
Die F.A.Z. zu den Dopingvorwürfen gegen Jan Ullrich: "Nicht positiv getestet, 'aber auch nicht ganz koscher' "21.09.97 - Die Frankfurter Allgemeine Zeitung analysiert am Samstag die Dopingvorwürfe gegen Jan Ullrich, die das Schweizer Boulevard-Blatt "Blick" am Donnerstag unter Berufung auf Pascal Richard erhoben hatte. Auszüge:
Am Anfang dieser enttäuschenden Verwandlungsgeschichte über Jan Ullrich stand nicht das offene Wort, sondern ein verstecktes Gerücht, das schon im vergangenen Jahr von Mund zu Mund ging und vor wenigen Wochen schwarz auf weiß in (..) L’Equipe gedruckt worden ist: Zwei Ausländer, die auf der Tour de France 1996 eine gute Rolle gespielt hätten, seien vor der Frankreich-Rundfahrt in Trainingskontrollen ihrer Nationalen Olympischen Komitees (NOK) des Doping überführt worden.. Der eine auf Lanzarote, der andere auf Mallorca. Von der gerechten Strafe seien sie jedoch verschont worden, nur einer habe anschließend bei den Olympischen Spielen in Atlanta gefehlt. Da bis auf eine Ausnahme alle Ausländer, die bei der Tour de France eine gute Rolle gespielt haben, auch (in Atlanta) dabei waren, spitzte sich der Verdacht in Windeseile auf den einzigen Radprofi zu, der nicht in Atlanta am Start war: Jan Ullrich.
Auch um Wettkampfkontrollen, so die FAZ weiter, kann es sich nicht gehandelt haben. Die Zeitung zitiert UCI-Präsident Hein Verbruggen: "Ich kann beschwören, daß es 1996 weder einen Dopingfall Ullrich noch einen Dopingfall Riis gegeben hat." Und Heiner Henze, Generalsekretär des NOK, wird sogar mit den Worten zitiert, die ganzen Vorwürfe gegen Riis und Ullrich seien "erstunken und erlogen".So einfach ist das, wenn man es sich leicht macht- wie das Schweizer Boulevardblatt "Blick". (...) Die Verteidiger sind zahlreich, nur wenige kann man als parteiisch abtun. "Erstens wurden beide in ihren Trainingslagern, Riis auf Lanzarote, Ullrich auf Mallorca, nicht getestet", behauptet Telekom-Sprecher Tilman Falt. Und zweitens war von den mehr als 4.000 Trainingskontrollen, die durch die gemeinsame Anti-Doping -Kommission (ADK) des NOK und des Deutschen Sportbundes (DSB) 1996 veranlaßt und allesamt in Köln oder Kreischa untersucht worden sind, keine einzige positiv. Also kann es gar keine positive Trainingskontrolle von Ullrich gegeben haben. Das bestätigt sogar der Dopinganalytiker Professor Wilhelm Schänzer, der auf die gemeinsame Jahresstatistik der Untersuchungslabors Köln und Kreischa verweist, als auch der ADK-Geschäftsführer Jürgen Barth, der in der Frankfurter DSB-Zentrale penibel alle Dopingdaten der ADK verwaltet.
Aber ganz ohne Makel bleibt Ullrich im Artikel der FAZ dann doch auch nicht:
(A)uf dem Weg nach Atlanta verwehen plötzlich die klaren Spuren, verdüstert sich das klare Erscheinungsbild des Jan Ullrich. Denn über den „freiwilligen Olympiaverzicht" des Jungprofis, der sich von Bundestrainer Peter Weibel vor die Alternative "Tour oder Atlanta" gestellt sieht und auf die Tour setzt, gibt es auch eine völlig andere Version: der Merdinger wäre, selbst wenn er gewollt hätte, gar nicht für Olympia nominiert worden. So lautet eine feste Versicherung, die aus dem DSB-Bereich Leistungssport kommt und auf das Frühjahr 1996 zurückgeht. Als letzte der mehrmals angemahnten Profis hatten sich die Berufsradfahrer dem Trainingskontrollsystem des deutschen Sports angeschlossen. Ohne diese aktive Beteiligung an der Dopingbekämpfung wollte das NOK niemanden mit nach Atlanta mitnehmen. Auch Jan Ullrich wurde vom BDR gemeldet- und nach dem Losverfahren für einen Trainingstest ausgelost. Doch der dringend Gesuchte war über einen längeren Zeitraum nicht zu erreichen. Ullrich hatte es versäumt, sich den Regeln entsprechend bei der ADK (...) abzumelden. (Der frühere BDR-Präsident) Göhner begründete das auf Anfrage der ADK damit, daß Profis wie Ullrich "ihre Einsatzorte eben schon mal kurzfristig wechseln".
Soweit die FAZ. Es bleibt festzuhalten: Erstens, die Vorwürfe von Pascal Richard sind erwiesenermaßen falsch. Zweitens, die von der FAZ zitierten Andeutungen von Evers, enthalten nicht den geringsten Beweis für ein Dopingvergehen. Den Dopingfahndern gelang es erst am 11. August, Ullrich zu erreichen? Merkwürdig, die Herren hätten vielleicht mal den Fernseher im Juli anschalten solle, dann hätten sie schnell herausgefunden, wo sich Jan Ullrich gerade befand. Und im übrigen: Fakt ist, daß Ullrich bei der Tour de France im Juli 1996 mehrmals zu Dopingtests herangezogen wurde. Diese sind negativ ausgefallen.Hans Evers, der damalige Kommissionsvorsitzende, erinnert sich lebhaft an "unsere vergeblichen Versuche, etwas über Ullrichs Verbleib zu erfahren". Während sein Telekom-Teamkamerad Erik Zabel, dessen Olympianominierung wegen eines umstrittenen positiven Tests vom 27. April 1994 in Veenendal vom NOK lange diskutiert wurde, am 28. Mai im Training getestet werden konnte und dann auch nach Atlanta fuhr, gelang es den deutschen Dopingfahndern erst am 11. August, Ullrich um eine Urinprobe zu bitten - nach der Tour und den Olympischen Spielen. Der Test fiel "negativ" aus. Buchstäblich negativ ist allerdings auch der Eindruck, der bei Evers hängen blieb: "Wir konnten damals zwar nicht direkt davon sprechen, daß Ullrich eine Trainingskontrolle verweigert hat. Dann hätten wir das wie einen positiven Test gewertet. Aber ganz koscher ist die Sache auch nicht gelaufen."
[Hans-Joachim Waldbröl in der FAZ v. 20.09.97]
www.radsport-news.com