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Hintergrund

Tour de France: Wie die Sprinter die Berge erleben - "Die Berge bedeuten Angst"

Hauptsache L'Autobus ist pünktlich

[Von Kersten Volk. Basierend auf einem Artikel in L'Equipe nach der legendären 7. Etappe der Tour 1996]

"Zu früh, viel zu früh!" Eros Poli verliert beinahe die Beherrschung. "Wir klettern viel zu schnell -- wir kommen weit vor dem Zeit-Limit an." Poli, der große stramme Bursche vom Saeco-Team, ist ein unglücklicher Busfahrer. 37 Minuten nach Leblanc auf dem Gipfel von Les Arcs, nicht 48 Minuten, die erlaubt gewesen wären. Poli weiß, wenn man kein Kletterer ist, muß man so ökonomisch wie möglich fahren, mit seinen Kräften haushalten, wenn man die Tour bis nach Paris fahren will. "Ich bin alle große Rundfahrten zu Ende gefahren" sagt Poli, "Nicht einmal war ich über dem Zeitlimit." Das ist eine Leistung, die Respekt verlangt. Und es ist eine Leistung, die ihn als Chef des Autobusses prädestiniert. "Vor allem, weil ich immer ganz hinten bin im Gesamtklassement."

Es ist auch da ganz weit hinten ein Rennen, ein Rennen gegen die Uhr mit eigenen Regeln und unbekannten Stars. Und wenn es darum geht, zu verhindern aus dem Rennen genommen zu werden wegen Zeitüberschreitung (bei Bergetappen normalerweise ca. 15 Prozent der Siegerzeit), wenden sich alle, die leiden, an Eros Poli, den Fahrer vom L'Autobus.

"Ich fahre nur mit," erklärt Gan-Capitaine de Route Francois Lemarchand. "Poli ist der Beste beim Autobusfahren. Wenn man bei ihm ist, fühlt man sich sicher, man riskiert nichts. Bei dieser Sache sind sowieso die Italiener die Besten. Im Giro, wenn das Peloton an den Fuß des ersten Anstiegs gelangt, rufen die, die sich am Berg schwertun 'Grupetto, Grupetto!' Dann lassen sich die Nicht-Kletterer etwas zurückfallen und suchen ihren Rhythmus. Es bildet sich eine Gruppe am Ende des Feldes- das grupetto hat sich gefunden. Wenn man darin bleibt, kann man sicher sein, innerhalb des Limits das Ziel zu erreichen. das grupetto ist sehr gut organisiert."

Bei der Tour ist es etwas spontaner, nicht so institutionalisiert. Die Fahrer gehen mit so weit es geht, versuchen das Tempo der Spitze zu halten und erst im allerletzten Moment arbeitet man hinten zusammen - im Autobus um Eros Poli herum.

"Am Col de la Madeleine am Samstag waren alle weitverstreut," erklärt Steuermann Poli, "Dann versammeln sich die Jungs um mich. Zunächst mal, weil ich mit meinen 1,93 m gut auszumachen bin. Aber auch, weil sie wissen, daß ich mich mit den Zeitlimits auskenne, die Reststrecke kenne. Ich rechne schnell aus, welche ungefähre Durchschnittsgeschwindigkeit wir fahren müssen."

Eros Poli hat die Rolle übernommen, die früher Gilbert Duclos-Lassalle inne hatte. Die Methoden sind die gleichen geblieben: "Die Ohren immer offen halten, nach Transistor-Radios der Zuschauer genauso wie nach den Informationen von den Directeurs sportif. Das Tempo darf nicht zu langsam werden, aber es darf auch niemand in den roten Bereich kommen. Man weiß, die guten Fahrer klettern die großen Berge mit ca. 23 km/h hoch. Also muß man ungefähr 15-18 km/h fahren. Ein guter Autobus-Fahrer muß die Rennfahrer auch anfeuern, im Flachen Tempo zu machen, denn da kann man Schadensbegrenzung machen, etwas Zeit wieder gutmachen."

Aber der Busfahrer ist auch der Kontrolleur. "Die Regel lautet: keinen zurücklassen, es sei denn, jemand ist wirklich völlig fertig. Man wartet, nimmt die Beine ein bißchen hoch, macht ihm Mut und manchmal schieben wir auch einen mitten im grupetto, wo es kein Rennkommissar sehen kann."

Aber andererseits werden auch keine Geschenke gemacht. Wenn jemand die Regeln des Autobus mißachtet...- er macht es nur einmal. Duclos-Lassalle: "Wenn der Fahrer jemanden rufen hört, schaut er sich um. Wenn das Rufen von einem Burschen kommt, der einmal aus dem Autobus heraus attackiert hat, um zwei Minuten im Classement zu holen, dann wartet der Bus nicht. Im Gegenteil..."

Der Autobus hat Selbstbewußtsein. "Irgendwann endet jeder Mal im Autobus. Vom kleinsten Fahrer bis zum Größten.", sagt Lemarchand. "Der Autobus ist offen für jeden. Am Samstag wars ein 5-Sterne-Bus. Ein anderes Mal kann es ein klappriges Vehikel sein. Am Besten vermeidet man den Autobus morgens, beim ersten Anstieg. Das ist gefährlich" Poli fügt hinzu:"Vor allem, wenn wenige Rennfahrer drin sind." Zahl ist Stärke.

Francois Lemarchand schaut düster drein:"Die Berge bedeuten Angst, Angst vor dem Zeitlimit, Angst davor im letzten Kilometer einzubrechen und die 30 Sekunden zu verlieren, die einen aus der Tour schmeißen."

Und wenn man unbedingt das grüne Trikot halten will, dann ist die Angst umso größer. Frederic Moncassin mußte diese Erfahrung machen: "Ich war im letzten grupetto, das gar nicht gut ging. Serge [Beucherie, sein Vize-Directeur Sportif] sagte mir, da sei ein anderes, stärkeres grupetto 3.30 Minuten weiter vorne am Col de la Madeleine. Ich fuhr wie der Teufel um es zu erreichen. Als ich sie aufholte, sah ich, wer drin war. Da habe ich mir dann keine Sorgen mehr gemacht."





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