27.09.99 -
Jan Ullrich ist wieder da. Mit seinem einrucksvoll herausgefahrenen
Sieg bei der Spanien-Rundfahrt meldete sich der Deutsche nach
mehreren Formtiefs wieder in der Weltspitze zurück
und ließ damit Kritiker verstummen, die in dem 25-jährigen,
der mit 23 Jahren die Tour gewann, eine "Eintagsfliege" sahen.
Vor zwei Jahren, im Juli 1997 gewann Jan Ullrich als erster Deutscher die Tour de
France, nachdem er bereits im Jahr zuvor als Helfer (!) von Bjarne Riis
den zweiten Gesamtrang hinter dem Dänen geholt hatte. "Unser Jan",
wie der Jungprofi fortan in der deutschen Boulevard-Presse genannt wurde, war ganz oben.
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Was damals folgte war ein unwürdiges Schauspiel. Ullrich feierte bis tief
in den Winter hinein seinen Triumph und vernachlässigte seine
Vorbereitung auf die kommende Saison. Der "dicke Ullrich",
dessen "Taille nun so interesssant war wie die von Naomi Campbell" (L'Equipe) war nach der
"Winterspeck- Krise" zur Lachnummer geworden. Ullrich bekam 1998 im letzten Moment die
Kurve, wurde bei der Tour de France 1998 Zweiter, was in Deutschland
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nicht wirklich als Erfolg angesehen wurde, sondern als Niederlage.
Das und die Vorgänge bei der damaligen Dopingskandal-Tour, bei
der niemand mehr auf den Sport zu achten schien, nagten an Ullrich,
der mehr und mehr den Spaß an seinem Beruf zu verlieren schien.
Im Winter 98/99 machte der Telekom-Kapitän nicht wieder die Fehler
des Vorjahres und hatte sein Gewicht nun besser im Griff.
Dennoch wurde die erste Hälfte der Saison 1999 für
Ullrich zum Albtraum. Unbewiesene Dopingvorwürfe gingen Ullrich sehr nahe.
Eine Verletzung nach einem Sturz bei der Deutschland-Rundfahrt
zwangen Ullrich schließlich, die Tour de France abzusagen. Die Tour ohne den
Ullrich, der in den Jahren zuvor ausschließlich bei der Frankreich-Rundfahrt
auf Sieg gefahren war!
Das Jahr 1999 schien für ihn vorbei. Hinter mehr
oder weniger vorgehaltener Hand hieß es, Ullrich sei der "neue
Berzin". Anspielung an den Russen Evgeny Berzin, der 1994 den Giro und
Lüttich- Bastogne - Lüttich gewann und seitdem Jahr für
Jahr Großes verspricht, aber nie im Entferntesten einhält.
"They never come back", heißt es beim Profi-Boxen.
Doch Ullrich kam zurück, zunächst fast unbemerkt.
"Während der Tour de France hat er sich entspannt, viel Zeit
mit Freunden verbracht, wie ein normaler junger Mensch das macht. Er ist ein
bißchen Motorrad gefahren. Mental war es kein Problem für ihn,
nicht bei der Tour zu sein", erzälhlt Telekom-Sportdirektor und
Ullrich-Intimus Rudy Pevenage, der ebenso wie Ullrich-Manager Wolfgang Strohband
ganz bewußt ihrem Schützling Zeit gaben, ihn überhaupt nicht
unter Druck setzten.
Ullrich tat es sichtlich gut, ein wenig Abstand zu gewinnen.
Im August kam er wieder zurück in die Rennen.
Nach und nach fand er wieder seinen Spaß zurück,
bewegte sich im Peloton wieder lockerer, aufgeschlossener, selbstbewußter.
Die Wende kam bei der Holland-Rundfahrt Ende August,
als er bei der Königsetappe durch die Ardennen erstmals
seit langer Zeit wieder seine Klasse durchblitzen ließ.
Zur Vuelta kam der Telekom-Profi motiviert, ohne sich unter Druck
zu setzen. "Eine oder zwei Etappen möchte ich gewinnen, ans
Gesamtklassement denke ich nicht", so Ullrich vor dem Start
und auch während des Rennens, als er bereits das Goldtrikot
hatte. Selbst am vorletzten Tag beim Zeitfahren ließ sich er
sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich habe niemals mit
einem Sieg gerechnet, also kann ich auch gar nicht das Rennen verlieren",
so Ullrich. "Ich kam nach Spanien ohne Druck von außen.
So konnte ich meine Leistung bringen."
"Ich kam zur Vuelta in erster Linie, um mich auf die WM im Oktober vorzubereiten.
Das Rennens war schon stressig und ich
musste bis zum Zeitfahren in Avila zittern. Aber ich komme in guter Form
aus dem Rennen. Ich bin schon etwas üerrascht, dass ich gewonnen habe.
Ich bin wirklich sehr glücklich, aber ich glaube nicht, dass ich schon in
der Form bin, mit der ich 97 die Tour gewonnen habe. Jetzt schon an die Tour 2000
zu denken, wäre ein wenig abenteuerlich, das ist noch zu weit weg",
so der neue Vueltasieger.
Nun, nach seinem unerwarteten Gesamtsieg ist für Ullrich,
dem bisher in der internationalen Presse immer vorgeworfen worden war,
er sei zu sehr auf den Juli fixiert, die Saison auch Ende September
noch lange nicht vorbei. Paris-Tours, WM, Mailand-Turin und Lombardei-Rundfahrt
wird der Deutsche noch fahren. Vor allem für
die WM hat er sich einiges vorgenommen: "Ich hoffe auf eine WM-Medaille."
Der Jan Ullrich der Saison 1999: noch nicht ganz der alte, dennoch schon
ein ganz neuer, aber mit Sicherheit kein "zweiter Berzin"...