
Peter Becker, Trainer von Jan Ullrich:
Sie schreiben gerade an einem Buch über Ullrich, das nach der Tour erscheinen wird. Erwarten Sie jetzt, daß es ein Renner wird ?Becker: Vielleicht machen wir einen Bestseller daraus. Die Hälfte ist im Sack. Wir werden auf 144 Seiten Text kommen, einschließlich Bildern. Der Text wird sehr straff sein.
Sie konnten aber nicht damit rechnen, daß Ullrich das Gelbe Trikot tragen würde.
Becker: Eine langfristige Planung beinhaltet Für und Wider. Wenn die Tour losgeht, gibt es eine Teamorder. Der kann man nicht zuwiderhandeln. Aber Jan hat auch eine Verpflichtung, eine Leistung wie im Vorjahr zu wiederholen oder gar zu übertreffen. Ich hatte ihm gesagt: Du mußt von Anfang an mitmischen, im Prolog gleich voll hinharfen. Er ist letzten Endes auch psychologisch in die Richtung vorbereitet worden. Man muß dafür gewappnet sein. Mit Riis hat das nichts zu tun.
Aber auf der ersten Pyrenäen-Etappe hatte Ullrich seine Chance noch nicht genutzt.
Becker: Jan hat sich dabei taktisch weltklassemäßig verhalten. Und er war unwahrscheinlich loyal gegenüber Riis.
Ist Ullrich denn erfahren genug, um seine führende Position zu verteidigen?
Becker: Der Leader führt nicht allein die Mannschaft. Jan hat ausreichend Unterstützung. Riis ist stark, er kann beratend und helfend eingreifen. Jan hat schon viel von ihm profitiert. Er ist weiterhin auch der Lernende.
Kann Ullrich die Tour de France gewinnen?
Becker: Wir wollen noch nicht träumen, es ist noch weit bis Paris. Man darf Riis noch nicht abschreiben. Er ist ein Weltklassemann und wird weiter um eine hervorragende Plazierung kämpfen. Und es kann sein, daß Olano noch Flügel wachsen.
Mitunter wird Ullrich bereits mit Miguel Indurain verglichen. Teilen Sie diese Meinung?
Becker: Ullrich ist ein anderer Typ, er ist spritziger. In ihm ist ein glühender Ofen, obwohl er sehr ruhig. Der hat schon Feuer, das sieht man auf dem Fahrrad. Er ist ein Edelrenner.
Und er hat offenbar mit dem Team Deutsche Telekom den passenden Rennstall gefunden.
Becker: Wir müssen das Team loben. Betreuung, Material, Verpflegung, es stimmt rundum. Es ist begeisternd. Ich bin heilfroh, daß Jan zu dieser Mannschaft gegangen ist und nicht ins Ausland. Ich habe ihm damals geraten, in Deutschland zu bleiben, denn so ein Achtzehnjähriger oder Neunzehnjähriger muß erst in Deutschland richtig bekannt werden.
Für das Training sind Sie verantwortlich. Müssen Sie ihn mitunter auch antreiben?
Becker: Der Mann ist kein Anfänger. Aber bei der Belastung, die Radprofis ausgesetzt sind, ist die Versuchung groß mal etwas weniger zu tun. Manchmal muß man auch Fraktur reden.
Ullrich wird manchmal vorgehalten, zu zurückhaltend, fast verschlossen zu sein. Deshalb heißt es, könne aus ihm kein wahrer Star werden. [s. a. SPIEGEL 27/97]
Becker: Er muß nicht großmäulig durch die Gegend rennen, sondern soll sportlich überzeugen. Er ist von der Mallorca-Rundfahrt im Februar bis zur deutschen Meisterschaft im Juni 61mal am Start gewesen und ist bei keinem Rennen ausgestiegen. Das macht einen Athleten aus.
Stehen Sie während der Tour de France regelmäßig in Verbindung mit Ullrich?
Becker: Wir telefonieren fast täglich miteinander, aber da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir unterhalten uns über persönliche Dinge, ich mach ihm Mut. Aber ich mische mich nicht in die Taktik ein. Stellen Sie sich vor, was Für ein Chaos das gäbe.
Wird sein Aufschwung jetzt in Deutschland tatsächlich einen neuen Radsport-Boom auslösen?
Becker: Ich hoffe, daß er den wunderschönen Radsport nach vorne bringt. Und daß dies eine Weile anhält. Wir brauchen Nachwuchs, wir brauchen mehr Ullrichs.
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