Wilhelms' Abenteuer in Arabien (7)
"Ein Gläschen Schampus mit Ulle"
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Sonnenschein, milde Temperaturen,
Etappen durch die karge arabische Sand-Wüste:
Am Montag begann die neue Qatar-Rundfahrt, eines der exotischsten
Rennen im Kalender. Der Hannoveraner Sprintspezialist Thorsten Wilhelms (Team Coast)
berichtet exklusiv für RADSPORT-NEWS.COM in einem Renntagebuch aus Arabien.
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25.01.02 - Ich kann das noch gar nicht glauben.
Ich habe eine Rundfahrt gewonnen... Ich dachte
vorhin gerade daran, wie ein noch ganz junger ehemaliger Teamkollege
vor gar nicht langer Zeit zu mir sagte: "Ey, bis du
in deinem Leben überhaupt schon mal 'ne Rundfahrt
zu Ende gefahren?" Ich möchte dem am liebsten jetzt eine
Mail schicken: Danke für den Tipp, jetzt bin ich
auch eine zu Ende gefahren...
Zwischendurch heute bei der Schlussetappe habe ich
nicht mehr mit dem Sieg gerechnet.
Die Etappe begann an einem Beach-Hotel ganz im Süden des Landes.
Wir haben zum ersten Mal auch richtige Sanddünen gesehen und
auch Ölfelder. Beim Start war es recht merkwürdig,
wie bei einem Schülerklasserennen drängelten alle gleich in die erste Reihe.
Es hatte wieder starken Wind, der leicht seitlich von vorn kam.
Der Wind hat hier das Rennen wesentlich mitentschieden.
Berge gab es zwar keine, aber der Wind hat auf
allen Etappen das Rennen schwer gemacht.
Im Gesamtklassement gibt es große Abstände, da
hat mancher fast eine Stunde verloren.
Nach 40km stand der erste Zwischensprint an.
Bei Gegenwind. Ich dachte eigentlich, da
werden wohl nur ein paar mitsprinten, schließlich
waren ja im Gesamten nur knapp 30 Mann
in einem Bereich, wo ein paar Sekunden Gutschrift
etwas ausmachen. Ulle war im Gesamtklassement vor der Etappe
16 Sekunden hinten. Jan kommt neben mich und stichelt: "So, jetzt hole
ich mir drei Sekunden!" Ich lache: "Mensch, das
hilft dir auch nix mehr, mehr als Vierter kannst du gar nicht mehr werden."
Der Sprint lief optimal für uns:
Ich habe den Sprint von vorne angezogen,
Radde (Radochla) an meinem Hinterrad. Ich hole
die drei Sekunden Gutschrift, Radde wird Zweiter,
der Franzose Mengin Dritter: (Das Gelbe Trikot Damien) Nazon
geht leer aus. Ich bin rechnerisch in Front!
Beim zweiten Zwischensprint lief es dann weniger gut.
Ich sprintete an vier, Jalabert an zwei.
Nazon war genau vor mir. Dann zieht der Kerl plötzlich vor mir
rüber, ich bin um ein Haar gestürzt! Die
Sekunden holt sich natürlich Nazon
und ist damit wieder eine Sekunde vor mir.
Radde und die anderen mussten mich festhalten.
Ich war so sauer auf den Nazon wegen dieser Aktion.
Ich dachte, das war's dann.
Auf dem letzten Teil der Etappe setzten sich dann auch noch drei Mann vom Feld ab.
Wenn die durchkommen,
hat Nazon das Rennen gewonnen.
Unser Sportlicher Leiter kommt ins Feld.
"Kommt Männer, jetzt alles oder nichts!"
Meine Jungs haben sich dann vors Feld gesetzt
und Gas gegeben bis zm Abwinken.
"Scheich drauf", sagen wir unter uns neuerdings...
Es sollte sich lohnen: Wir haben die Ausreißer gestellt.
Im Massensprint habe ich nicht
auf Nazon geschaut oder so, bin mein eigenes Ding
gefahren. Auf einmal war Radde neben mir -
ich dachte, der wäre weiter hinten - ruft:
"Komm, los jetzt, wir holen das Ding."
Er fährt für mich an, dann gehe ich
an das Hinterrad von Kemna und gewinne
tatsächlich. Unsere Bilanz: Zwei Etappensiege, Punktewertung,
Mannschaftswertung. Und Christoph von Kleinsorgen
ist auch noch Dritter in der Nachwuchswertung.
Vorhin war Eddy Merckx mit uns im Fahrstuhl,
er telefonierte gerade. "...Coast super...",
bekomme ich so halb mit. Und er hat mir gratuliert.
Ja, ich denke, Team Coast hat hier in der Woche wirklich ne ganz gute
Show abgeliefert.
Wir wollten eigentlich jetzt gleich noch ein bißchen feiern gehen in
eine Disko. Aber hier ist am Freitag alles zu.
Das ist ja in Arabien wie Sonntag bei uns.
Vorhin saßen wir mit
den Jungs von Telekom noch ein bißchen zusammen,
habe mit Ulle auf den Sieg angestoßen mit einem
Gläschen Schampus. Ulles Freundin Gaby, Grabsch, Kessel (Kessler)
und (Telekom-Arzt) Heinrich waren auch dabei.
Ich freue mich über die vielen
Anrufe und SMSs, die ich schon bekommen habe.
mein Handy steht gar nicht
still. Wenn ich immer drangehen würde, wäre die
Prämie schon wegtelefoniert. Meine Freundin,
ehemalige Teamkollegen, unser Teamchef Lindner,
sogar mein ehemaliger Teamchef Uwe Raab hat sich schon gemeldet,
darüber freue ich mich besonders, wir hatten ja auch
so unsere Probleme.
Mit Disko ist nix mehr, meine Coast-Jungs und ich
trinken aber hier im Hotel noch ein paar
Bierchen. Wir hatten die ganze Woche viel Spaß!
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (6)
"Taktisch jetzt eine ideale Situation"
24.01.02 - Ich bin ziemlich sauer auf mich,
dass es heute nur zum dritten Platz reichte.
Ich hatte am Schluss Krämpfe, stand
in der Säure, da ging nichts mehr, ich war vollkommen fertig. Ich habe vermutlich zu wenig
getrunken, es war heiß heute. Aber die Etappe
war so schnell, da hatte man gar keine Zeit
zum Trinken. Schon heute morgen habe ich gespürt,
dass meine Beine hart sind. Das ist nicht der
Willi von gestern, denke ich.
Ich bin erstaunt, wieviele TV-Interviews
ich machen muss. In Englisch, in Deutsch.
Das freut mich, dass wir solche Medienpräsenz haben.
Am Start haben die von DPA wieder reichlich Fotos geschossen
von mir im Sprintertrikot. Jetzt war endlich
auch das Coast-Logo drauf. Unsere Betreuer haben die
gestern noch auf die Schnelle organisiert.
Es gab da am Start eine kleine Show mit
Jagd-Falken. Schönes Foto: Ich mit einem Falken auf dem Arm.
Die Etappe begann so schnell, das gibt es gar nicht.
Nach zehn Minuten ging es ab, Vollgas.
Wir hatten Rückenwind und fuhren ein
Mördertempo. Auf den Geraden fuhren wir teilweise fast 70 Sachen!
Beim ersten Zwischensprint sind
Malte (Urban) und Radde (Radochla) für mich
angefahren, ich habe ziemlich locker die Zeitgutschrift geholt.
Dann flog das Feld wegen dem hohen Tempo heillos auseinander.
Das Gelbe (Pagliarini von Lampre) schnell weit abgeschlagen.
31 Mann waren schließlich noch vorne.
Dabei waren Ullrich, Jalabert, Vandenbroucke, Museeuw, der französische
meister Didier Rous - alle, die was drauf haben waren dabei.
Domo waren zu viert, Telekom zu dritt: Ullrich, Schumacher und Grabsch.
Wir von Coast hatten drei mit drin in der Gruppe:
Korfi (Andre Korff), von Kleinsorgen und ich.
Adamsson war anfangs drin, fiel wegen eines Defektes dann zurück.
Als wir auf die Schlussrunde kamen, die
drei Mal zu fahren war, zeigte
mein Tacho einen Schnitt von 55,4km/h an...
Wir dachten, Domo wird jetzt was probieren,
auch Ullrich hatte was vor. Aber da kam keiner weg,
so schnell war das. Unser Youngster Christoph von Kleinsorgen
hat heute sein Gesellenstück gemacht. Wie der gefahren ist,
super. Der hat sich den Hintern aufgerissen bis nach Laramie...
Christoph ist erst 21 Jahre alt und er konnte erst
Weihnachten anfangen zu trainieren,
weil er bei der Bundeswehr ran musste.
Und gestern war er noch down, zweifelte an sich.
Unser Sportlicher Leiter Petermann, der einen Superjob hier
macht und uns unheimlich motiviert, hat ihn wieder aufgerichtet.
Während der Etappe und dann nochmal auf den letzten
vier Kilometern hat er so ein Tempo vorgelegt,
dass keiner von dieser super Gruppe wegfahren konnte!
Unterwegs flachst Christoph: "Wehe, Du erwähnst mich nicht in Deinem Tagebuch!"
Ich lache: "Ja, aber jetzt fahr erst mal!"
Vier Kilometer vor dem Ziel habe ich schon gemerkt, dass
ich Krämpfe bekomme. 600 Meter vor Schluss musste ich aus dem Sattel,
im Sitzen konnte ich nicht mehr fahren.
Nachdem Christoph sich leer gefahren hatte, ist Korfi
für mich angefahren. Ich habe früh gemerkt,
das wird nix heute mit dem Sieg. Dritter!
Mein Sprinttrikot dürfte aber jetzt sicher sein.
Im Gesamtklassement liege ich jetzt eine
Sekunde hinter Damien Nazon. Vor einer
Woche wäre ich vermutlich glücklich gewesen darüber,
aber wenn man dann wirklich so nahe dran ist...
Ich werde schon etwas nervös jetzt, ehrlich gesagt.
Das ist eine ganz neue Situation für
mich: Gesamtklassement interessiert mich ja normalerweise
nie. Du fährst als Sprinter deine Flachetappen,
um den Rest sollen sich die Berg- und Zeitfahrer kloppen.
Eine Sekunde... Kann sein, dass ich morgen
stürze, kann sein, dass eine Gruppe weggeht.
Kann aber auch sein, dass es klappt!
Taktisch ist das für uns eine ideale
Situation. Morgen wird es wahrscheinlich Gegenwind haben.
Wir müssen nicht fahren, sondern der
gelbe und sein Team. Wir können uns erst auf die Zwischensprints
konzentrieren. Und wenn es zum Massensprint kommt,
werde ich mein Ding durchziehen, nicht
auf Nazon gucken. Es bringt mir ja auch nichts,
wenn wir uns belauern und ich werde Fünfter, er Sechster
wird. Dann hat er gewonnen. Ich will
den Etappensieg, das andere kommt
dann von alleine.
Aber ganz ehrlich:
Der Gesamtsieg ist schon im Hinterkopf drin.
Ob das jetzt nun klappt oder nicht,
es war für die ganze Mannschaft eine traumhafte Woche hier in Qatar.
Wir haben uns super präsentiert - und das vor
(Tour de France-Direktor) Jean-Marie Leblanc!
Morgen steigt hier am Strand eine Fete!
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (5)
"Kamel-Mist bringt Glück!"
23.01.02 - Tja, das war schon super: Ich habe gewonnen!
Heute morgen begann der Tag für mich erst mal
gar nicht so toll. Der Start erfolgte in einer
Kamelrennbahn. Ich habe mir sagen lassen,
die haben hier Rennkamele, die sind anderthalb Millionen
Dollar teuer. Es gab dann erst mal ein 4km-Kamelrennen,
für das wurde der Start des Radrennens eine halbe Stunde
verschoben. Es gab ein Buffet im Freien.
Ein Fotograf von der DPA kam zu mir,
er wollte ein Foto machen von mir im Sprintertrikot.
Okay, machen wir was schönes, denken wir uns,
klettert der alte Willi halt mal auf ein
Kamel... Aber ich Kamel setze mich natürlich nicht
hinten drauf, wie es sich gehört, sondern vorne,
wo eigentlich die Zügel sind. Prompt
falle ich runter und das ist ganz schön hoch!
Damit nicht genug, trete ich mit den Radschuhen auch noch
in Kamel-Mist... Was ne Arbeit, die Schuhe und die Pedalplatten wieder
sauberzumachen. Unser Mechaniker sagt noch: "Kamel-Mist
bringt Glück!"
Die Etappe heute war die längste von allen,
offiziell 179km und am Ende waren es tatsächlich noch ein paar mehr.
Lockerer Start. Die Stimmung bei uns im Team Coast
ist klasse. Beim Essen wird an unserem Tisch am lautesten
gelacht. Ich hätte ehrlich gesagt gar nicht gedacht,
dass ich hier auf Anhieb so gut mit
allen klarkomme. Eine Supertruppe sind wir,
auch sportlich stimmt zurzeit alles, da
ziehen alle an einem Strang. Ich hatte
heute mal einen Defekt, ich bin wegen
ein paar heftigen Schlaglöchern
an die Bremse gekommen, die Bremse
war zu und ließ sich nicht mehr lösen,
mussten lange da rumbasteln.
Korfi (Andre Korff) und zwei andere haben gewartet,
mich wieder rangefahren.
Die Etappe war heute etwas hügelig.
Olle Ulle (Jan Ullrich) fuhr da mit ner 13er
Übersetzung hoch, wo wir alle schon 17er gefahren sind.
Ich rufe rüber zu Jan und flachse ihn: "Hey, mach dir doch ne Dreigangschaltung ran,
mehr brauchst du eh nicht!"
Im letzten Teil der Etappe kam dann der starke Wind, den wir eigentlich
schon früher erwartet hatten. Das
Rennen wurde hektisch. Gruppen gingen weg,
Ausreißer, dann kam das Feld wieder ran,
zerbrach wieder in mehrere Grüppchen,
eine einzige Springerei.
Unser Teamchef Wolfram Linder hatte schon recht:
Vorbereitungsrennen, wo du locker fahren kannst,
gibt es gar nicht mehr heute. Hier
wird schon mächtig Gas gegeben.
Als eine 20-Mann-Gruppe weg gegangen war,
in der die meisten Teams einen dabei hatten,
war auf einmal Stillstand im Feld.
Coast hat sich eingereiht und Tempo gemacht.
Mein Zimmergenosse Stefan Adamsson
hat heute sein Gesellenstück gemacht.
Mit Korfi zusammen hat der Tempo gemacht wie ein Verrückter. Wahnsinn.
Schließlich haben wir die Gruppe gestellt.
Ich denke noch: oh Gott, die Jungs reißen sich
hier den Hintern auf für dich, hoffentlich
enttäuschst du die nicht nachher.
Vier Kilometer vor dem Ziel: Ein Herr namens Fagnini
hängt an meinem Hinterrad, da schau her...
Korff fährt an 1, ich an 2. Korfi ist drei
Kilometer lang volles Rohr gebrettert,
unglaublich. 1.000 Meter vor dem Ziel geht Korfi raus.
Viele sind noch vorne: Tacconi mit
Minali, Domo, Lampre. FdJ. Ich habe
mich an einem der Italiener festgebissen.
Einer von FdJ läßt abreißen, ein Loch!
Gut gegangen, wir fahren das Loch wieder zu.
300 Meter vor Schluss: Ich warte darauf,
dass Minali antritt. Irgendwann habe
ich genug, gehe ich halt selber raus.
Ich gehe an Minali vorbei, der schaut mich noch kurz an, ich fliege vorbei,
plötzlich ist weit und breit keiner mehr da, ich war weg, gewinne mit 2, 3 Längen.
Ein Wahnsinnsgefühl.
Die Teamkollegen sind mir um den Hals gefallen
und ich muss mich bei denen bedanken: Die haben alles
für mich gegeben. Und die ersten SMS
kamen schon, u.a. auch von Lieschen (Thomas Liese) und meinem
alten Sprinterkollegen Frösi (dem 23 jahre alten Robert Förster von Team Nürnberger,
die Red.) und ein paar anderen, die
mir immer den Rücken gestärkt haben,
wenn andere an mir zweifelten.
Ich ärgere mich ein bißchen, dass es für einen
Etappensieg hier 6 Sekunden Gutschrift gibt,
für einen Zwischensprint aber auch drei.
Deshalb ist jetzt der Brasilianer in Gelb,
nicht ich. Aber vielleicht geht ja noch was
im Gesamten, ich habe 2 Sekunden Rückstand.
Kann natürlich auch sein, dass morgen eine Gruppe
durchkommt und das Klassement ist zu.
Mal schauen, der Druck auf uns ist ja jetzt erst mal weg.
Was noch kommt, ist ein Bonus.
Die Reporter fragten mich nach dem Sieg, wie lange
ich denn schon Profi sei. Die waren ganz schockiert,
dass ich sechs Jahre weg vom Fenster war...
Man kann das natürlich gar nicht so rüberbringen,
was ich schon so alles erlebt habe.
Das geht auf die Schnelle gar nicht. Eins steht fest: Als ich mit 23 Jahren Siege
gefeiert habe, habe ich das nicht so genießen können wie
heute. Heute mit 33 Jahren genieße ich es, Radprofi zu sein.
Wer hätte vor ein paar Jahren überhaupt gedacht, dass ich
nochmal in einer GS-I fahre!?
Es ist nun nicht so, dass ich mir auf diesen Sieg
groß was einbilde. Aber es ist einfach ein schönes Gefühl.
Und für Team Coast ist es wunderbar,
dass wir jetzt im Januar einen Sieg verbuchen können.
Das nimmt den Druck erst mal weg und dann
läuft alles viel, viel ruhiger.
Und dass Rennen hier wird
ja von der Tour de France-Société organisiert.
Ich denke: Schaden kann es ja nichts, wenn wir uns hier
gut präsentieren...
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (4)
"Zuerst ging's mir heute gar nicht gut"
22.01.02 - Heute war der Start auf der anderen Seite des
Emirates und wir mussten 40km zum Start fahren. Einige sind
mit den Rädern gefahren. Heute morgen lief
mir Jan Ullrich über den Weg. Ich hatte ein
sehr nettes Gespräch mit Ulle. Erstaunlich
finde ich es, wie super nett er ist und unkompliziert. Sehr sympathisch,
dass er auf dem Teppich geblieben ist trotz seiner großen Erfolge.
Ich bin eigentlich keiner, der da gleich hinrennt
zu Ulle, es ergab sich heute so. Als ich 1999
mein Comeback vorbereitete nach sechs Jahren Pause
hat mich sein Trainer Peter Becker ein bißchen betreut.
Damals traf ich dann erstmals auch Ullrich wieder, mit
dem ich Anfang der Neunziger in der Bundesliga
Rennen fuhr. Schon damals hat es mich beeindruckt, dass
Ullrich mir die Hand schüttelt, sagt: "Hallo, was hat du denn
die ganzen Jahre gemacht?" Ullrich ist ein netter
Kerl. "Ist bestimmt schön für Dich, dass Du es gepackt hast und
wieder richtig Rennen fährst", sagte Jan heute zu mir.
Übrigens: Ulle sieht super austrainiert aus.
Diesmal scheint er alles in der Vorbereitung richtig zu machen.
Armstrong sollte aufpassen!
Das Rennen heute begann mit einem extremen
Rückenwind. Alle im Feld haben es ziemlich
locker angegangen. Man hat gespürt, dass
die schnelle Etappe gestern einigen in den Beinen
steckte. Das Rennen wird hier im Fernsehen übertragen.
Lustig: Die Kameramotorräder
sind übrigens nicht irgendwelche Mühlen hier:
Es sind Harley Davidsons!
Nach einer Stunde mit 40er, 45er Schnitt
machte die Straße einen Bogen und wir
fuhren Schiebekante. Da ging's mir gar nicht gut.
Das Feld war zerrissen und ich saß
hinten in der letzten Gruppe. Malte (Urban)
guckte schon ein paar Mal skeptisch rüber.
Dazu hatte ich auch noch ein Problem
mit dem Kettenblatt, das auf die Schnelle
nicht zu richten war. Nee, dachte ich mir,
besser wir fahren heute für Radochla, der
sich gut gefühlt hat. Also haben
wir abgesprochen: Im Sprint wird gefahren für "Radde".
Als wir auf die Schlussrunde kamen, hatten wir wieder starken Gegenwind,
es war sehr schwer, da richtig Zug zu fahren.
Auch Telekom hatte Mühe, da für Fagnini
was zu organisieren. Dann kam
wieder der Kreisel, kein Kilometer mehr bis ins Ziel.
Korffi (Andre Korff) war Dritter, ich so etwa Zwölfter.
Rechts neben mir sehe ich einen gelben Schatten,
denke mir, dass muss Radde (Radochla) sein.
Vor mir läßt dann plötzlich ein Italiener
ein Loch aufreißen, 500 Meter bis ins Ziel.
Ich zögere ein wenig, verliere mindestens zehn Meter.
Egal, jetzt alles oder nichts! Ich bin
das Loch zugefahren, einen ewig langen Sprint gefahren.
300 Meter durchgezogen und dabei alle geholt.
gehe auch noch an Korfi vorbei und werde Dritter.
Wenn diese Sch...situation 500 Meter vor Schluss
nicht gewesen wäre...!
Nach meinem vierten Platz gestern und dem dritten heute
habe ich das Punktetrikot geholt.
Auf dem Podium waren die beiden Hostessen
übrigens überhaupt nicht verschleiert
oder so, ganz normal angezogen,
Blazer, Rock. Da musste man dann nicht
die "Katze im Sack" küssen!
Ernsthaft: Hier in Doha sieht man viele Frauen,
die westlich gekleidet sind.
Wir hatten heute drei unter den ersten zehn: Radde Achter,
Korfi Fünfter, ich Dritter. Nicht schlecht!
Bei uns läuft es. Es wäre ganz bestimmt keine Überraschung, wenn
es beim nächsten Mal vielleicht dann richtig klappt.
Natürlich denken wir jetzt auch an einen Etappensieg.
Erst mal ist egal ob ich oder Radochla oder
Korfi oder wer auch immer.
Wir als Team Coast sind aber auch jetzt schon super zufrieden
mit dem Auftakt. Aber drei Chancen haben wir
ja auch noch, wenn noch was geht, nehmen wir
das gerne mit...
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (3)
"Das hat heute richtig Spaß gemacht"
21.01.02 - Wir sind heute morgen mit den Rädern die 15km zum Start gerollt
zusammen mit Jalabert und seiner CSC-Truppe.
Der Startbereich war an einer Kamel-Rennbahn.
Das Einschreiben erfolgte vor einer kleinen
Holztribüne. Dort saß ein hoher Scheich, ich glaube
es war der Emir selbst. Die Scheichs in ihren weißen
Gewändern saßen auf dicken
Sesseln, tranken Tee und schmauchten ihr Pfeifchen
und haben uns zugeschaut, wie wir uns eingeschrieben haben.
Ein kleines Problem gab es im Kamelstadion mit den Toiletten.
Die waren wie in Arabien üblich nur zum Stehen
und statt Klopapier gibts hier ein Wasserschlauch
an der Wand! In den Kabinen kann man den Nachbarn sehen... Wir haben uns kaputt gelacht!
Der Startbereich war ausgelegt mit dicken Teppichen,
auf denen sind wir dann losgefahren.
Die ersten 25 km sind recht locker gefahren worden
aber dann gings gleich mächtig los, da wurde richtig
reingehalten. Ein Fahrer von oktos
hat als erster attackiert, wurde aber wieder gestellt.
Dann formierte sich eine Gruppe mit neun Mann. Ich war vorne im Feld und
denke mir noch: Sollste mitfahren oder nicht?
Und dann ging die Gruppe weg - ich habe mich super geärgert.
Im Nachinein gesehen war es natürlich gut, dass ich nicht mitgefahren bin.
Von Team Coast hat Bekim (Christensen) noch versucht,
nach vorne reinzuspringen, es ging aber nicht, da
ist keiner von den anderen Teams mitgefahren.
Dann haben wir uns im Team kurzfristig entschieden,
wir reihen uns vorne ein, fahren auf Windkante und
schauen, dass der Vorsprung der Gruppe nicht zu groß
wird. 30 Kilometer lang haben wir mit 60 km/h
da vorne reingeknallt. Das hat richtig Laune gemacht.
Nur einmal war es dumm: Ein Dromedar stand mitten auf
der Straße. Es ging nochmal gut, mussten nur
kurz abbremsen. Von der Jury wurde uns schon mitgeteilt:
Auf der Straße stehende Kamele werden reglementmäßig wie geschlossene
Bahnschranken behandelt...
Irgendwann haben wir dann rausgenommen, wir wollten schließlich nicht
allein die ganze Tempoarbeit machen, von der dann die anderen profitieren.
Dann haben Lampre und Colpack sich eingereiht vorne.
Auf dem Schlusskurs in Doha, der zwei
Mal zu fahren war, haben wir
die neun Ausreißer wieder gekriegt.
War doch gut, dass ich nicht dabei war.
Dann kam es auf den letzten vier, fünf km wieder
richtig zum Harakiri. Alle wollen vorne fahren und
es gibt auf dem Kurs kurz vor dem Ziel
noch zwei Kreisverkehre, in denen
es eng wird. Die Zusammenarbeit bei
uns im team hat gut funktioniert.
Adamsson hat für mich
gearbeitet. Ullrich und Kessler fuhren
neben uns, machten Tempo für Fagnini.
Im letzten Kreisel musste ich rausnehmen und
habe viele Plätze verloren, kam
so als 15. auf die Zielgerade. Gut,
jetzt musste Du voll reinhalten, denke ich mir.
Einer von Lampre fuhr vor mir, der zog
nach links, ich hinterhergestiefelt.
Von rechts drückt mich einer
von FdJ weg. Aus meinem Windschatten
kommen schließlich noch Quaranta und Nazon
und ziehen vorbei, ich werde Vierter!
Zufrieden ist man mit einem 4.Platz nie.
Aber für den Anfang war das ja schon okay,
da kann ich gut mit leben.
Ich war heute am Start etwas nervös, das erste Rennen
im neuen Team. Aber es hat riesigen Spaß gemacht, ich denke
mit unserer Fahrweise haben wir uns ein bißchen Rspekt geholt
im Feld. Dabei haben wir ja viele junge Leute dabei
und das Rennen ist sehr gut besetzt.
Mit dem vierten Platz ist für mich
ein bißchen vom Druck weg.
Ich hoffe, es geht noch ein bißchen mehr in
den nächsten Tagen.
Und mit Steffen Radochla haben wir
ja noch einen Trumpf.
So jetzt geht es gleich zum Essen,
das fantastisch ist hier.
Morgen gibt es eine kurze Etappe.
Drückt mir die Daumen!
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (2)
"Der Wind wird mitentscheidend sein"
20.01.02 - Heute morgen haben wir erst einmal verpennt.
Beim Frühstück waren wir die spätesten von allen
Teams. Der Flug von gestern steckt uns immer noch in
den Beinen, das hat schon Körner gekostet.
Wir sind dann heute morgen rausgefahren,
haben 115km trainiert. Es ist gar nicht so heiß hier in
der Wüste, wie man sich das vorstellt.
23, 25 Grad. Angenehm. Ideale Bedingungen
zum radfahren. Wir haben einen schönen 36er-Schnitt gebügelt
und erst einmal unsere "Kellerbräune" präsentiert...
Die Straßen sind hier sehr gut, sehen fast
wie Autobahnen aus, alle sind vierspurig.
Wir sind ein paar Intervalle gefahren und
haben ein bißchen das Sprintanfahren geübt. Mit unserem Coach
im Auto hinten war vereinbart, dass er kurz hupt,
wenn wir anziehen sollen. Das Problem war aber, dass
jeder Scheich beim Vorbeifahren freundlich hupte
und wir uns dauernd umschauen mussten, ob jetzt der Coach
gehupt hat oder nicht.
Die Strecke führt mitten durch die Wüste. Ein paar Kamele
sind zu sehen, sonst gar nix. Sand soweit das Auge
reicht. Ist schon komisch. 30km vor Doha,
wo alle Etappen zu Ende gehen, sieht
man die Stadt schon mit
der Skyline der großen Hotels.
Die Zielgerade liegt direkt am Meer. Ist schon wunderschön.
Wir fragen uns, wieviel Zuschauer da morgen sin werden.
Soviele Einwohner hat Doha ja auch nicht.
Der Wind wird
beim Rennen eine große Rolle spielen,
mitentscheidend sein.
Ich glaube,
es wird hier schon mächtig reingehalten.
Es ist eine Kat.2.3-Rundfahrt, da werden sich alle die Punkte
holen wollen.
(Domo-Teamchef) Lefevere hat in einem Interview hier
gesagt, seine Fahrer würden versuchen, Gruppen gehen
zu lassen. Ich denke, die Belgier und Holländer,
die schon auf die Klassiker schauen,
werden hier Favoriten sein.
Mit dem Wind kommen die ja ohnehin am besten zurecht.
Wir hoffen natürlich auf einen
Massensprint. Wir haben verabredet, dass
Coast morgen für mich fährt. Steffen Radochla
und ich wollen uns abwechseln. Wenn er sich
morgen besser fühlt, fahre ich auch für ihn.
Aber ich habe ein ganz gutes Gefühl.
Die Zielgerade liegt mir. Schauen wir mal...
Wilhelms' Abenteuer in Arabien (1)
"Wir haben um unser Leben gezittert"
19.01.02 - Hier in Doha ist es wirklich schön, super Hotel, wir sind
am Flughafen super empfangen worden mit nagelneuen Luxus-Limousinen.
Wenn nur der Flug von Paris hierher nicht gewesen wäre!
Eigentlich sollten wir gestern (Freitag) direkt von München
nach Doha fliegen, das hat aber irgendwie nicht geklappt,
wir mussten über Paris. Dort sind wir mit der
Maschine der Qatar-Airlines, ein Airbus 300, gegen 19:30 Uhr
angekommen, es sind einige zugestiegen,
u.a. auch der Tour de France-Chef Jean-Marie Leblanc und
die ganzen Kommissäre, die sind gleich in der First Class
verschwunden. Der Flieger war recht voll.
Soweit alles okay. Dann aber gings los: Beim Start hatte
ich gleich ein komisches Gefühl, da stimmte irgendwas mit dem Schub nicht.
Der Flieger kam nicht richtig hoch. Dann sackt die Maschine
ab, so gings weiter, hoch, runter! Wir bekamen voll
die Panik, einer macht noch ein Spruch: "Gar nicht so leicht,
den Eiffelturm zu treffen!" Ganz schön makaber, mir ist das Lachen aber echt vergangen...
Wir haben wirklich um unser Leben gezittert. Man denkt ja automatisch
jetzt an den 11. September bei sowas...
Nach zehn Minuten heißt es, wir drehen um, fliegen zurück nach
Paris. Dort habe ich die schlimmste Landung meines Lebens
erlebt! Das Teil ist richtig runtergekracht.
Und auf der Landebahn hat uns die Feuerwehr erwartet.
Wir waren alle schweißgebadet nach deer Landung.
Das härteste war dann, dass wir im Flieger bleiben mussten,
keiner sagte uns was genaues. Eine Stunde, zwei Stunden...
Unser Masseur kriegte dann irgendwann die Krise, ruft panisch: "Ich will hier raus!"
Irgendwann erzählte uns einer, es sei ein elektrisches Problem gewesen, es sei beseitigt,
wir können weiterfliegen. Ein Drittel der Passagiere wollte
einfach nicht mehr mit der Maschine fliegen.
Unser Sportlicher Leiter Petermann hat zu uns dann gesagt: "Männer,
ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr mitfliegen wollt.
Ich werde es niemandem vorschreiben."
Von Team Coast waren alle tapfer... Große Alternativen gab es ja auch nicht,
die nächste Maschine von Paris aus nach Dohar wäre am
Mittwoch gegangen. Team Telekom war schlauer, die sind über London geflogen.
Naja, wir sind schließlich heute morgen (Samstag) um 4:15 Uhr
in Paris gestartet. Der Flug verlief dann Gott sei Dank
ohne Probleme. Um 12 Uhr deutscher Zeit (14 Uhr Ortszeit) kamen
|
wir in Dohar an... Malte (Urban) flachst noch:
"Allah hat uns geführt..." Galgenhumor... Wir waren echt fertig
nach der Anreise...
Hier in Qatar war dann alles super.
Wir sind mit fünf nagelneuen Luxus-Limousinen am Flughafen abgeholt
worden, die hatten sogar Aufkleber mit Coast drangemacht!
Die Leute waren sehr freundlich, unser Visa wurde in drei Minuten
klargemacht. Dann sind wir ins Hotel gefahren,
ein superschönes Haus. In der Lobby laufen Videos von der
Tour de France, Rennräder sind aufgebaut. Alles freut sich hier schon
auf das Rennen. Frank Vandenbroucke lief mir über den Weg.
Mann, der sah vielleicht ausgezehrt aus!
Heute nachmittag sind wir von Coast ein bißchen rausgefahren, haben trainiert.
Die Autofahrer haben alle gehupt und sich gefreut,
wenn sie uns gesehen haben. Die Straßen sind sehr gut, flach, gut für uns Sprinter.
Aber der Wind wird wohl eine Rolle spielen.
Dann sind wir den Mechanikern ein bißchen zur Hand gegangen,
weil die waren auch am Ende nach dem Stress heute nacht.
Das Fahrerlager, wo die Mechaniker arbeiten und
so weiter ist übrigens ein riesiges "Zirkuszelt"
vor dem Hotel.
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Ullrich: "Optimales Trainingsrennen"
Auch die Anreise für Jan Ullrich und
sein Telekom-Team von Palma de Mallorca über London nach Doha war von
Beschwerlichkeiten begleitet. Die Maschine hatte fünf
Stunden Verspätung und die Rennräder waren mehrere Stunden verschwunden,
so dass die Fahrer am Samstag nicht mehr trainieren konnten.
Die Premiere der Qatar-
Radrundfahrt scheint für Ullrich wie maßgeschneidert. Der 28-jährige
Tour de France-Zweite
fühlt sich pudelwohl. «Dieser
Wettkampf ist für mich optimal, da kann ich ohne viel Druck bei
besten Bedingungen trainieren», sagte der Star des Teams Telekom am
Samstag zwei Tage vor Beginn der Radrundfahrt im Emirat.
Die Umstellung auf die klimatischen Bedingungen fiel allen
Telekom-Profis nicht schwer. Schließlich kam die Mannschaft direkt
aus dem Trainings-Quartier auf Mallorca, wo man sich bei moderaten 15
Grad schon auf die arabische Wüste einstimmte.
(dpa)
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Wir sind heute abend alle todmüde, aber
wir freuen uns schon auf den Start am Montag.
Bis morgen!
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