09.04.98 - Während etwa Abraham Olano und Jan Ullrich noch meilenweit von einer
guten Form weg sind, befindet sich Alex Zülle bereits in beneidenswerter Verfassung.
Der Vuelta-Sieger der letzten beiden Jahre will nach seinem Wechsel
zum Festina-Team in diesem Jahr sowohl Giro und Tour mit Blick auf den
Gesamtsieg bestreiten.
Als gegen Ende der vergangenen Saison der Wechsel von Alex Zülle von Once zu Festina bekannt wurde, zweifelten einige Fachleute, ob es dem Schweizer wohl gelingen möge, in der "Equipe der vielen Favoriten" Fuss zu fassen. Mittlerweile ist Zülle in seinem neuen Team aber vollständig integriert. "Einem neuen Fahrer wird immer mit Vorbehalten begegnet", so der Weltranglisten-Funfte, "aber mit Leistung kann man seine Kollegen überzeugen."
Besonders Richard Virenque, Tour-Zweiter 1997 hinter Jan Ullrich, äusserte sich nach der Verpflichtung Zülles für das Festina-Team recht kritisch. Und schliesslich gehören mit Weltmeister Laurent Brochard und dem Westschweizer Laurent Dufaux noch weitere zwei absolute Spitzenfahrer dem Team von Bruno Roussel an, welches mit der Verpflichtung einer grossen Mannschaft vor allem das Ziel verfolgt, endlich mal eine grosse Rundfahrt zu gewinnen und dabei mit den Mannschaftshelfern nicht Raubbau zu betreiben.
Bereits in Form
Derzeit bestreitet Alex Zülle die Baskenland-Rundfahrt, welche er bereits zweimal zu gewinnen vermochte. Ein Sturz in der ersten Etappe, verbunden mit einem Radwechsel, bescherte dem Schweizer aber einen Rückstand, der ihn derzeit etwas aus der Favoritenrolle gedrängt hat. "Kein Problem", meint Zülle allerdings, "ich fühle mich in guter Form, obwohl ich erst 10 000 Trainingskilometer in den Beinen habe." Dies bestätigen auch seine beiden Trainingskollegen, Tirreno-Adriatico-Sieger Rolf Järmann (Casino) und Philipp Buschor (Saeco), welche nur wenige Kilometer entfernt von Zülle in der Ostschweiz wohnhaft sind. "Wenn Alex das Tempo verschärft, ist es unheimlich schwer, dessen Pace zu halten."
Uhren nach Italien
Zülle, seit 1991 im Berufsfahrerlager, soll in diesem Jahr aus marktpolitischen Gründen erstmals den Giro d'Italia bestreiten - und gewinnen, wenn es nach den Wünschen von Festina-Besitzer Miguel Rodriguez gehen soll. Der millionenschwere Besitzer der Uhrenfabrik Festina will den Markt mit seinen Tickern in Italien erobern. Und dazu ist eine gute Vorstellung des über ein Budget von über 10 Millionen Mark verfügenden Rennstalles die beste Voraussetzung. Ein erster Test soll in der Tour de Romandie erfolgen, die bisherigen Frühjahrs-Classiques waren diesbezüglich reine Trainingseinsätze.
Der Wechsel von Once zu Festina hat dem St.Galler jedenfalls keine nennenswerte Probleme bereitet. "Sowohl Once wie Festina sind bestens organisierte Teams, in welchen auf jedes Detail geachtet wird", so Zülle, der allerdings anmerkt: "Im Gegensatz zu Once-Chef Manolo Saiz gesteht mir Bruno Roussel viel mehr Freiheiten zu."
Nachdem aber Richard Virenque - trotz seines zweiten Platzes in der Tour des vergangenen Jahres - wohl kaum in der Lage scheint, je eine Rundfahrt des Giro oder der Tour als Sieger zu beenden, liegt die Herausforderung im Festina-Team ganz klar in der Tour de France 1998. Hier soll Jan Ullrich nicht nur gekitzelt, sondern handfest herausgefordert werden. "Aber auch wenn viele heute spekulieren, entscheidend wird die Leistung im Juli sein, ob es mir gelingt, die Festung Ullrich zu knacken", meint Zülle dazu trocken.
Von der Teamleitung ist dem Ostschweizer jedenfalls zugestanden worden, dass er nach der Tour de France seine Saison beendet. Auch wenn es ihn grundsätzlich reizen würde, seinen Titel aus der Vuelta des vergangenen Jahres zu verteidigen. Bei Once war die Bestreitung der Vuelta jeweils ein Muss, in diesem Jahr kann sich Zülle aber im Verlaufe der Saison noch immer dafür oder dagegen entscheiden.