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Jan Ullrich wieder gerade so zum Tourstart in Form?
Größter deutscher Radsportler aller Zeiten "zufrieden"

02.06.00 - "Wenn Ullrich beim Zeitfahren mehr als 30 Sekunden verliert, schafft er den Sieg bei der Tour de France nicht mehr", hatte Altmeister Rudi Altig vor dem Zeitfahren der Deutschland-Tour geunkt. Jan Ullrich verlor in Herzogenaurach 2:33 Minuten und Telekom- Pressesprecher Olaf Ludwig blaffte (vertragsgemäß) zurück: "Das zeigt nur, dass Rudi schon lange aus dem Rennsattel gestiegen ist." So oder so: Der Toursieger von 1997 bietet in der Saison 2000 mal wieder ein Trauerspiel.

Die Ansprüche von Jan Ullrich, das größte Talent, das der deutsche Radsport je hervorgebracht hat, sind in der Saison 2000 genauso bescheiden wie in den beiden Jahren zuvor. Zum Tour-Start in leidlicher Form sein, in den ersten Tour-Flachetappen sich weiter einrollen, dann wird's schon klappen mit dem Toursieg. Mit dem neunten Platz beim Zeitfahren der recht durchschnittlich besetzten Deutschland-Tour zeigte sich Ullrich "ganz zufrieden", denn "es war ja schönes Wetter."

Bei der Bergetappe der Deutschland-Rundfahrt im Schwarzwald mit dem Anstieg am Kandel, der nun auch nicht gerade ein Galibier oder Tourmalet ist, hatte Ullrich 15 Minuten verloren, vier Wochen vor dem Tourstart. Auch dies sei nicht alamierend, versicherten Ullrich und seine Entourage. "Von Tag zu Tag wird er besser", so Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage. Und Teamchef Walter Godefroot sagt: "Wir haben noch einen Monat zur Vorbereitung. Dreißig Tage."

Es ist Jan Ullrich und seiner Mannschaft zu wünschen, dass sie Recht behalten mit ihrem Optimismus. Doch es ist ihnen auch zu wünschen, dass sie vielleicht in einer stillen Stunde sich auch einmal klar machen, wie bescheiden dieser Optimismus ist: Jan Ullrich gilt zu Recht als eines der größten Talente, das der internationale Radsport in den letzten zwanzig Jahren sah. Doch statt im besten Radsportalter von 26 Jahren sich anzuschicken, die (Radsport-)Welt zu erobern, ist Jan Ullrich damit "zufrieden", am 1. Juni noch vier Kilo Übergewicht zu haben und mit leidlicher Form zur Tour zu kommen.

Wenn die Rechnung aufgeht, Ullrich wie vor der Spanienrundfahrt im letzten Jahr wieder in Rekordzeit in Superform kommt und die Frankreich-Rundfahrt gewinnt, wird es wieder überall heitere Mienen und Ullrich-Schulterklopfer geben. Aber der gebürtige Rostocker und Wahl-Merdinger spielt Vabanque. Der fünfmalige Tour-Teilnehmer Rolf Gölz, als Gerolsteiner-Sportdirektor nicht auf der Telekom-Gehaltsliste und vielleicht etwas unabhängiger als andere, sagt: "Ich glaube, er schafft es nicht mehr. Bei einem schnellen Aufbau, wie er ihn schon oft hinbekommen hat, besteht die große Gefahr, dass die Form nicht drei Wochen hält. Bei der Tour und auch im Vorjahr bei der Vuelta hat er immer an einem Tag einen Einbruch erlebt."

Der ehemalige DDR-Nationaltrainer und Betreuer der Schweizer Nationalauswahl Wolfram Lindner, einer der erfolgreichsten Radsport-Trainer aller Zeiten, glaubt auch nicht mehr so recht an Jan Ullrich: "Mein Tour-Favorit in diesem Jahr heißt Alex Zülle. Vielleicht schafft Ullrich einen Podiumsplatz."

Nun, vielleicht gewinnt er ja auch trotz allem die Tour de France. Ist das aber alles was Jan Ullrich in seiner Karriere, die in sechs, sieben Jahren auch schon wieder vorbei sein wird, will? "Trotz allem" die Tour gewinnen? Sollte er nicht eigentlich mit diesem Riesen-Talent, das er hat, mit größerer Erwartungshaltung an den Start der grande boucle gehen?

"Wenn ich so wie Ullrich nur die Tour gefahren wäre, hätte ich sie bestimmt zehn Mal gewonnen", sagte vor kurzem der "Kannibale" Eddy Merckx, der in seiner Karriere fünf Toursiege und insgesamt mehr als 500 Profi-Erfolge holte. Ullrich fuhr bei der "Königsetappe" der Deutschland-Tour am vergangenen Sonntag 15 Minuten Rückstand ein, nicht in den Pyrenäen oder in den französischen Alpen, sondern im Schwarzwald. "Der Beifall tut mir gut. Damit wird von den Zuschauern meine Leistung der vergangenen Jahre honoriert", sagte Jan Ullrich danach. Als "Kannibalen" wird man den größten deutschen Radsportler aller Zeiten wohl nie bezeichnen.

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