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Tour de France |
Jan Ullrich wieder gerade so zum Tourstart in Form? Größter deutscher Radsportler aller Zeiten "zufrieden"
Die Ansprüche von Jan Ullrich, das größte Talent,
das der deutsche Radsport je hervorgebracht hat,
sind in der Saison 2000 genauso
bescheiden wie in den beiden Jahren zuvor. Zum Tour-Start in leidlicher Form sein,
in den ersten Tour-Flachetappen sich weiter einrollen, dann wird's
schon klappen mit dem Toursieg. Mit dem neunten Platz
beim Zeitfahren der recht durchschnittlich besetzten Deutschland-Tour
zeigte sich Ullrich "ganz zufrieden", denn "es war ja schönes Wetter."
Bei der Bergetappe der Deutschland-Rundfahrt im Schwarzwald mit
dem Anstieg am Kandel, der nun auch nicht gerade ein Galibier
oder Tourmalet ist, hatte Ullrich 15 Minuten verloren, vier
Wochen vor dem Tourstart. Auch dies sei nicht alamierend,
versicherten Ullrich und seine Entourage. "Von Tag zu Tag wird
er besser", so Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage. Und Teamchef
Walter Godefroot sagt: "Wir haben noch einen Monat zur Vorbereitung. Dreißig Tage."
Es ist Jan Ullrich und seiner Mannschaft zu wünschen, dass
sie Recht behalten mit ihrem Optimismus. Doch es ist ihnen
auch zu wünschen, dass sie vielleicht in einer stillen Stunde sich auch
einmal klar machen, wie bescheiden dieser Optimismus ist: Jan Ullrich gilt
zu Recht als eines der größten Talente, das der internationale
Radsport in den letzten zwanzig Jahren sah. Doch statt
im besten Radsportalter von 26 Jahren sich anzuschicken, die
(Radsport-)Welt zu erobern, ist Jan Ullrich damit "zufrieden",
am 1. Juni noch vier Kilo Übergewicht zu haben und mit leidlicher
Form zur Tour zu kommen.
Wenn die Rechnung aufgeht, Ullrich wie vor der Spanienrundfahrt
im letzten Jahr wieder in Rekordzeit in Superform kommt und
die Frankreich-Rundfahrt gewinnt, wird es wieder überall
heitere Mienen und Ullrich-Schulterklopfer geben.
Aber der gebürtige Rostocker und Wahl-Merdinger
spielt Vabanque. Der fünfmalige Tour-Teilnehmer
Rolf Gölz, als Gerolsteiner-Sportdirektor nicht auf
der Telekom-Gehaltsliste und vielleicht etwas unabhängiger als andere, sagt:
"Ich glaube, er schafft es nicht mehr. Bei einem schnellen Aufbau, wie
er ihn schon oft hinbekommen hat, besteht die große Gefahr, dass
die Form nicht drei Wochen hält. Bei der Tour und auch im Vorjahr
bei der Vuelta hat er immer an einem Tag einen Einbruch erlebt."
Der ehemalige DDR-Nationaltrainer und
Betreuer der Schweizer Nationalauswahl Wolfram Lindner,
einer der erfolgreichsten Radsport-Trainer aller Zeiten,
glaubt auch nicht mehr so recht an Jan Ullrich:
"Mein Tour-Favorit in diesem Jahr heißt Alex Zülle.
Vielleicht schafft Ullrich einen Podiumsplatz."
Nun, vielleicht gewinnt er ja auch trotz allem die Tour de France.
Ist das aber alles was Jan Ullrich in seiner Karriere, die
in sechs, sieben Jahren auch schon wieder vorbei sein wird,
will? "Trotz allem" die Tour gewinnen? Sollte er nicht eigentlich
mit diesem Riesen-Talent, das er hat, mit größerer
Erwartungshaltung an den Start der grande boucle gehen?
"Wenn ich so wie Ullrich nur die Tour gefahren wäre, hätte ich sie bestimmt zehn Mal
gewonnen", sagte vor kurzem der "Kannibale" Eddy Merckx,
der in seiner Karriere fünf Toursiege und insgesamt mehr als 500 Profi-Erfolge holte.
Ullrich fuhr bei der "Königsetappe" der Deutschland-Tour
am vergangenen Sonntag 15 Minuten Rückstand ein,
nicht in den Pyrenäen oder in den französischen Alpen, sondern im Schwarzwald.
"Der Beifall tut mir gut. Damit wird von den Zuschauern meine Leistung der vergangenen Jahre honoriert",
sagte Jan Ullrich danach. Als "Kannibalen" wird man den größten
deutschen Radsportler aller Zeiten wohl nie bezeichnen.
29.05.00 Vier Wochen vor Tour-Start: Zweifel an Radprofi Jan Ullrich |