Nachrichten-Archiv: 7/97

01.08.97 - In der belgischen Presse hat Walter Godefroot den Presse-Rummel, der über das Team Telekom während der Tour hereinbrach, beschrieben. Der Directeur Sportif von Telekom sagt, Ullrich hätte die Tour am Ende noch verloren, wenn man nicht interveniert hätte.

"Da waren Kamera-Teams und Reporter vor seiner Tür schon am frühen Morgen. Er konnte nicht mal aufs Klo gehen, selbst da haben ihn Kamera-Teams bedrängt." In Het Nieuwsblad erzählte Godefroot: "Wußten Sie, daß er an einem Tag während der Etappe anhalten und vom Rad steigen mußte um dem Ruf der Natur zu folgen, weil er vor dem Start keine Zeit dazu hatte?" - "Nächstes Jahr werden wir besser vorbereitet sein, um die Geier fernzuhalten", so Godefroot, der damit auf einen Vorfall während der Tour anspielte, als Kamerateams beim Versuch Ullrich zu interviewen auf dem Rad von Bjarne Riis herumtrampelten und es beschädigten. Godefroot: "Sie sind wie Geier, die haben keinerlei Respekt."

Godefroot äußerte sich auch zur Zukunft von Jan Ullrich. "In den nächsten Jahren werden wir uns mit Ullrich nur auf die Tour konzentrieren, keine Klassiker." Ullrich wird definitiv nicht an der WM im Oktober teilnehmen und soll höchstens bei einem oder zwei der sehr lukrativen Sixdays im Winter starten. Im belgischen Radiosender BRTN warnte Godefroot davor, vorschnell zu hohe Erwartungen an den 23jährigen Ullrich zu stellen, der von allen Seiten schon mit Indurain und Merckx verglichen wird. Er erinnerte an Evgeny Berzin, der nach seinem Girosieg 1995 nie mehr das damalige Niveau erreicht hat. "Und das beste Beispiel ist (Felice) Gimondi, Tour de France Gewinner mit 22 Jahren. Dann kamen Merckx und (Luis) Ocana, und er gewann die Tour nie wieder."

01.08.97 - Die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG) hat das Team Deutsche Telekom für sein vorbildliches Verhalten während der Tour de France mit der Fair-Play-Plakette ausgezeichnet. Damit soll neben dem Verzicht von Jan Ullrich auf einen Etappensieg zugunsten von Richard Virenque auch der Teamgeist der ganzen Mannschaft gewürdigt werden. [sid]

30.07.97 - Nun ist er da der erste Toursieg für einen Deutschen, und nun? Ist Deutschland nun eine Radsportnation, wie die taz schon am Tag nach Jans erstem Gelben Trikot mutmaßte? Daß sich etwas geändert hat, wird jeder bestätigen, der nach letzem Sonntag mit dem Rennrad unterwegs war. Nie mußte man soviele andere Radler überholen und während man früher als Rennradler eher mißtrauisch beäugt wurde, erntet jetzt so mancher Rennradfahrer bewundernde Blicke sogar von mit Bar Ends bewaffneten Mountainbikern... Soweit so gut?

Udo Bölts:"Die Begeisterung für Jan ist ein Strohfeuer. Deutschland ist kein Radsportland und wird auch keines werden. Im Februar wird in Deutschland niemand über die Mittelmeerrundfahrt berichten." Und es liegt nur an der Bescheidenheit von Bölts, daß er nicht erwähnt, daß seine Siege beim Weltcuprennen Clasica San Sebastian 1996 und der Dauphine in diesem Jahr in den deutschen Mainstream-Medien praktisch nicht vorkamen.

Auch der siebenfache Tour-Etappensieger und Gewinner von Milan- San Remo Erik Zabel ist skeptisch: "Mir ist jahrelang nicht der Respekt gezollt worden, den ich mir mit meinen Erfolgen verdient habe." Zabel über den Sportler des Jahres 1996 (der Leichtathlet Busemann): "Im letzten Jahr ist ein Verlierer Sportler des Jahres geworden. Das ist doch ein Witz."

Im europäischen Blätterwald ist dies alles natürlich kein Thema. Dort überschlägt man sich förmlich und die Superlative gehen langsam aus:

Interessant der Kommentar von "De Telegraaf" (NL): Der ebenfalls in den Niederlanden erscheinende "De Volkskrant" ist etwas ziviler: Und der vielleicht schönste Kommentar kommt von "Le Figaro":

29.07.97 - Der Montag nach dem Toursieg war für Jan Ullrich vielleicht noch aufregender als der Sonntag in Paris. Erst am Morgen vor 30.000 Menschen der Empfang in Bonn, wo Ullrich ziemlich überrascht tausenden kreischenden Teenies ("Die Backstreetboys sind out" rief der Sprecher irgendwann entnervt) gegenüberstand und noch verlegener wirkte als sonst -- frisch rasiert erinnerte er ein wenig an Heintje... Bonns OB Bärbel Dieckmann , die ihn schon nach seinem Sieg bei der DM Ende Juni kaum loslassen wollte, herzte ihn diesmal noch heftiger.
[Foto: AP]

Am Abend dann das Kriterium in Boxmeer (NL). 40.000 Zuschauer, darunter viele tausend Deutsche, feierten den Sieger.... Jan Ullrich. Der Toursieger gewann, Zweiter wurde Michael Boogerd, mit dem er sich vom Feld absetzen konnte. Den Sprint des Feldes gewann Erik Zabel vor Servais Knaven. Fünfter Rolf Aldag. Das Telekom-Team fuhr zu Beginn des 100 km-Kriteriums eine Ehrenrunde. [NOSTT]

28.07.97 - Jan Ullrich im Interview: "Man kann das niemanden erklären, wie tief man da reingeht"

28.07.97 - Jan Ullrich wird künftig für S.Olivier werben. Der Textilhersteller hat mit dem Toursieger einen Drei-Jahresvertrag abgeschlossen, der mit ca. 1Million DM pro Jahr dotiert ist. [BRTN]

28.07.97 - Jan Ullrich - Zahlen und Daten: Geboren 02.12.1973 in Rostock, 1,83m/71kg, Profi seit 1994, seit 1994 bei der Walter Goodefroot GmbH ("Team Deutsche Telekom")
Palmares: Amateur: Weltmeister Oslo 1993,Commonwealth Bank Tour (Aus) 1993, 10 Profi-Siege (ohne Kriterien): Hawaii Tour 1994 (eine Etappe), Deutscher Meister im Zeitfahren 1995, Tour de France 1996 (Zeitfahren in St. Emilion), Regio-Tour 1996 (Gesamtsieg u. eine Etappe), Tour de Suisse 1997 (eine Etappe), Deutscher Meister 1997, Tour de France 1997 (Gesamt u. 2 Etappen).

27.07.97
Jan Ullrich gewinnt als erster Deutscher die Tour de France
Die Chronik des Triumphs

25.07.97 - "Die Jury ist total verrückt", so Jens Heppner nachdem vier UCI-Kommissare zu der Entscheidung gelangten, sowohl Heppner als auch Bart Voskamp bei der 19. Etappe zu deklassieren. "Ich kam aus dem Windschatten vorbei, Voskamp fuhr eine Welle, ich kam mit dem Kopf unter seinen Arm. Dabei wäre ich fast auf die Schnauze gefallen", so Heppner im TV-Interview. Auch Voskamp war nicht einverstanden: "So ist das nun mal im Sprint, wir haben uns beide korrekt verhalten." "Das ist ein Skandal, es wird Zeit, daß die Jury abgelöst und durch junge Leute ersetzt wird", schimpfte Rudy Pevenage.

Die Entscheidung der Jury ist (wieder einmal) mehr als kurios. Angenommen Voskamp oder Heppner hätte sich irregulär verhalten, dann wäre es logisch, einen von beiden, den Schuldigen, zu deklassieren. Aber beide? Sind beide irregulär gesprintet, wie dies die Jury sah, dann hat sich auch niemand von beiden einen Vorteil verschafft. Dann wäre eine Deklassierung aber nur vertretbar, wenn eine grobe Unsportlichkeit vorgefallen wäre. Eine Unsportlichkeit war jedoch bei dem Heppner/Voskamp-Sprint nicht zu beobachten, allenfalls Ungeschicktheit. Die Jury deklassierte im übrigen auch Peter van Petegem, der Outschakov im Sprint der ersten Verfolgergruppe fast ins Rad gefahren war.

25.07.97 - "Mit dem Baedecker in der Hand..." Die FAZ über die Tour de France-Übertragungen in der ARD

25.07.97 - Adrie Van der Poel wird auch 1998 als Radprofi für das Rabobank-Team starten. Damit geht der 38jährige in seine 18. Saison als Profi. Van der Poel, der unter anderem die Flandern-Rundfahrt, Lüttich - Bastogne - Lüttich, Amstel Gold sowie zwei Tour-Etappen gewinnen konnte, wird wie auch in diesem Jahr vor allem Cyclocross-Rennen bestreiten.

25.07.97 - Zitat des Tages... Der Sprinter Adriano Baffi (Ita/USPS) auf die Frage, ob Jan Ullrich irgendwelche Schwächen habe: "Ich kann es nicht sagen, weil während des Rennens bin ich nie in seiner Nähe. Ich sehe ihn gar nicht, weil es so schwer ist, zu ihm vorzukommen. Ich sehe ihn nur im Fernsehen." [El Mundo Deportivo]

24.07.97 - Die Feiern sind gerichtet: Am Samstag wird das Aktuelle Sportstudio aus Paris senden, am Sonntag werden Hunderttausende Deutsche, darunter Telekom-Chef Ron Sommer und Kanzleramtsminister Böhl die Champs Elysees bevölkern. Am Montag dann der Empfang des Telekom-Teams auf dem Bonner Marktplatz vor dem Rathaus. Jetzt muß Jan nur noch das Trikot bis auf die Champs Elysees tragen...

24.07.97 - Alex Zülle, der wie bereits gemeldet 1998 zu Festina geht, hat dort einen Zwei-Jahresvertrag unterschrieben mit einer Option auf ein weiteres Jahr. Sein Jahresgehalt wird ungefähr 500.000 DM betragen. Zülle soll 1998 Festina im Giro d'Italia anführen, während Richard Virenque auch im nächsten Jahr Kapitän von Festina bei der Tour sein wird. [BRTN]

24.07.97 - L'Equipe schreibt am Mittwoch, die Gan-Mannschaft werde möglicherweise 1998 mit neuem Sponsor doch weitergeführt. Als Sponsor im Gespräch ist das Kreditkarten-Unternehmen VISA.

24.07.97 - Jan UIlrich, ein Dreiundzwanzigjähriger mit Sommersprossen und Maillot Jaune wird von seiner vor Freude weinenden Mutter im Ziel erwartet... Das sind Bilder, auf die die nach Human Interest hungrigen Medien gewartet haben. Der EXPRESS schreibt:

Gefühle einer Mutter: "Seit Weihnachten habe ich Jan nicht mehr gesehen", so Marianne Kaatz, "in dem Moment da oben sind Druck und Streß von mir abgefallen, und da mußten die Tränen einfach raus."

In Colmar hatte sie auf ihren "Buttje" gewartet, die Mutter von Jan Ullrich, ebenso wie seine Freundin

Gaby Weiß und 200 Freunde aus Merdingen. Und dann durfte sie ganz nah ans Siegerpodest heran, wo sonst nur Ehrengäste, Sponsoren und Presseleute was zu suchen haben. Und dann kam ihr Jan auf sie zu, sie fielen sich in die Arme - Mama gratulierte, und die Tränen flossen. Auch der Sohnemann stand mit einem Kloß in der Kehle da. "Als ich meine Mutter umarmte, konnte ich nichts sagen außer ,danke`", verriet der Tour-Held kurz danach. Er hoffte, wenigstens abends "einige stille Minuten zusammen mit meiner Familie zu haben".

Die scheint Jan auch bitter nötig zu haben. "Der Junge wird durch das ganze Drumrum inzwischen verrückt", klagte seine Mutter, "er hat mich am Telefon sogar schon angeschrien. Ich bin froh, daß das Ganze nur noch eine halbe Woche dauert, ich weiß nicht, was sonst noch passieren könnte."

Sorgen macht sich Marianne Kaatz auch um die Erkältung ihres Sohnes: "Mir ist egal, auf welchen Platz Jan fährt, Hauptsache, er bleibt gesund." Sie hätte genau wie Gaby Verständnis dafür, wenn er im schlimmsten Falle sogar aufgeben würde. Tun wird er es nicht, das weiß auch Gaby, die ihren Jan besser kennt als alle anderen, obwohl er inzwischen immer mehr von sich preisgeben muß. "Ich bin sehr abergläubisch", gesteht er zum Beispiel, "deshalb bekreuzige ich mich auch vor jedem Start. Mit Religion hat das nichts zu tun." Gaby zuliebe wird er sich vielleicht doch taufen lassen, denn die möchte kirchlich heiraten. [Express, Foto: Bongarts]

22.07.97 - Interview mit Professor Joseph Keul: "Jan Ullrichs Gelbes Trikot ist absolut sauber"

22.07.97 - Transfer-News: Alex Zülle, der früh aus der diesjährigen Tour de France aussteigen musste ( s. News v. 11.07.97) wird am Ende der Saison von Once zu Festina wechseln, wo er die Kapitänsrolle mit Richard Virenque teilen soll. Beat Zberg wechselt 1998 von Mercatone zu Rabobank, wo er einen Zwei-Jahresvertrag unterschrieb. Henk Vogels, dessen Gan-Equipe zum Saisonende wohl aufgelöst wird, ist Gerüchten zufolge in Vertragsverhandlungen mit TVM. Luc Leblanc, der eine bisher völlig verkorkste Saison hatte, wird auch die nächsten zwei Jahre bei Polti bleiben. [BRTN]

22.07.97 - Unruhe bei Telekom - Medientrubel und gereizte Stimmung Der Medien-Hype bei dem Tour-Team von Telekom geht nicht spurlos am Team vorbei und manch ein Verantwortlicher sehnt sich vielleicht schon nach den etwas ruhigeren Zeiten von 1995, als das nachträglich eingeladene, zusammengewürfelte Telekom/ZG-Mobile-Team nicht allzuviel Medienvertreter anlockte. 1997 herrscht eine gereiztere Stimmung als damals, trotz --oder wegen-- der Erfolge. Nicht alle sind etwa begeistert davon, daß Ullrichs Trainer Peter Becker im Team-Umfeld herumschwirrt. Der EXPRESS zitiert am heutigen Dienstag Udo Bölts: "Der störte hier die Abläufe. Der Peter Becker glaubt doch nicht, wenn er im Mazda hinter Jan drei Tage lang durch den Schwarzwald fährt, dann hätte er allein Jan in Form gebracht. Das ist, im Gegenteil, der guten Aufbauarbeit bei Telekom zu verdanken, von der Jan jetzt, nach drei Jahren, groß profitiert."

Die Teamleitung ist sich der Unruhe im Team wohl bewußt. Rudy Pevenage glaubt, sein Team müßte vor allem vor dem Medientrubel verstärkt geschützt werden. "Wenn uns das nicht gelingt, drehen uns die Jungs hier allmählich durch."

21.07.97 - 15. Etappe - Der Bluff des Jahres geht auf... Im Oktober 1996 ließ sich Johan Museeuw über die Presse vernehmen, er fühle sich ganz schlecht, er werde wahrscheinlich seine Laufbahn beenden. Drei Tage später wurde er in Lugano Weltmeister. Ein ähnlicher Bluff gelang heute Marco "Elefantino" Pantani. In den Abendnachrichten der RAI am Sonntagabend hieß es, Marco werde wegen einer Bronchitis wohl die Tour beenden müssen. Pantani: "Ich kann nicht richtig atmen. Schon in Alp d'Huez habe ich mich nicht gut gefühlt. Wenn es nicht besser wird, werde ich wohl aus der Tour aussteigen müssen." Keine 24 Stunden später gewinnt er in Morzine die ganz schwere 15. Etappe.

Jan Ullrich fährt weiter in Gelb, er ließ den zweiplazierten Virenque nicht aus den Augen. "Ich kann fahren wie ich will, wenn ich mich umdrehe, ist Ullrich hinter mir", meinte Richard Virenque im Ziel. Jan und Richard haben in den letzten zwei Wochen inzwischen soviel Zeit miteinander verbracht, daß Virenques Frau Stephanie bzw. Jans Freundin Gabi ja fast schon eifersüchtig werden dürften.

Unterdessen wird die Tour für Jens Heppner langsam zu Passionsspielen. Nach einem Kapselriß im Ringfinger und einer leichten Gehirnerschütterung leidet er jetzt an einer eitrigen Nebenhöhlen-Entzündung und einer Magen-Verstimmung. Trotzdem- laut Telekom- Arzt Lothar Heinrich ist er weiter Tour-tauglich.

20.07.97 - Wenn das Fernsehen die Übertragungen beendet, beginnt für einige Fahrer das Rennen erst.
Wie die Sprinter die Berge erleben. "Die Berge bedeuten Angst"

20.07.97 - Nach der ersten großen Alpenetappe, die sicher eine der aufregendsten und spannendsten Etappen war, die je im Fernsehen übertragen wurde, hat Jan Ullrich weiterhin das Maillot Jaune und seinen Vorsprung gegenüber allen Verfolgern außer Virenque ausgebaut --und Deutschland wird tatsächlich so allmählich "zum Radsportland" (taz). Beim Siegerinterview in Courchevel war neben dem ARD-Mikrofon eine ganze Batterie von Mikrofonen, darunter auch die von RTL und SAT.1, die ja nicht unbedingt als Förderer von Randsportarten bekannt sind.

Jan's Leistung heute war (wieder) fabelhaft. Vor allem auch taktisch. Bei der Abfahrt vom Col du Glandon, als Virenque mit seinem Festina-Team auf und davon ging, blieb Ullrich ganz ruhig, wartete auf Riis und fuhr locker wieder an die Spitze heran. Eine taktische Glanzleistung. Und von seiner Leistung, wie er den letzten Anstieg nach Courchevel zusammen mit Virenque hochflog, da wollen wir gar nicht drüber reden. Vom feinsten. Ganz am Schluß setzte Jan dann noch mal einen drauf: er zeigte die Größe eines wahren Champions, als er Virenque kampflos den Tagessieg überließ. "Ich bin kein Kannibale" meinte er nachher im Ziel.

19.07.97 - Marco Pantani der König von L'Alpe d'Huez, Jan Ullrich der Kaiser der Tour. Pantani und Ullrich waren auf den mystischen 21 Serpentinen von Alpe d'Huez eine Klasse für sich. Nicht nur die Italiener unter den 500.000 Zuschauern waren aus dem Häuschen, als Marco Pantani auf den letzten 13,8 km der Etappe angriff. "Elefantino", erst Anfang des Jahres von seinem schrecklichen Unfall von Mailand-Turin im Oktober 1995 wiedergenesen und der dann beim Giro wieder so viel Pech hatte (s. News vom 25.05.97) ist wieder da! "Es hat sich viel geändert seit damals, aber was gleich geblieben ist, ist der Pantani, der heute als Erster ins Ziel kam," sagte Pantani im Ziel.

Ullrich konnte folgen, aber: "Jan hat sich noch Reserven für die schweren Alpen-Etappen morgen und übermorgen gelassen. Der Etappensieg war für uns heute nicht das Wichtigste", sagte Telekom-Teamchef Walter Godefroot. "Pantani war heute sehr stark. Ich bin froh über den zweiten Platz. Die vielen Zuschauer haben uns förmlich hochgeschrieen, man mußte nur aufpassen, nicht zu stürzen" kommentierte Ullrich seine erste Alpe d'Huez-Erfahrung.

Schwierigkeiten hatte jedoch Richard Virenque, der sich vor der Etappe noch sehr kämpferisch gezeigt und eine große Attacke angekündigt hatte. Rolf Järmann (Casino), bekanntlich nicht gerade der beste Freund von Virenque, schrieb in seinem Online-Tagebuch vor der Etappe: "Und die super Leistung, die Jan Ullrich geboten hat, mag ich ihm von Herzen gönnen. Ich hoffe, er lässt nun Virenque wie bisher ein wenig vor ihm herumzappeln, um ihm dann nochmals eine saftige Zeitrechnung zu präsentieren." Vielleicht nicht saftig, aber immerhin waren es am Ende 40 weitere Sekunden.

Ein ausgezeichnetes Rennen fuhr Udo Bölts, der ja gar nicht einmal im Vollbesitz seiner Kräfte ist --und trotzdem Rang 7 errang.

Unterdessen hat man bei der Teamleitung von Telekom die Zeichen der Zeit erkannt: "Es ist doch logisch, daß wir schon jetzt über Verlängerung reden und dabei auch anbieten könnten, den Finanzrahmen der bestehenden Verträge anzuheben," sagte Team-Pressesprecher Tilman Falt. Toursieg oder nicht - schon heute gilt als sicher, daß Ullrich seine Bezüge für 1998 auf mindestens eine Million Mark (ohne Prämien und Werbung) fast verdoppeln wird. Sein bisheriges Jahresgehalt liegt bei 600.000 Mark.[dpa, Reuters]

18.07.97 - Der Außerirdische! 1.16:24... "Wie Indurain in seinen besten Tagen" (Marca) hat Jan Ullrich den besten Rennfahrern der Welt drei Minuten beim schweren Bergzeitfahren von St. Etienne abgenommen. Die Dimensionen, in denen Jan Rad fährt, kann man kaum noch mit Worten beschreiben. Die Ergebnisse etwa von Bjarne Riis (1.19:32) und Abraham Olano (1.19:38) zeigen, daß die Konkurrenz nicht schwach, sondern Ullrich so stark ist. Und als Jan dann auch noch im Ziel beiläufig sagte, er fühle sich eigentlich gar nicht topfit, sei ein wenig erkältet, da dürfte der Konkurrenz nun vollends angst und bange geworden sein. Bemerkenswert fuhren auch die "Gebirgsjäger" Marco Pantani (1.20:06) und Richard Virenque (1.19:28), denen eine solche Leistung bei einem Zeitfahren vorher kaum zugetraut worden war.

18.07.97 - Zum 2. Todestag von Fabio Casartelli: 18. Juli 1995 - Die Tour trauert

18.07.97 - "In ihm ist ein glühender Ofen" - Interview mit Peter Becker, dem Trainer von Jan Ullrich.

17.07.97 - Europa's Zeitungen feierten am Mittwoch Jan Ullrichs Triumph von Andorra:

16.07.97 - 11. Etappe: Erstmals kommt eine Ausreißergruppe ins Ziel. Dort gewinnt erst Sergei Outschakov (Polti) den Sprint gegen Laurent Desbiens (Cofidis), aber eine Minute später wird er deklassiert wegen angeblich unsauberem Sprint. Während die Deklassierung von Erik Zabel bei der 6.Etappe (s. News 11.07.97) zwar sehr zweifelhaft aber doch irgendwie nachvollziehbar war, ist die heutige Entscheidung der Jury gänzlich unverständlich. Gontchenkov hatte ein wenig seine Linie verlassen, -aber wenn eine solche minimale Abweichung irregulär sein und eine Deklassierung erfordern soll, dann fragt man sich eigentlich, wann Sprints ganz verboten werden. Man wünschte sich, die Funktionäre würden eine ähnliche Konsequenz bei Themen wie Doping zeigen.

Daß sie dies da nicht tun, hat zuletzt die skandalöse Vorgehensweise der UCI im "Fall Abdu" (s. News 12. u. 15.07.97 ): Abdu wurde bei all seinen Siegen dieses Jahr positiv getestet, vier Mal ! Die UCI vertuschte die Sache, "verwarnte" den Usbeken und der gute Hein Verbruggen (UCI-Präsident) gab Abdu noch den väterlichen Rat, er solle sich bei der Tour aber doch bitte, bitte nicht mehr erwischen lassen...


15.07.97 - 10. Etappe der Tour de France.

"Berglöwe Jan fraß alle auf."
--EXPRESS

"Ullrich macht Deutschland zum Radsportland"
--taz

"Impresionate Ullrich"
-- Marca

"Ullrich - l'heritier magnifique, der große Erbe"
--Reuter France

"Es ist der blanke Wahnsinn."
--Peter Becker, Trainer/Betreuer von Jan

Man ahnte es ja, aber es ist trotzdem unglaublich: Jan Ullrich holte sich gestern als neunter Deutscher überhaupt und als erster nach Klaus-Peter Thaler (1978) das Gelbe Trikot. Didi Thurau, der es selbst vor 20 Jahren einmal 15 Tage lang getragen und Deutschland damals radsport-verrückt gemacht hatte, schwärmte: "Ich glaub, daß wir den ersten deutschen Tour-Sieger gesehen haben." Im Telekom-Team ist jetzt auch alles klar. Rudy Pevenage: "Die Entscheidung ist gefallen. Ich habe zwar nicht damit gerechnet, daß es schon heute passiert, aber jetzt fährt das Team für Ullrich."

Bjarne Riis zeigt eine beachtliche Größe in einer für ihn nicht gerade einfachen Situation: "Jan hatte heute eine unglaubliche Form, da war es logisch, daß er attackieren mußte. Für uns ist es wichtig, daß wir jetzt das Gelbe Trikot haben. Die Tour kann man nur im Team gewinnen."

Neun Kilometer vor der Bergankunft in Andorra erhielt der Deutsche Meister von Telekom-Teamleiter Walter Godefroot das OK: Er war von den Pflichten, Riis zu helfen, enthoben und durfte zum ersten Mal auf eigene Rechnung fahren "Ich bin so kaputt, und ich bin erst einmal unheimlich froh über das Trikot. An Paris denke ich noch nicht. Da kommen noch die schlimmen Alpen- Etappen und weitere schwere Tage", so Ullrich im Ziel. "Als wir in die Schlußsteigung eingefahren sind, habe ich mit Bjarne gesprochen und er sagte, er fühle sich eigentlich ganz gut. Ich hatte wie gestern auch wieder gute Beine und habe einfach attackiert. Als ich mich dann umsah und registrierte, daß keiner mitkam, habe ich weiter forciert. Unser Teamchef Walter Godefroot kam dann mit dem Wagen zu mir und hat gesagt: Dreh Dich nicht mehr um und fahr."

Wie der 23jährige auf der schwersten Pyrenäen-Etappe agierte, wie leicht und locker er die steilsten Rampen nahm, das nötigte allen Mitstreitern Respekt ab. Er ließ alle Favoriten hinter sich. Weder Marco Pantani, dem gleichwohl ein prächtiges Comeback gelang, noch Richard Virenque konnten folgen. Es war eine Niederlage der Kletterer, Ullrich beherrschte die Etappe ganz kühl im Stile eines Indurain. "Ullrich war der Stärkste,", sagte Marco Pantani. Und Virenque. "Es war wirklich ein großer Ullrich, den wir heute gesehen haben."
[Zitate: dpa, AFP, Reuter]

15.07.97 - Dschamolidin Abduschaparow ist ohne Job. Lotto, der Rennstall des Usbeken, der wegen Doping-Vergehens von der Tour de France ausgeschlossen worden war (s. News 11./12.07.97), hat ihn fristlos entlassen. Ein Direktionsmitglied der Brüsseler Lotterie-Gesellschaft: "Die Entscheidung ist Abduschaparow schriftlich übermittelt worden. Wir haben sie nach langer Beratung gefällt." [Express]

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