker angegangen. Alle 129 Fahrer fuhren geschlossen über den ersten Pass, den Col de Portet d'Aspet. Der Anstieg vom Osten her war relativ leicht, aber die Abfahrt auf der Westseite war äußerst steil. 15 Prozent. 5 km lang enge Serpentinen. In rasender Abfahrt fuhr das Feld ins Tal. In einer Linkskurve kurz vor dem Ende der Abfahrt kommt es zu einem Massensturz. Die Ursache ist nicht bekannt. Vielleicht ein Defekt, vielleicht eine leichte Kollision. Auf der engen Nebenstraße gibt es keine Leitplanken, eine kleine, niedrige Mauer markiert den Straßenrand. Dante Rezze, der über die Mauer in den Abgrund fiel: "Ich wollte mich noch auf den Boden werfen, aber ich war auf der falschen Seite, ich konnte nichts mehr machen."

Casartelli fiel nicht über die Mauer, er stürzte mit dem Kopf auf sie drauf. Einer der Fahrer direkt hinter ihm, Francois Simon: "Sein Vorderrad blockierte und er ging kopfüber über den Lenker."

Fabio Casartelli verlor das Bewußtsein. Dr. Gerard Porte, der als erster an Ort und Stelle war, sagte später, er habe "enorm viel Blut verloren" aufgrund von schweren Kopfverletzungen. Dem Rennarzt gelang es, Casartelli wiederzubeleben nachdem sein Herz bereits drei Mal stehengeblieben war. Mit dem Helikopter wurde er nach Tarbes in die Klinik geflogen, aber die Ärzte hatten keine Chance, sein Leben zu retten, zuviel Blut hatte er verloren.

Der 24jährige Italiener war noch kein Star. Er gewann 1992 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Barcelona, aber das war mehr die Eintrittskarte in das Profilager. Er begann seine Karriere 1993 im Ariostea-Team vielversprechend. Er gewann eine Etappe der Settimana Bergamasca, beendete den Giro als 107. Im Jahr darauf, Ariostea war aufgelöst worden, fuhr er beim kleinen ZG-Selle Italia-Team, mit dem er 1994 auch mit gerade 23 Jahren die Tour bestritt. 1995 bekam Casartelli einen Vertrag beim Top-Team Motorola. Durch gute Leistungen im Frühjahr und bei der Tour de Suisse ergatterte er einen Platz im Tour de France-Team von Motorola.


Am Denkmal für Fabio- Gedenkfeier während der 12. Etappe der Tour 1997
Fabio Casartelli hinterließ seine Frau Anna Lisa und seinen Sohn Marco, der gerade erst 4 Monate alt war, als das Schicksal in den Pyrenäen zuschlug.

Der Tag nach den schrecklichen Ereignissen, die 16. Etappe der Tour de France 1995, war einer der traurigsten Tage des Radsports. Die Tour zollte Fabio Casartelli ihren Tribut. Die Fahrer beschließen, sämtliche Prämien des Tages, 220.000 Francs, der Familie von Fabio Casartelli zukommen zu lassen. 300 Meter vor der Ziellinie stoppte das gesamte Peloton. Die sechs Mannschaftskameraden von Fabio Casartelli fuhren gemeinsam über die Ziellinie. Als erster Andrea Peron, der Zimmergenosse von Fabio.

Lance Armstrong beschrieb seine Gefühle bei der 16. Etappe: "Wir waren etwa 120 Mann. 115 davon haben acht Stunden lang nicht ein Wort gesagt. Es war der schwerste Tag meiner Karriere. Obwohl wir es haben ganz langsam angehen lassen, war es hart, es war heiß und es war auch physisch verdammt schwer. Im Kopf war ich ganz weit weg. Ich möchte so einen Tag nie mehr in meinem Leben erleben. Das war die härteste Etappe der Tour de France."






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