11.05.99 -
Der belgische Radstar Frank Vandenbroucke (Cofidis) erklärte am Dienstag bei einer Pressekonferenz
in Ploegsteert, er sei naiv gewesen, Produkte einzunehmen, die ihm der als "Dr. Mabuse" bekannte Pferdezüchter
und mutmaßliche Dopinghändler Bernard Sainz, der seit Sonntag in Untersuchungshaft
sitzt, gegeben habe. "Ich war vielleicht naiv, aber nicht unehrlich", so der 24-jährige Vandenbroucke,
der die Weltcup-Gesamtwertung seit seinem Sieg beim Frühjahrsklassiker Lüttich- Bastogne- Lüttich
anführt.
Die steile Karriere von Frank Vandenbroucke, der bereits mit 21 Jahren den Klassiker
Paris - Brüssel (1995) gewann, steht vor dem jähen Absturz.
Cofidis-Teammanager Alain Bondue erklärte zwar, er glaube Vandenbroucke, kündigte aber
an, er werde den Belgier dennoch fristlos entlassen, falls die Tests, die die französische Polizei
am Freitag bei dem Rennfahrer durchführte, die Einnahme verbotener Substanzen belege.
Vandenbroucke war am vergangenen Freitag von der französischen Polizei festgenommen und
verhört worden, nachdem er bei seinem Freund und Teamkollegen Phillippe Gaumont, dem eigentlichen
Ziel der Ermittler, angetroffen worden war. Cofidis hatte Gaumont und Vandenbroucke
"bis zur vollkommenen Aufklärung der Angelegenheit" am Montag suspendiert.
Im Mittelpunkt der jüngsten Dopingaffäre steht Bernard Sainz, ein 55-jähriger
ehemaliger Radamateur, der bereits in einem Manipulationsskandal beim Pferdesport verwickelt war und
als falscher Arzt u.a. auch Filmstars und Politiker behandelt haben soll.
Die Polizei wirft Sainz, der den Spitznamen "Dr. Mabuse" (nach einem berühmten Fritz Lang-Film
von 1922) trägt, vor, ein bedeutender Doping-Dealer gewesen zu sein.
Vandenbroucke erklärte in seiner Pressekonferenz am Dienstag, der obskure, in der Profi-Radsportszene bekannte Sainz
habe im Januar begonnen, ihn zunächst mit Tropfen, später mit Injektionen
zu behandeln. Insgesamt 57.000 Francs (rund 20.000 DM) bezahlte Vandenbroucke dafür an Sainz.
"Er hat mit gesagt, es handele sich um homoöpathische Produkte, die
vollkommen legal seien", so Vandenbroucke. "Ich bin besorgt, ich habe jetzt meine Zweifel was die
Produkte angeht und ich warte sehr nervös auf die Resultate der Tests, die letzten Freitag
vorgenommen wurden."
"Ich bin vollkommen seinem Charme erlegen und ich wollte ihm wirklich vertrauen. Ich war vielleicht
naiv, aber nicht unehrlich. Ich will glauben, daß Sainz mir homoöpathische Mittel
gegeben hat", erklärte Vandenbroucke weiter.
"Anfangs war ich mißtrauisch, aber eines Tages begegnete ich bei ihm einem
wunderschönen Model, die sich übeschwenglich bei ihm bedankt hat dafür, daß er sie vom Krebs
geheilt hat. Ein anderes Mal war ich dabei, wie sich eine Frau bei ihm bedankt hat dafür,
daß er es mit seinen Produkten in drei Monaten geschafft habe, daß sie schwanger wurde, während 10 Jahre
mit künstlicher Befruchtung nicht halfen."
Cofidis-Manager Bondue zeigte sich weitgehend unbeeindruckt von der Reue seines Rennfahrers,
dem sportliche Sanktionen durch die Verbände nur dann drohten, wenn er Doping zugäbe oder
er bei einem von der UCI anerkannten offiziellen Dopingtest positiv auffallen würde.
Bondue: "Ich weiß es hört sich hart an, aber ein Rennfahrer ist nun einmal für sich selbst
verantwortlich und ich bin offen gesagt erstaunt, daß Phillippe (Gaumont) und Frank
zu Sainz gegangen sind, wo wir eine perfekte medizinische Betreuung innerhalb des Teams haben.
Ich war überrascht, als ich hörte, sie seien von Sainz behandelt worden. Ich dachte, der
sei längst von der Bildfläche verschwunden."