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Die zweite Tour-Hälfte: Ullrich und Pantani vor einem klassischen Duell

23.07.98 - "Die Konkurrenz ist sehr groß, es wird sehr schwer, das Gelbe Trikot zu verteidigen", meinte Jan Ullrich am Donnerstag, dem einzigen Ruhetag der dreiwöchigen Tour. Vor lauter Dopinghysterie droht die sportliche Auseinandersetzung in den Hintergrund zu geraten. Und dabei entwickelt sich die Tour 98 zu einer der spannendsten Frankreichrundfahrten seit vielen Jahren. Ullrich ist stark, aber trotz der vorzeitigen Heimreise von Virenque, den Aufgaben von Francesco Casagrande und Abraham Olano ist das Rennen noch vollkommen offen. Fünf Rennfahrer kommen noch für den Toursieg in Frage und insbesondere das Duell Ullrich gegen Pantani, Rouleur gegen Kletterer, verspricht Hochspannung wie einst die Zweikämpfe zwischen Bahamontes und Anquetil, Van Impe und Merckx, Chiappucci und Indurain.

Zunächst die Zahlen: In der Gesamtwertung liegt Jan Ullrich nach der 11. Etappe 1:11 Min. vor dem Amerikaner Bobby Julich. Dahinter auf den Plätzen drei und vier liegen Marco Pantani und Laurent Jalabert mit jeweils 3:01 Min. Rückstand. Auf Platz 5 Michael Boogerd (Rabobank), der mit 3:29 Min. Rückstand zumindest theoretisch auch noch im Rennen um Gelb ist. Somit haben noch 5 Rennfahrer die Chance, mit dem Maillot Jaune am 2. August die Champs Elysees zu erreichen. Zum Vergleich: Bei seinem Toursieg 1997 lag Ullrich am Ruhetag bereits mit 2:38 Min. vor dem zweitplazierten Richard Virenque und hatte Pantani schon 5:29 Min abgenommen.

Jan Ullrich sieht sogar noch mehr als 5 Fahrer, die ihm gefährlich werden könnten: "Es gibt etwa 10 Fahrer, die noch nicht soviel Zeit verloren haben, daß sie sie nicht wieder aufholen könnten. Und Bobby Julich ist davon derjenige, der auf meiner Favoritenliste schon vor dem Start war", so der Titelverteidiger am Ruhetag. Pantani hingegen fürchtet Ullrich weniger: "Sicher, er ist gefährlich in den Bergen, aber wer weiß, ob er weiter so fahren kann wie bisher."

Telekom-Sportdirektor Walter Godefroot sieht im "Pirat" jedoch Gegner Nummer 1. "Er ist höchst gefährlich." Besonders gefährlich für Ullrich ist, daß Pantani sich im Aufwind befindet nach seinen Attacken bei der 10. und 11. Etappe, bei denen er auf wenigen Kilometern jeweils mehr als eine Minute auf den Deutschen holen konnte, obwohl sich Pantani noch nicht einmal 100 Prozent fit fühlte. Weiterer Vorteil für Pantani: er hat mit seinem Giro-Sieg

Notizen vom Ruhetag

Wetterbericht: Die 12. Etappe am Freitag über weitgehend flache 222km von Tarascon nach Cap d'Agde am Mittelmeer wird heiß: Vorhergesagt sind Temperaturen zwischen 22°C am Morgen und 38°C am Nachmittag im Zielort. Nachmittags wolkenloser Himmel, schwacher Wind. Sprinterwetter...

Neue Kleidung... Die Gan-Mannschaft von Roger Legeay stellte am Donnerstag erstmals die neuen Trikots vor, die die Mannschaft, -nach der Tour wird sie von der Bank Credit Agricole gesponsort-, künftig tragen wird. Statt weiß-blau- gelb werden dann Boardman, Moncassin und Jens Voigt in grün-weiß unterwegs sein. Der ungwewöhnliche Zeitpunkt des Sponsor-Wechsels ist Resultat eines Kompromißes: Ursprünglich wollte Sponsor Gan bereits Ende 97 sein Engagement beenden, die Bank Credit Agricole, die auch bei der Fußball-WM als Sponsor aktiv war, wollte sich aber erst nach der WM engagieren. Am Donnerstag trugen Stuart O'Grady und Cedric Vasseur die neuen Trikots, allerdings nur für die Kameras.

Unruhig Während die meisten der Rennfahrer sehr froh waren über den Ruhetag, ärgerte sich Marco Pantani darüber: "Mir wäre es lieber gewesen, wenn es heute eine Etappe gegeben hätte. Die anderen profitieren vom Ruhetag", meinte der "Pirat".

Gesündigt Robbie McEwen (Rabobank) legte bei seiner Trainingsfahrt einen kleinen Stop ein: Bei McDonald's ließ es sich der Australier mit Pommes frites und einem Schoko-Shake gutgehen.

eigentlich schon sein Saisonziel erreicht. In Italien wird er der Rennfahrer des Jahres sein, ganz gleich wie er bei der Tour abschneidet. Pantani kann nur gewinnen. Ohne Druck kann er seine Attacken unternehmen und schauen, was passiert. Ullrich dagegen fährt voll im Gegenwind der Erwartungen von Medien und Fans, nicht zuletzt auch weil der Merdinger noch extremer als früher Indurain und Lemond seine komplette Saison auf die Tour de France ausrichtet. Der Etappensieg beim Zeitfahren in Correze war Ullrichs erster Saisonsieg!

Kletterer und Zeitfahrer

In den letzten 40 Jahren ging das Duell 30 Mal zugunsten des Rouleurs aus, nur 5 Mal gewannen echte Bergspezialisten. Die Kletterer Charlie Gaul (1958) und Lucien Van Impe (1976) profitierten bei ihren Toursiegen jedoch auch von den Aufgaben ihrer großen Rouleur-Rivalen: 1958 gab Jacques Anquetil die Tour auf, 1976 bestritt Eddy Merckx die Tour nicht und Bernard Thevenet mußte vorzeitig aufgeben.

Meist mußten sich die Kletterer mit Podiumplätzen zufriedengeben. Lucien Van Impe, der sechs Mal die Bergwertung der Tour gewann, belegte drei Mal den dritten Gesamtrang. Claudio Chiappucci wurde zwei Mal Zweiter, einmal Dritter. Marco Pantani folgte den Spuren von "El Diablo" und wurde auch bereits zwei Mal Gesamtdritter.

Während keiner der Kletter seinen Toursieg wiederholen konnte, gewannen die großen Rouleurs in Serie: Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain je 5 Mal, Greg Lemond drei Mal, Bernard Thevenet zwei Mal.

Pantanis Aufwind spiegelt sich auch in den Aussagen zu seinen Zielen wider: "Diese Tour ist nicht für mich gemacht", hatte Pantani vor der Tour gesagt. Sein Sportdirektor Martinelli sagte noch am Mittwoch während der 11. Etappe im französischen Fernsehen, Mercatone Uno fahre nur auf Etappensiege, man sehe keine Chancen auf einen Gesamtsieg. Nach der 11. Etappe klang das aber schon ganz anders: "Da ich wieder 1:40 Min. im Gesamtklassement geholt habe, ist diese Option auch noch offen", sagte Pantani im Sieger-Interview.

"Ullrich ist zur Zeit nicht so stark wie im letzten Jahr", sagt Cyrille Guimard, der bis letzes Jahr Sportdirektor von Cofidis war und bereits Bernard Hinault und Laurent Fignon als Mannschaftsleiter geführt hat. Sicher spielt auch eine Rolle dabei, daß Ullrichs Vorbereitung im Frühjahr ein Desaster war. Er hat zwar im Mai die Kurve bekommen und ist jetzt im Juli wieder in "Top-Form", aber die berühmte "Winterspeck-Krise" hat Ullrich sicher nicht geholfen.

Nichtsdestotrotz: Jan Ullrich ist immer noch der große Favorit der Tour de France 1998. Pantani reichte es nicht, in den Alpen das Gelbe Trikot zu holen, er müßte Ullrich schon 5 Minuten abnehmen, um gegen den deutschen Zeitfahrspezialisten beim 53km-Einzelzeitfahren bei der 20. Etappe eine Chance zu haben, gegenzuhalten.

Wie auch immer: Für Spannung ist gesorgt.








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