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Das Tour-Tagebuch von Marcel Wüst

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Serie: Gesichter der Tour de France (5)
Adrenalin pur bei der Autorallye am Rande der Tour
Immer wieder kommt es zu Unfällen bei der Hatz über die Landstrassen

15.07.00 - Mit Tempo 100 geht bei der Tour de France die Hatz der Begleitfahrzeuge quer durch die Dörfer, über Landstraßen, Stoppschilder und rote Ampeln. Wenn die Tour-Karawane durch die Lande rollt, gilt eine Art Ausnahmezustand auf der abgesperrten Strecke. Links und rechts winkende Menschenmassen, die den Insassen der vorbeirauschenden Fahrzeuge das Gefühl vermitteln, im Papamobil zu sitzen. Doch den Fahrern am Steuer sitzt meist die Angst im Nacken.

Oft geht es auf engen Nebenstraßen im Meter-Abstand an den Zuschauern vorbei. An den Rändern drängen sich Alte und Junge, Frauen, Männer und vor allem Kinder. Absperrgitter sind nur an einigen besonders gefährdeten Stellen oder im Zielbereich vorgesehen.

Immer wieder taucht gelegentlich ein Fan auf der Fahrbahn auf, der oft in letzter Sekunde zur Seite springt oder zurückgerissen wird. Am Freitag war es zu spät. Bei starkem Seitenwind streifte ein
Fahrzeug der Werbekolonne auf der Etappe von Avignon nach Draguignan einen zwölfjährigen Jungen und riss ihn mit. Bewusslos und mit schweren Verletzungen wurde er in ein Krankenhaus geflogen. Die Mutter, die nicht in den Unfall verwickelt war, fiel in Ohnmacht.

An anderer Stelle ging ein Unfall glimpflicher aus, als ein Auto von der Straße geweht wurde. Die Fahrerin kam leicht verletzt davon, Zuschauer standen glücklicherweise keine mehr am Wegesrand. Andernfalls wäre ein Blutbad unvermeidlich gewesen: Wer auf der Tour- Strecke einem plötzlich auftauchenden Hindernis seitlich auszuweichen versucht, rast unweigerlich in die Menschenmenge. Daran

Bei der Tour sind alle Verkehrsmittel im Einsatz, vom Rad bis zum Helikopter.
kann auch das Großaufgebot von mehreren hundert Polizisten nichts ändern, was entlang der Strecke postiert wird. Sie sollen die Massen von der Fahrbahn fern halten, sind mitunter aber schlicht überfordert.

Vor allem beim Passieren der Werbekolonne, wenn von den Fahrzeugen der Sponsoren Werbeartikel unters Volk geworfen werden, schaltet der Beuteinstinkt der Menge offenbar jeden Gedanken an Vorsicht aus. Die Tour-Organisatoren haben daher in diesem Jahr alle Fahrer des Begleittrosses schriftlich auf einen Verhaltenscodex auf der Strecke verpflichtet. Mit ihrer Unterschrift mussten sie am Start erklären, die festgesetzten Sicherheitsregeln zur Kenntnis genommen zu haben und sie auch zu beherzigen. Außerdem wurden zahlreiche neue technische Warnmechanismen eingeführt, um vor der Ankunft der Fahrer optisch und akustisch zu warnen.

Die Republikaner-Garde - Frankreichs Gendarmen-Elite - versucht mit einem Großaufgebot an Motorradfahrern regulierend ins Tour- Geschehen einzugreifen. Doch mitunter stoßen die Hüter des Gesetzes dabei auf Kollegen. Denn die Gendarmerie rast auch als Teil der Werbekolonne durch die Lande: Sie macht Werbung in eigner Sache und verteilt mit heulender Sirene Broschüren und Kugelschreiber.

Serie: Gesichter der Tour de France - Teil 1: Die Karawane
Teil 2: Der Tag an dem Fabio Casartelli starb
Teil 3: Lächeln und Bussi: Deutsche Glücksfee bei der Tour
Teil 4: Mont Ventoux - 33 Jahre nach dem Tod von Tom Simpson

Tour de France - Übersicht



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