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Prof. Joseph Keul ist Ordinarius für Innere Medizin und Sportmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Von dort aus betreut er u.a. auch das Team Telekom zusammen mit seinen Assistenten Georg Huber, Andreas Schmid und Lothar Heinrich.

Professor Joseph Keul:

"Jan Ullrichs Gelbes Trikot ist absolut sauber"

Das Interview führte Hans-Joachim Waldbröl und erschien am 22. Juli 97 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Fühlen Sie sich auch ein bißchen im Gelben Trikot?

Keul: Eigentlich schon. Das Team Telekom wird ja hier bei uns betreut und wir begleiten es mit dem Meßwagen. Natürlich zittere und bebe ich mit Jan Ullrich - obwohl seine Leistung für uns vorhersehbar war.

Woher diese Weitsicht?

Keul:Weil er ganz herausragende leistungsphysiologische Werte besitzt.

Als da wären?

Keul: Ullrich nimmt zum Beispiel 80 - 85 Milliliter Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht in der Minute auf. Das ist deutlich besser als bei allen anderen, die wir untersuchen, etwa 10 Prozent. Auch sein Energieumsatz ist viel besser.

Also rundum ein phänomenaler Kerl, dieser Ullrich?

Keul: Ja, eine ganz große Ausnahme mit angeborenen günstigen Eigenschaften, zu denen auch seine außergewöhnliche Trainierbarkeit gehört.

Was können Sie und Ihre Assistenten denn dann eigentlich noch für ihn tun ?

Keul: Wir checken das gesamte Team Telekom vor der Tour durch, machen sozusagen einen Gesundheitstest. Erik Zabel hat daraufhin noch einen Zahn gezogen gekriegt. [s. a. News vom 18.06.97/Tour de Suisse] Außerdem beurteilen wir die Ausgangswerte der Fahrer und geben Trainern damit Hinweise, wo vielleicht noch Defizite sind.

Wiederholen Sie Ihre TÜV-Untersuchung nach der Tour?

Keul: Da gibt es, wenn alles normal läuft nichts Besonderes festzustellen - außer daß die Radprofis nach der letzten Etappe zwei, drei Kilo weniger wiegen, weil sie diese Energieleistung auch aus ihrer Substanz speisen müssen.

Können die Fahrer überhaupt soviel essen und trinken, wie sie verbrauchen?

Keul: Während einer Tagesetappe verbrennen sie etwa 7.000 bis 8.000 Kalorien. Sie können an Kohlehydraten in der Muskulatur und der Leber aber nur insgesamt 3.000 bis 3.500 Kalorien speichern. Die Differenz müssen sie während der Fahrt auszugleichen versuchen.

Wie schaffen die das denn?

Keul: Hauptsächlich mit Bananen und Wasser, das mit Traubenzucker, Stärke, Magnesium, Calsium und Natrium angereichert wird.

Also die klassische Form von Substitution. Aber Substitution ist bekanntlich ein dehnbarer Begriff - bis hin zum Doping.

Keul: Ja, ja.

Apropos Doping: Der belgische Sportrechtler Luc Silence [sic!] hat behauptet, jeder Fahrer leiste bei der Tour mehr als irgendein anderer Mensch, und keiner könne das 21 Tage nur mit Wasser und anderen Getränken sowie Brot und anderen Speisen. Sie verstehen?

Keul: Das ist ein ungeheuerlicher Vorwurf.

Allerdings. Aber kaum jemand widerspricht ihm ausdrücklich und in aller Öffentlichkeit.

Keul: Solche Leute wissen nicht, wovon sie reden.

Reden wir mal von Amphetaminen, Anabolika, Erythropoietin.

Keul: Gut, also: Amphetamine, Aufputschmittel, die bringen was, weil sie zusätzliche Reserven freisetzen und die Erschöpfung hinausschieben. Allerdings kann man sich davon nicht über Nacht erholen. Da fährt man am nächsten Tag deutlich schlechter. Außerdem wird ihr Mißbrauch bei der Tour ebenso kontrolliert wie die Einnahme von Anabolika. Aber die Anabolika bringen, zumal für die Regeneration, nichts. Das haben wir doch vor Jahren bei einer Untersuchung, für die wir heftig kritisiert worden sind, bewiesen.

Und Erythropoietin, kurz EPO, das bringt doch einiges. Und es kann noch nicht nachgewiesen werden.

Keul: Stimmt. EPO erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Sauerstofftransportkapazität des Blutes - einerseits. Andererseits verdickt es das Blut. Das Schlagvolumen des Herzens wird kleiner, seine Druckarbeit geht zurück. Der Effekt ist also gering.

Aber EPO wird trotzdem genommen.

Keul: Es wird genommen, aber sicher nicht im Team Telekom. Wir kontrollieren schließlich die Hämatokritwerte unserer Fahrer, und die sind mit einer einzigen natürlich bedingten Ausnahme, nämlich Jens Heppner, deutlich unter dem kritischen Grenzwert 50.

Jan Ullrich kommt also, wenn es ihm gelingen soltte, mit einem sauberen Gelben Trikot in Paris an?

Keul: Ja, absolut.




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