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Serie: Gesichter der Tour de France (2)
Der Tag an dem Fabio Casartelli starb

27.06.00 - Es ist Dienstag, 18. Juli 1995. Angelehnt an sein Rad, völlig verschwitzt, schaut der französische Radprofi Laurent Madouas plötzlich erstaunt auf. Er hat soeben die 15. Etappe der Tour de France zwischen Saint-Girons und Cretes du Lys auf einem guten 8. Platz beendet. Im Schatten der Tribünen stehend versteht er die Fragen der Reporter zunächst nicht. Er schaut den Reporter verwirrt an. Schließlich kann er nur stammeln: "Ich wußte das nicht, niemand hat uns was gesagt..."

Bis zum Ende der Etappe wußten die meisten im Peloton nichts vom Tode von Fabio Casartelli. Selbst Johan Museeuw, der ebenfalls bei jenem tragischen Sturz beteiligt war und das Rennen mit einer Wunde am linken Knie fortsetzte, erfuhr es erst im Ziel. Dort sah man dann, wie dieser harte Mann aus Flandern zusammensackte und in Tränen ausbrach.

"Man wußte, daß es einen schweren Sturz bei der ersten Abfahrt gegeben hatte. Daß da ein Dutzend Fahrer gestürzt sind. Mein Directeur Sportif sagte mir, daß sie drei Fahrer ins Krankenhaus geflogen hatten, aber das war alles," erklärte Laurent Dufaux, der Schweizer, der damals noch bei Festina fuhr.

Francis Lafargue von der Banesto-Teamleitung, erinnert sich, wie er es Indurain sagte, unmittelbar bevor der Träger des Maillot Jaune zur Siegerehrung ging: "Er war geschockt. Sein Blick sagte alles. Ich habe es

Gedenkfeier am Denkmal für Fabio Casartelli während der 12. Etappe der Tour 1997
auch Jalabert gesagt, er sagte nichts aber man sah, wie es in ihm aussah."

Roger Legeay, Sportdirektor des damaligen Gan.Teams, erklärte, in einem Fall wie diesem sei es das Beste sei, den Fahrern
während des Rennens nichts zu sagen. Ein Rennkommissar sagte einer Gruppe von Nachzüglern 20 km vor dem Ziel die Wahrheit, ansonsten aber drang die Nachricht von dem tödlichen Unfall nicht ins Peloton. Im Ziel war der Schock dann um so größer. Alvaro Mejia, Teamkamerad von Fabio, mußte vom Zielort noch 5 km bis zum wartenden Team-Fahrzeug fahren. Dort, setzte er sich ohne ein Wort zu sagen hin, vergrub seinen Kopf in einem Handtuch und weinte.

Fabio Casartelli war noch nicht lange im Profi-Fahrerfeld. Aber wie alle, die die ersten 14 Etappen der Tour de France überstehen, war er ein großer Rennfahrer. Bei der 15. Etappe fuhr

"Teil der Legende"

"Die Erde hört nicht auf, sich zu drehen. Und auch die Räder drehen sich weiter bei der Tour de France. Als hätte ein Blitz vom Olymp des Radsports den 24 Jahre alten Fabio Casartelli aus ihrer Mitte gerissen, halten die Radprofis, Veranstalter und Zuschauer einen Moment lang inne, und schon geht es weiter wie gewohnt." (...)"Die Geschichte der Tour besteht aus einer Reihe tragischer Kapitel. Der Tod Casartellis ist ein weiteres. Er wird Teil der Legende, die über ihre Opfer hinauswächst."
-- FAZ vom 20.07.1995

Casartelli erstmals ein brandneues Titan-Rad, das er erst am Tage vorher bekommen hatte. Er war sehr zufrieden mit dem Rad, und, so Motorola-Mechaniker Scott Parr, "er wollte es für den Rest der Tour fahren"

Diese Etappe war eine der schwersten der Tour 95. 206 Kilometer, mehr als 5000 Höhenmeter. Daher wurden die beiden ersten Anstiege vom Peloton auch locker angegangen. Alle 129 Fahrer fuhren geschlossen über den ersten Pass, den Col de Portet d'Aspet. Der Anstieg vom Osten her ist relativ leicht, die Abfahrt auf der Westseite aber äußerst steil. 15 Prozent. 5 km lang enge Serpentinen. In rasender Abfahrt fuhr das Feld ins Tal. In einer Linkskurve kurz vor dem Ende der Abfahrt kommt es zu einem Massensturz. Die Ursache ist nicht bekannt. Vielleicht ein Defekt, vielleicht eine leichte Kollision. Auf der engen Nebenstraße gibt es keine Leitplanken, eine kleine, niedrige Mauer markiert den Straßenrand. Dante Rezze, der über die Mauer in den Abgrund fiel: "Ich wollte mich noch auf den Boden werfen,
aber ich war auf der falschen Seite, ich konnte nichts mehr machen."

Casartelli fiel nicht über die Mauer, er stürzte mit dem Kopf darauf. Einer der Fahrer direkt hinter ihm, Francois Simon: "Sein Vorderrad blockierte und er ging kopfüber über den Lenker."

Fabio Casartelli verlor das Bewußtsein. Tour-Arzt Dr. Gerard Porte, der als erster an Ort und Stelle war, sagte später, er habe "enorm viel Blut verloren" aufgrund von schweren Kopfverletzungen. Dem Mediziner gelang es, Casartelli wiederzubeleben nachdem sein Herz bereits drei Mal stehengeblieben war. Mit dem Helikopter wurde er nach Tarbes in die Klinik geflogen, aber die Ärzte hatten keine Chance, sein Leben zu retten, zuviel Blut hatte er verloren.

Fabio Casartelli

  Geb.01.08.1970 in Como, † am 18. Juli 1995 bei der 15. Etappe der Tour de France.

Profi 1993-1995
Teams: Ariostea (93), ZG-Mobili (94), Motorola (95)

Größte Erfolge: Profi: Zwei Mal Etappenzweiter bei der Tour de Suisse 1993, Etappendritter Murcia-Rundfahrt 1995: Amateur: Olympische Goldmedaille im Strassenrennen 1992 in Barcelona. Monte Carlo-Alassio 1992, GP Diano Marina 1992, Coppa Cigogna 1992, Trofeo di Mare 1992, Monte Carlo-Alassio 1991, Coppa Casale 1991, GP Capodarlo di Fermo 1991, Trofeo Sironi 1990.

Fabio Casartelli hinterließ seine Frau Anna Lisa und seinen Sohn Marco, der gerade erst 4 Monate alt war, als das Schicksal in den Pyrenäen zuschlug.

Der 24-jährige Italiener war noch kein Star. Er gewann 1992 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Barcelona, aber das war "nur" die Eintrittskarte ins Profilager. Er begann seine Karriere 1993 im Ariostea-Team vielversprechend. Er gewann eine Etappe der Settimana Bergamasca, beendete den Giro als 107. Im Jahr darauf, Ariostea war aufgelöst worden, fuhr er beim kleinen ZG-Selle Italia-Team, mit dem er 1994 auch mit gerade 23 Jahren die Tour bestritt. 1995 bekam Casartelli einen Vertrag beim Top-Team Motorola. Durch gute Leistungen im Frühjahr und bei der Tour de Suisse ergatterte er einen Platz im Tour de France-Team von Motorola.

Der Tag nach den schrecklichen Ereignissen, die 16. Etappe der Tour de France 1995, war einer der traurigsten Tage des Radsports. Die Tour zollte Fabio Casartelli ihren Tribut. Die Fahrer beschließen, sämtliche Prämien des Tages, 220.000 Francs, der Familie von Fabio Casartelli zukommen zu lassen. 300 Meter vor der Ziellinie stoppte das gesamte Peloton. Die sechs Mannschaftskameraden von Fabio Casartelli haben Trauerflore an Trikots und Rennrädern und fahren gemeinsam über die Ziellinie. Als erster Andrea Peron, der Zimmergenosse von Fabio.

Lance Armstrong, einer von Casartellis Teamkollegen, beschrieb seine Gefühle bei dieser traurigen 16. Etappe: "Wir waren etwa 120 Mann. 115 davon haben acht Stunden lang nicht ein Wort gesagt. Es war der schwerste Tag meiner Karriere. Obwohl wir es haben ganz langsam angehen lassen, war es hart, es war heiß und es war auch physisch verdammt schwer. Im Kopf war ich ganz weit weg. Ich möchte so einen Tag nie mehr in meinem Leben erleben. Das war die härteste Etappe der Tour de France." (kv)

Serie: Gesichter der Tour de France (1) - Die Karawane

Übersicht: Tour de France



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