20.06.99 - Eigentlich stand
es bereits seit seinem verletzungsbedingten Ausstieg aus der Tour de Suisse
am letzten Mittwoch fest, nun ist es "offiziell": Jan Ullrich (Telekom) wird
nicht bei der 86. Tour de France dabei sein. Der Toursieger von 97 und
Tourzweite von 1996 und 1998 erklärte am Sonntag abend in der ARD:
"Es tut mir leid, aber ich muß absagen."
"Ich werde versuchen, mein Knie wieder in Ordnung zu kriegen. Natürlich war
die Tour de France mein wichtigstes Saisonziel und ich bin daher
schon etwas niedergeschlagen. (...) Ich bin sehr betrübt und ich
brauche jetzt etwas Ruhe. Ich weiß noch nicht, ob ich die Vuelta fahre.
Die langfristigen Fragen bedrücken mich. Meine Moral ist am Tiefpunkt und
meine Sorge ist, was meine Fans von mir denken jetzt."
Ullrich hatte am vergangenen Mittwoch die Tour de Suisse wegen einer Verletzung am Innenmeniskus
und eines Gelenkergußes am Knie das Rennen aufgeben müssen. Seitdem hat der deutsche Radstar nur
noch "leichtes Training" gemacht, wie es bei Telekom hieß. Da die Schweizer Rundfahrt
für Ullrich das wichtigste Rennen zum Aufbau seiner Tourform sein sollte,
stand nach seinem Ausstieg nach 72km der zweiten Etappe der Tour de Suisse
bereits fest, daß sein Tourstart zumindest sehr fraglich sein würde,
zumal Ullrich bereits zuvor seinen Start beim Critérium du Dauphiné,
ein weiteres ganz wichtiges Tour-Vorbereitungsrennen, abgesagt hatte.
"Die Verletzung von Jan ist besser geworden, aber ein intensives Training war jetzt so
kurz vor der Tour nicht mehr möglich, daher hat Ullrich zusammen mit den Ärzten und
(Sportdirektor) Godefroot jetzt entschieden, daß er die Tour absagt", erklärte
Telekom-Sprecher Matthias Schumann am Sonntag abend gegenüber RADSPORT-NEWS.COM.
Ullrich wird nun eine Pause einlegen, um seine Knieverletzung auszuheilen. Erst wenn die
Verletzung, die sich der Merdinger bei einem Sturz während der Deutschland-Tour zuzog,
und die zunächst nicht als so schlimm eingeschätzt worden war,
ganz verheilt ist, werden Ullrich und Godefroot das weitere Saisonprogramm des Radstars planen.
"Wir werden dann entscheiden, ob Jan die Vuelta fährt", so Schumann. Und der
Weltcup im August in Hamburg? Der Telekom-Sprecher: "Man muß mal abwarten."
Das vorläufige Touraufgebot von Team Telekom soll an diesem Montag bekanntgegben werden.
10 Fahrer wird Sportdirektor Godefroot nominieren, aus denen dann die neun Tourstarter
spätestens nach den nationalen Meisterschaften am 27. Juni ausgewählt werden.
Ihre Starts sicher haben in jedem Falle der Routinier Udo Bölts, Youngster
Jörg Jaksche, Sprinter Erik Zabel sowie Giuseppe Guerini und Steffen Wesemann, die
bei der Tour de Suisse hervorragende Leistungen bringen.
Bjarne Riis, Jens Heppner und Rolf Aldag,
die in den vergangenen Jahren zur Stammbesetzung von Telekom
bei der Tour gehörten, werden aufgrund ihrer Verletzungen nicht dabei sein können,
wobei Riis aufgrund seiner schwachen Saisonleistungen ohnehin von Telekom-Sportdirektor Godefroot nicht nach Frankreich
mitgenommen worden wäre.
Godefroot erklärte am Sonntag, Sprinter Erik Zabel werde beim Team Telekom bei der Tour
nun der besonders geschützte Fahrer werden. Zabel gewann in den letzten drei Jahren jeweils
das Grüne Trikot des Punktbesten der Tour, aber der 28-jährige zeigte in dieser
Saison in Sprints nicht immer die Leistung, die man von ihm in den letzten Jahren
gewohnt war. "Ich spüre das auch schon, daß ich im
Sprint geschlagen werde von Leuten, die mich vor ein, zwei Jahren nicht im Sprint bekommen hätten",
hatte Zabel im April in einem Interview mit RADSPORT-NEWS.COM gesagt.
Nach der Absage von Jan Ullrich werden bei der Tour de France 1999 die Sieger der
letzten drei Jahre fehlen. Marco Pantani (Toursieger 98), Ullrich (97) und Riis (96)
sind nicht bei der Grand boucle dabei, ebensowenig wie der ausgeschlossene Richard Virenque,
der vier Mal das Bergtrikot der Tour gewann. Außerdem sind u.a. nicht in Frankreich dabei
der Weltranglistenerste Laurent Jalabert, der zur Zeit verletzte Weltranglistenzweite Michele Bartoli,
der Weltcup-Führende Frank Vandenbroucke, der italienische Paris-Roubaix-Sieger Andrea Tafi,
Flandern-Sieger Peter Van Petegem und Topsprinter Jeroen Blijlevens, dessen ganzes TVM-Team
von der Tour 99 ausgeschlossen wurde.
Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc erklärte, die Tour de France 99 werde eine
"Tour der Buße" nach den Skandalen des letzten Jahres. "Viele Stars werden fehlen,
aber das ist nicht wichtig. (Die Tour 99) wird lebendig, sauber und
offen für die jungen 24, 25 Jahre alten Rennfahrer. Diese werden das Rennen neu beleben und wir
werden neue Champions sehen", so Leblanc am Samstag im französischen Fernsehen.
Der Franzose Jean Stablinsky, Weltmeister von 1962 und sechsfacher Tour-Etappensieger zwischen 1955 und 1967,
hatte schon gleich nach den Einladungen für 99 an die alte Tour-Weisheit erinnert:
"Nicht die Champions machen die Tour, die Tour macht Champions..."