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Vom Tankstellenpächter zum Radprofi
Torsten Wilhelms: "Ich bin ein Stehaufmännchen"
"Sechs Jahre nix gemacht" / Niedersachse träumt von Etappensieg in Hannover

24.04.01 (rsn) - "Was is' dat denn für einer?", spotteten die Rennfahrerkollegen, als 1999 ein völlig übergewichtiger Rennfahrer mit käseweißen Beinen bei einem Kriterium in Gütersloh im Trikot der kleinen Greese-Mannschaft auftauchte. Als anderthalb Jahre später, im Januar 2001 das Team Nürnberger offiziell vorgestellt wurde, bekam eine bekannte Radsport-Journalistin ob eines Bildes, das den selben Fahrer in Rennaction mit offenem Trikot zeigte, weiche Knie. Torsten Wilhelms, Sprinter bei Team Nürnberger, ist eine Type, einer, dessen Karriere alles andere als geradlinig verlief und bei dem sich in den letzten Tagen Reporter von
Sat.1 bis Bild-Zeitung tummelten. "Meine Geschichte ist natürlich schon eine schöne Sache für die Medien", lacht Wilhelms, der in seinem Leben nicht nur lustige Dinge erlebt hat.

Rückblende: Vor zehn Jahren war Torsten Wilhelms einer der talentiertesten
siehe auch...
  • Wilhelms' Abenteuer bei der Kuba-Rundfahrt
  • Wilhelms: Sturz bei Niedersachsen-Rundfahrt
  • deutschen Rennfahrer. "1992 habe ich bei der DuPont-Tour in Amerika eine Etappe gewonnen vor Phil Anderson. Das Rennen war da topbesetzt, mit Bugno und vielen anderen", erzählt Wilhelms. "Danach bekam ich ein Angebot von einem US-Profirennstall. Ich bin dann krank geworden, konnte drei Monate nichts machen und das mit dem Profivertrag war erstmal gegessen. 1993 bin ich dann Bundesliga gefahren, das war damals mein bestes Jahr. Ende 93 habe ich mit Motorola (dem damaligen Topteam u.a. mit Lance Armstrong, die Red.) verhandelt."

    Doch Wilhelms, damals 23 Jahre alt, wurde nicht Berufsrennfahrer. "Mein Vater sagte damals: Lern was Vernünftiges! Und ich habe auf ihn gehört, habe meinen Betriebswirt gemacht." Nach einigen Jahren
    Berufstätigkeit ereilte die Familie ein Schicksalsschlag: Der Vater Wilhelms' erkrankte an Krebs. Torsten Wilhelms übernahm den elterlichen Betrieb, eine Großtankstelle mit angeschlossenem Autohaus. Die nächsten zwei Jahre wurden "böse", wie er sagt: "Der Pachtvertrag hatte völlig irrwitzige Konditionen. Ich habe 16 Stunden gearbeitet und es kam trotzdem nichts rum." 1999 war Wilhelms froh, aus dem Vertrag herauszukommen. Doch was nun?

    Seinen Namen hatten die Radsport-Experten nicht vergessen, den Radsport-Virus hatte Torsten Wilhelms immer noch im Blut. Und das, obwohl er seit sechs Jahren praktisch nicht mehr

    Wilhelms gewinnt Eröffnungsrennen

    Torsten Wilhelms gewann am Dienstagabend den Auftakt zur Niedersachsen-Rundfahrt. Bei dem Kriterium im Heidepark Soltau setzte sich der Nürnberger-Profi durch vor Stefan Kupfernagel (Team Cologne) und Harry Trumheller (Niedersachsen- Auswahl). Bei der Eröffnung, die offiziell noch nicht zu der am Mittwoch beginnenden Rundfahrt zählte, gab es eine Minuskulisse: Nur rund 50 Schaulustige waren noch da, als der Park bereits offiziell geschlossen war.

    im Rennsattel gessen hatte. "Ich habe nix gemacht, wirklich null", sagt er. "Ich hatte 20 Kilo Übergewicht, sah aus wie eine Wurst." Der Hannoveraner hatte selbst Zweifel, ob es überhaupt noch Zweck haben würde, nochmal mit dem Radsport ganz von vorne anzufangen. "Ich habe Peter Becker (den Trainer von Jan Ullrich, die Red.) aufgesucht und ihn um Rat gefragt. Er hat mir gesagt: Versuch es. Gregor Braun, zu dem ich einen guten Draht hatte, hat dann den Kontakt zum Schweriner Greese-Team hergestellt."

    Da stand er dann 1999 nun bei einem Kriterium in Gütersloh erstmals nach sechs Jahren wieder am Start eines Rennens. "Was is' dat denn für einer?", witzelten die Rennfahrerkollegen. "Ich hatte damals total Übergewicht, was eigentlich gar nicht zu mir passt. Und ich hatte käseweiße Beine. ich hatte lange keine Sonne mehr gesehen", erinnert sich Torsten Wilhelms. Der schüchterne Typ ist er allerdings nicht und so fährt er im Rennen hin zu dem, der am lautesten spottete am Start und zischt: "Warte nur mal ab, bis die Beine braun sind!"

    Die Beine wurden nicht nur schnell braun, sondern auch flink. Nach kurzer Zeit kam Team Nürnberger auf Wilhelms zu, aus dem er noch viele kannte aus alten Bundesligatagen. Die fränkische GS-II-Profimannschaft suchte händeringend nach einem Sprinter,

    Torsten Wilhelms
    Fotos (2): Roth
    einem, der so wie Wilhelms gnadenlos reinhalten kann im wildesten Getümmel. Im September 99 fuhr er dann erstmals bei einem Kriterium in Gießen als Gastfahrer bei Nürnberger und der Test klappte, er bekam den erhofften Vertrag. Jetzt war Torsten Wilhelms nach fast siebenjähriger Abwesenheit doch noch Berufsrennfahrer geworden. "Neopro" stand lapidar hinter seinem Namen in den Dokumenten der UCI.

    In seinem ersten Profijahr arbeitete Wilhelms hart, er fand auch sofort den Anschluss, konnte den deutschen Sprintern wie Olaf Pollack Paroli bieten. Und just bei der Niedersachsen-Rundfahrt, bei der der in Nienburg geborene Niedersachse besonders motiviert war, ein schwerer Unfall, Handbruch, mehrwöchiger Ausfall. Dennoch machte er die Saison 2000 noch halbwegs erfolgreich, fuhr gut bei einer Rundfahrt in Portugal, bei der Sachsentour, gewann die Sprintwertung der Coca Cola-Trophy. "Ich bin halt eher sowas wie ein Stehaufmännchen", sagt er. "Es ist halt so, dass ich es heute ungemein genieße, Berufsrennfahrer zu sein. Wenn man solange in einem 'normalen' Job gearbeitet hat, dann schätzt man es erst richtig, dass man sein Hobby zum Beruf gemacht hat."

    Bei der am (heutigen) Dienstag beginnenden Niedersachsen-Rundfahrt steht Torsten Wilhelms wieder am Start. "Ich bin leider ein bißchen erkältet und die Rundfahrt bietet dieses Jahr leider nur wenig Chancen für Sprinter, nur eine richtige Flachetappe", sagt der Nürnberger-Profi mit ungewohntem Tonfall. Wer so einen Lebenslauf hat, wird sich doch jetzt nicht von ein bißchen Schnupfen demoralisieren lassen? "Nein". lacht Wilhelms, "das stimmt schon. Tom Steels ist ja auch am Start. mal schauen, was geht." Seinen richtigen Saisonhöhepunkt sieht Wilhelms ohnehin erst im Mai, dann, wenn die Deutschland-Tour in seiner Heimatstadt Hannover Station macht: "Da zu gewinnen, das wäre ein Ding."

    Kersten Volk

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