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Interview mit Erik Zabel
"Mailand-San Remo ist auch nur ein Strassenrennen"

09.03.00 - Für Erik Zabel, derzeit mit seinen Teamkollegen bei "Tirreno-Adriatico" unterwegs, rückt der erste Saisonhöhepunkt immer näher. In etwas mehr als einer Woche steht die 91. Ausgabe des Frühjahrsklassikers Mailand-San Remo auf dem Programm. Zwei Mal, 1997 und 1998, gewann der 29-Jährige die Classicissima, in der letzten Saison wurde er Zweiter. Auch in diesem Jahr gilt "Ete" als einer der ganz großen Favoriten. RADSPORT-NEWS.COM sprach am Donnerstag abend mit dem Telekom-Sprintstar.

RADSPORT-NEWS.COM: Herr Zabel, wie gehts?

Zabel: Sehr gut.

RADSPORT-NEWS.COM: Wie lief es bei der Etappe bei 'Tirreno' heute?

Zabel: Ich wurde 14. Es war heute keine besonders schwere Etappe. Im Sprint war auf der Zielgeraden ein ziemlicher Gegenwind. 14. ist nicht besonders, ist aber ok.

RADSPORT-NEWS.COM: Gestern wurden Sie Zweiter hinter Weltmeister Oscar Freire. Was denken Sie über Freire? Er ist sehr stark, oder?

Zabel: Auf alle Fälle. Er bestätigt das, was er bei der WM im Oktober gezeigt hat. Er ist unheimlich schnell.

RADSPORT-NEWS.COM: Bestätigt? Ihr Teamkollege Jan Ullrich sprach ja nach der WM davon, Freire habe viel Glück gehabt.

Zabel: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Es ist jedenfalls so, dass nach einem schweren WM-Rennen nach 260 Kilometern Glück eine relative Sache ist...

RADSPORT-NEWS.COM: Sehen Sie Freire als Favorit bei Milan-San Remo?

Zabel: Er ist einer der Favoriten, ja. Aber er ist noch sehr jung und das Rennen ist 300km lang. Ich bin mal gespannt, was er zeigt. Es gibt auch eine Reihe von anderen Fahrern, die in der Lage sind, in San Remo ganz vorn zu landen. Jalabert zum Beispiel. Oder (Roberto) Petito von Fassa Bortolo. Auch Museeuw ist derzeit sehr gut. Man muss mal Tirreno abwarten und auch

Erik Zabel
Foto: Team Telekom
Paris-Nizza, bevor man genauer weiß, wer letztendlich Favorit ist bei Mailand-San Remo.

RADSPORT-NEWS.COM: Einer der Favoriten sind auch Sie.

Zabel: Ja, ich kann schon vorne dabei sein. Die Saison ist noch nicht alt und ich habe ja schon einige Resultate gehabt. Ich habe eine gute Kondition und es ist nicht so, dass ich sagen müsste: Du brauchst noch ein Wunder in einer Woche...

RADSPORT-NEWS.COM: Sie sind weiter als im Vorjahr zur selben Zeit. Kann man das so sagen?

Zabel: Naja, ich habe gut trainiert. Die Ergebnisse waren da. Im letzten Jahr bin ich mit einem Magen-Darm-Infekt aus Australien heimgekommen. Den ganzen Februar habe ich daran rumgeknabbert. Dieses Jahr bin ich gesund und kann Tirreno in Ruhe als Formtest nehmen, wobei wir noch mal schauen müssen, ob ich die ganze Zeit ans Limit gehe, oder ob ich auch mal eine Auszeit nehme. Aber diese ganzen Vergleiche zum Jahr vorher, die die Journalisten immer hören wollen sind doch irgendwie verfehlt, finde ich. Was nutzt es mir, wenn ich besser bin, aber andere haben einen größeren Sprung gemacht. Jedes Jahr, jedes Rennen muss man wieder neu beginnen.

RADSPORT-NEWS.COM: Solche Vergleiche sind ja ohnehin auch recht theoretisch. Aber man kann wohl sagen, dass Sie in aller Ruhe auf den Samstag in einer Woche schauen können.

Zabel: Ja, das kann man sagen. Ich meine, klar, es ist einer der fünf Urklassiker (neben Flandern-Rundfahrt, Paris - Roubaix, Lüttich - Bastogne - Lüttich und Lombardei-Rundfahrt, die Red.) und man kann es nur einmal im Jahr fahren. Es ist jede Menge Prestige zu gewinnen. Aber trotz allem: Es ist auch nur ein Strassenrennen...

RADSPORT-NEWS.COM: ...das Sie aber besonders lieben.

Zabel: Mailand-San Remo ist ein sehr faires Rennen. Da können im Prinzip alle gewinnen. Ein Bergfahrer, ein Rundfahrtspezialist, ein Sprinter. Man braucht die nötige Kondition, Durchsetzungsvermögen, bei der Taktik auch ein bißchen Glück.

RADSPORT-NEWS.COM: Dazu braucht man auch eine gute Mannschaft. Telekom hatte noch nie so viele Fahrer, die sich für Mailand-San Remo aufdrängen mit guten Leistungen. Von Hundertmarck bis Wesemann, Vinokourov bis Fagnini und Elli usw.

Zabel: Ja, das sehe ich auch so. In den letzten Jahren war es immer so, dass wir vier, fünf Leute hatten, die waren gut, den Rest haben wir aufgefüllt mit Fahrern, wo man dann gehofft hat, sie werden gut fahren. Dieses Jahr haben wir eine Riesenauswahl. Mit Schaffrath und Aldag werde ich zwei Superdomestiken haben, Fagnini, Elli und Vinokourov können auch im Finale noch bei mir sein und Fagnini für mich dann hoffentlich auf der Zielgeraden noch den Sprint anfahren. Auch Wesemann ist sehr stark zur Zeit. Die Teamleitung hat da wirklich die Qual der Wahl.

RADSPORT-NEWS.COM: Nehmen Sie da als Kapitän Einfluß und sagen zu Godefroot: Den oder den hätte ich gerne dabei?

Zabel: Nein, das überlasse ich unserem Teamchef Walter Godefroot. Der hat soviel Erfahrung, der weiß genau, wer am besten ins Team gehört.

RADSPORT-NEWS.COM: Bei Mailand-San Remo ist taktisch so ziemlich alles möglich, von der Sprintankunft bis zur erfolgreichen Soloflucht. Was erwarten Sie am 18. März?

Zabel: Dass eine Reihe von italienischen Teams ganz früh versuchen werden, eine Attacke zu fahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass gleich nach Mailand eine Gruppe weggeht, nachdem in den letzten drei Jahren die Entscheidung im Sprint eines mehr oder weniger großen Feldes fiel. Bei diesem Rennen muß man mit allem rechnen. Man sagt, dass bei Mailand-San Remo alle zehn Jahre eine frühe Gruppe bis ins Ziel durchkommt. Bei den Siegen von Bugno (1990) und kurz zuvor von Maechler (1987) sind zwei Mal hintereinander Ausreißergruppen ins Ziel gekommen. Ich denke, es werden einige sich sagen, laß es uns doch mal versuchen, eine 270km-Flucht zu fahren.

RADSPORT-NEWS.COM: Wobei Telekom versuchen wird, einen Fahrer da reinzubringen, wenn eine Gruppe geht.

Zabel: Ja, das wäre nicht verkehrt...

RADSPORT-NEWS.COM: Abschließende Frage: Sie sind wochenlang von zuhause weg, jeden Tag in einem anderen Hotel. Was machen Sie abends, um zu entspannen, abzuschalten? Wenn nicht gerade Journalisten noch um halb Elf abends anrufen wie jetzt...

Zabel: Viel machen kann man im Hotel ja nicht. Bißchen Fernsehen, was lesen, Zeitschriften blättern. So etwas in der Richtung.

RADSPORT-NEWS.COM: Erik Zabel, vielen Dank für das Gespräch. Alles Gute und viel Erfolg in San Remo.

Die Fragen stellte Kersten Volk

Übersicht: Mailand-San Remo 2000



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