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Strassen-WM 99 - Zeitfahren Männer
Weltmeister Ullrich: "In Verona wird es nicht so leicht" - Andersson schafft beinahe die Sensation

06.10.99 - Der als haushoher Favorit in das WM- Zeitfahren der Männer gegangene Jan Ullrich ist seiner Favoritenrolle gerecht geworden und errang sechs Jahre nachdem er in Oslo 1993 mit 19 Jahren das Regenbogen- Trikot im Strassenrennen der Amateure holte, wieder einen Weltmeister- titel. Doch am Ende des 50,6km langen Rennens gegen die Uhr in Treviso war die Entscheidung hauchdünn. 14 Sekunden fehlten dem überraschend starken
schwedischen Ex-Telekom-Profi Michael Andersson zur grossen WM-Sensation. Bronze ging an den britischen Zeitfahrweltmeister von 1994 Chris Boardman, der knapp eine Minute langsamer war als Ullrich.

Der Herbst 1999 ist für Jan Ullrich ein goldener. Nach einem völlig verkorksten Saisonstart mit psychisch- bedingten Formtiefs und Verletzungen, die zur Absage "seiner" Tour de France führten, hat Jan Ullrich in weniger als acht Wochen seine Saison mit Vuelta-Sieg und dem Regenbogen-Trikot im Zeitfahren nicht nur gerettet, sondern zu einer  
  Die Zwischenzeiten


          KM 8,6  KM 27     Ziel
Ullrich    10:27  34:56  1.00:28
Andersson  10:38  35:22  1.00:42
Boardman   10:32  35:47  1.01:26
Belohvosc. 10:30  35:52  1.01:32
Mauri             35:44  1.01:47
Gontchar          35:39  1.01:47
...
Zülle             35:43  1.02:13
gemacht, auf die andere eine ganze Karriere aufbauen. "Am Anfang des Jahres habe ich nicht geglaubt, dass es so einen schönen Herbst geben könnte", so Ullrich am Mittwoch in Treviso nach dem Rennen in der Pressekonferenz, bei der der Pressesaal aus den Nähten platzte. "Ich habe mich auf die Tour konzentriert, aber das Problem mit dem Knie hat meinen Start unmöglich gemacht. Die Tatsache, dass ich im Sommer zu einer Pause gezwungen wurde, hat mir dann letztendlich diese Herbstform ermöglicht."


Jan Ullrich

Geb. 02.12.1973 in Rostock
1,83 m, 71 kg

Profi seit 1994
Teams: Telekom (seit 94)

Größte Erfolge:
Zeitfahr-Weltmeister 1999, Amateur- Weltmeister 1993 (Oslo), Tour de France 1997, Vuelta a España 1999 (+ 2 Etappen), 2 Etappen u. Gesamtzweiter Tour de France 1998, 1 Etappe u. Gesamtzweiter Tour de France 1996, Deutscher Meister 1997, Deutscher Zeitfahr-Weltmeister 1995, Rund um die Nürnberger Altstadt 1998, Regio-Tour 1996 (+ 1 Etappe), 1 Etappe u. Gesamtdritter Tour de Suisse 1997, Luk-Cup Bühl 1997.

Tour de France: 2./1996, 1./1997, 2./1998. Sechs Etappensiege: 1/1996 (EZF in Saint-Emilion), 2/1997 (Andorra-Arcalis, EZF in Saint-Etienne), 3/1998 (EZF in Corrčze u. Creusot, Albertville), 18 Tage im Gelben Trikot (12/1997, 6/1998)

"Ich denke, meine Saison war ganz erfolgreich", meinte der gebürtige Rostocker mit mecklenburgischem Understatement. Am kommenden Sonntag könnte Ullrich vielleicht sogar noch einen draufsetzen beim Strassenrennen in Verona. Ullrich: "Ich habe schon ein Regenbogen- Trikot, am Sonntag werde ich nichts zu verlieren haben. Ich habe eine gute Mannschaft am Start und wir werden mal schauen. Es wird sicherlich nicht so leicht wie beim Zeitfahren, eine Medaille zu holen. Das Strassenrennen ist auch ein bißchen wie ein Roulette."

Seine WM-Vorbereitung hat Ullrich in den letzten zwei Wochen nach dem Ende der Vuelta zuhause in Merdingen ganz locker betrieben. "Es hat fast ständig geregnet. Ich habe nur ein bißchen auf der Rolle trainiert. "

Mit der Erfahrung von 1999 wird Jan Ullrich, der in den letzten Jahren seine Saison immer allein auf die Tour im Juli ausrichtete, im kommenden Jahr eine veränderte Saisonvorbereitung betreiben, auch, um eine "Winterspeck-Krise" wie 1998 zu vermeiden, als er mit über 10 Kilo Übergewicht in die Saison ging und erst weit im Sommer seine Bestform erreichte. "Ich werde im Dezember wieder mit dem Training beginnen. Ich möchte gern schon bei den Frühjahrsklassikern im April, vor allem bei Lüttich - Bastogne - Lüttich vorne mitfahren", so der neue Weltmeister im Zeitfahren.

Bei all dem Trubel um Jan Ullrich drohte ein wenig unterzugehen, wie knapp der Deutsche an einer Niederlage, - und eine solche wäre allen Beteuerungen zum Trotz ein zweiter Platz gewesen - , vorbeischrammte. Der Schwede Michael Andersson, der 1996 Teamkollege von Jan Ullrich war und in diesem Jahr beim dänischen "Acceptcard"- Rennstall fuhr, war nur 14 Sekunden langsamer als Ullrich und hätte mit ein wenig Glück auch Gold holen können, wenn der Schwede zu Beginn etwas stärker gefahren wäre. Nach 8,6km war Andersson nur Elfter, nach 21km lag er 25 Sekunden hinter Ullrich, auf den er im Schlussteil dann noch mal viel Boden gutmachte. "Ich glaube nicht, dass ich schlechter geworden bin im letzten Drittel, ich denke Andersson ist stärker geworden. Ich freue mich für ihn ", so Ullrich.

Der 32-Jahre alte Andersson holte in Treviso seine erste WM-Medaille. 1998 beim WM-Zeitfahren in Valkenburg war der Schwede mit über 5 Minuten Rückstand hinter Abraham Olano auf den 34. Rang gefahren. Doch aus dem Nichts kommt seine Leistung nicht. 1997 und 1996 war Michael Andersson 11. bzw. 12. beim WM-Zeitfahren geworden.


Stimmen zum Rennen
Ullrich: "Es lief alles wunderbar"

06.10.99 - Stimmen zum Rennen:

Jan Ullrich (Ger), neuer Zeitfahr- Weltmeister: "Ich habe nur gehofft, aufs Podium zu kommen, eine Medaille zu holen. Aber ich habe relativ schnell meinen Tritt gefunden. Es war ein sehr schweres Zeit- fahren. Der Wind kam von allen Seiten,
weil es ein Rundkurs war. Und auch die Anstiege waren sehr schwer. Das Wetter hat heute gut mitgespielt. Ich bin sehr, sehr glücklich. Ich bin sehr froh, dass ich mich gegen die Zeitfahrspezialisten wie Boardman und Gontchar, die sich ja mit einigen Zeitfahrrennen auf die WM vorbereitet haben, behaupten konnte. Dass ich die schlagen konnte, habe ich nicht unbedingt gedacht. Aber ich habe eine sehr gute Form aus der Vuelta mitgebracht und es lief alles wunderbar. Andersson? Ich habe noch keine Ergebnisse und Zeiten gesehen, ich weiß nur, dass ich gewonnen habe und darüber bin ich froh. Am Sonntag beim Strassenrennen werde ich versuchen, ein gutes Rennen zu fahren. Ich habe eine gute Mannschaft am Start und wir werden mal schauen. Es wird sicherlich nicht so leicht, wie beim Zeitfahren, eine Medaille zu holen. Das Strassenrennen ist auch ein bißchen wie ein Roulette. Ich habe heute gewonnen. Damit bin ich jetzt erst mal froh. Aufpassen muß man Sonntag vor allem auf Vandenbroucke und die Italiener, vor allem auf Casagrande."

Michael Andersson (Swe), Silbermedaille: "Es ist eine großartige, schöne Überraschung. ich fahre in einem Team der zweiten

Kategorie. Ich bin die Polen-Rundfahrt gefahren vor sechs Wochen und dann nach Schweden zurückgefahren, um zu trainieren, aber es hat ständig geregnet. Schade ist, dass wir immer noch keinen neuen Sponsor haben für nächstes Jahr."

Chris Boardman (Gbr), Bronze: "Ich hätte hier gern gewonnen, aber mir war klar,

dass Jan der grosse Favorit war, nachdem was er bei der Vuelta gemacht hat. Dieses Jahr war kein gutes für mich mit einer ganz schlechten Form bei der Tour. Die Bronze-Medaille heute ist für mich ein kleines Comeback. Im Winter werde ich hart arbeiten. Im kommenden Jahr konzentriere ich mich auf die Olympischen Spiele zum Saisonende."

WM-Ergebnisse: Zeitfahren/Männer/Elite

Strassen-WM 1999 - Übersicht







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