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Jan Ullrich und die Tour: In 10 Monaten vom "Kaiser" zum "Zombie" und zurück

08.07.98 - Vor elf Monaten war Jan Ullrich der strahlende Sieger der Tour de France 1997. Der erste deutsche Toursieg. Glanzvoller Empfang des jungen schlanken Superathleten in Bonn. Der Jubel kannte keine Grenzen. Dann der Absturz. Zwei Monate null Training, dafür schmeckte das Essen umso besser. Der Toursieger ging auseinander wie ein Hefeteig und ganz Deutschland lästerte über den "dicken Ullrich"; von Harald Schmidt bis zum letzten drittklassigen Radio-Moderator, auch der billigste Ullrich-Scherz war noch gut genug. Jetzt, wenige Tage vor dem Tourstart ist Ullrich wieder der schlanke Superathlet mit besten Chancen auf eine Titelverteidigung. Vom Martyrium der "Winterspeck-Krise" zum Tourfavoriten. So etwas gab es in der Radsport-Geschichte noch nie.

Ullrichs Abstieg begann bereits im Frühherbst letzten Jahres. Nach Feier-Stress und Kriterienzirkus beendete der Toursieger seine Saison schon im September. "Nach dem letzten Rennen hatte er genug", erinnert sich Telekom-Sportdirektor und Ullrich-Intimus Rudy Pevenage. "Er hat sein Rennrad zwei Monate lang nicht angefasst. Das mit seinem Gewicht hat er uns nicht gesagt, er wollte uns nicht beunruhigen. Ich habe ihn nur in Straßenkleidung gesehen und habe es nicht bemerkt."

Ullrichs Gewichtszunahme ist eigentlich menschlich mehr als


L'Equipe im Juli 97


L'Equipe im April 98:
"Ullrich ist seines
Ranges nicht würdig"

nachvollziehbar. Wenn sich jemand das ganze Jahr über abschuftet, mit dem Rennrad über Pässe fährt, die für so manchen Normalsterblichen noch im Auto anstrengend sind, da will er sich im wohlverdienten Urlaub ja auch mal etwas gönnen. Und wenn dann die Schwarzwälder Kartoffelsuppe von Freundin Gaby auch noch so gut schmeckt....

Die Kilo-Angaben von Ullrichs Winter-Übergewicht schwanken. Er selbst sprach immer von 8 Kilo. Vom Team aus hieß es schon mal 12 Kilo. Mannschaftkameraden trieben beim Training auf Mallorca im Februar ihre Späße mit Ullrich. "Du kannst nicht mit hier herein", flachst einer seiner Mannschaftskameraden, als Ullrich noch schnell mit hinein will in den Hotel-Lift. "Du bist zu dick!"

Alles relativ...

"Die Kritik an Jan Ullrich war ja noch recht zurückhaltend. Früher hätte man einen Tour-Sieger oder Weltmeister in der Öffentlichkeit niedergemacht, wenn er so schlecht vorbereitet gefahren wäre. Inzwischen glaube ich aber, daß Jan so fit ist und die Tour wieder gewinnt."

-Hennes Junkermann (8maliger Tour-Teilnehmer, 1960 Gesamtvierter, insgesamt vier Mal am Ende unter den ersten 10)

Zu dick war Ullrich dann auch für die ersten Rennen der Saison. Ein Martyrium begann. Bei Tirreno Adriatico wird Ullrich am ersten Berg der ersten Etappe abghängt wie ein Radtourist. Bei der Katalanischen Woche im März fährt Ullrich hinterher wie ein drittklassiger Amateur. Beim Bergzeitfahren am Montjuic verliert er fast 15 Sekunden -pro Kilometer.

In der Öffentlichkeit schwadronieren Pevenage und Co., alles sei vollkommen im Plan, die Tour sei ja noch so weit. Intern aber brach Panik aus im Team.

Auch Ullrich war bei weitem nicht so gelassen wie er nach außen immer wirkte. "Im April war Jan wirklich besorgt", gibt Rudy Pevenage heute zu. "Bei der Baskenland-Rundfahrt ging es wirklich überhaupt nicht gut." Die französische Sportzeitung L'Equipe titelte damals "Ullrich ist seines Ranges nicht würdig" und nannte den Toursieger einen "Zombie". Ein erneuter Toursieg schien damals, 10 Wochen vor dem Tourstart, ausgeschlossen.

Der Wendepunkt kam im Mai. Bereits beim Henninger Turm machte Ullrich zwar beileibe keinen guten, aber doch immerhin keinen allzu schlechten Eindruck. Nach dem Henninger zog sich Ullrich für drei Wochen von allen Rennen zurück, um ganz gezielt zu trainieren. Ullrichs Entdecker und langjähriger Trainer Peter Becker leitete das Training, an dem auch Dirk Baldinger und Jens Heppner teilnahmen, höchstpersönlich. "Er hat Kilometer gesammelt, ohne intensiv zu arbeiten und er hat genau auf seine Ernährung geachtet. Er hat sogar seine Törtchen aufgegeben. Als er begann, besser zu werden, wurde auch im Spitzenbereich wieder trainiert."

Beckers Trainingseinheiten wirkten. Ende Mai war der "Zombie" wieder unter den Lebenden. Ende Juni waren sämtliche Zweifel beseitigt. Zwei Tage vor dem Start der Tour de France gilt Ullrich als einer der heißesten Anwärter auf den Tour-Sieg, der "Zombie" ist wieder der "Patron".



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