30.06.99 - Die Presse in
Europa hat überwiegend mit harscher Kritik reagiert auf die Entscheidung der UCI, wonach der vom
Dopinggeruch umwehte Richard Virenque und ONCE-Sportdirektor Manolo Saiz
an der Tour de France teilnehmen dürfen wegen eines "Formfehlers", der
den Tourorganisatoren bei ihren Auschlüssen unterlief.
"Accablant!" ("Erdrückend!") lautete die Schlagzeile der französischen
Sportzeitung "L'Equipe" am Dienstag. Das Blatt, das ebenso wie die Société du
Tour de France zur Verlagsgruppe Amaury gehört, kritisierte auch die Tour-Organisation,
die "traurigerweise gewichen" sei vor dem "ruchlosen Diktat" der UCI.
"Welche Schande!", hieß es im Leitartikel von "L'Equipe". Die Anwesenheit
von Richard Virenque "macht weder dem Rennen, noch dem Radsport oder dem Sport im allgemeinen
Ehre". "Die UCI und ihr Präsident Hein Verbruggen haben mit diesen Rehabilitierungen
(von Virenque und Saiz) die Lüge aufgestellt, die neuen Werte des Sports
beleidigt und so Doping legitimiert."
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"Le Parisien" analysierte den "seltsamen Herrn Verbruggen". Der niederländische
UCI-Präsident denke "immer zweimal nach, wenn es darum geht, hart gegen Doping zuzuschlagen",
denn er "ist weder glühender Anhänger von Repression noch Prävention".
Die kommunistische "L'Humanité" titelte mit einem
ironischen Wortspiel: "Stupéfiant: Virenque serait au Tour",
lautete die Schlagzeile. "Stupéfiant" bedeutet einerseits "verblüffend",
andererseits auch "Rauschgift"...
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Tour-Organisatoren waren 13 Tage zu spät
30.06.99 -
Albert Rey-Mermet, der Schweizer Anwalt, der Richard Virenque vor der UCI-Kommission vertrat, erklärte gegenüber
der Genfer Tageszeitung Le Matin, was letztlich zur Entscheidung der UCI, Virenques
Einladung zu erzwingen, geführt hat. Danach muß laut UCI-Reglement 30 Tage vor
einem Rennen die Liste der eigeladenen Teams bekanntgegeben werden.
Der Virenque-Anwalt: "Die Société du Tour de France gab die Liste der der engagierten Teams
und der ausgeschlossenen Fahrer am 16. Juni bekannt", - mithin 17 Tage vor dem Tourstart am 3. Juli.
"Man darf nicht vom UCI-Reglement abweichen, daher hat die Société du Tour de France
ihr Recht verloren, Richard Vireqnue auszuschließen."
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Der belgische "Le Soir" titelte "Die UCI rettet Virenque, nicht den Radsport"
und schrieb: "Es ist der größte Tiefschlag für die Glaubwürdigkeit des
Radsports seit dem Ausbruch des Festina-Skandals. Mit ihrer Logik, wonach
mit einem formalen Rechtsfehler die unglaubliche Entscheidung begründet wird,
wischte die UCI alle moralischen Fragen vom Tisch."
Im flämischen "Het Nieuwsblad" hieß es:
"Der Triumph von Virenque klingt wie eine Verhöhnung der Organisatoren der Tour de France."
Und weiter: "Seit zwölf Monaten behandelt die französische Sportwelt Richard Virenque, als
habe er die Pest und es hieß, die Tour de France müsse sich rehabilitieren.
Für Jean-Marie Leblanc ist (die UCI-Entscheidung) ein Albtraum."
"Le Derniere Heure" aus Brüssel wies auf die Mitschuld der Tourorganisatoren
an dem Malheur hin und schrieb, man verstehe nicht wie es geschehen konnte, daß die Société
"den berühmten Artikel 1.2.048 des Reglements der UCI" nicht beachtete.
"Es ist ein schuldhaftes Versäumnis, ein sehr ernster Fehler, der teuer sein könnte
für das Image der Tour 72 Stunden vor dem Beginn der 86. Tour de France", so "Le Derniere Heure".
Die italienische Sportzeitung "La Gazzetta dello Sport" (Mailand) begrüßte hingegen die Wiederzulassung
von Virenque bei der Tour de France.
Im Leitartikel schrieb Chefredakteur Candido
Cannavo: "Wir begrüßen mit Freude die Wiederzulassung von Virenque.
(...) Daß man dem Franzosen die Tür vor der Nase zuschlug war eine einseitige
Entscheidung."
In der römischen "Reppublica" hieß es: "Die Organisatoren der Tour
de France müssen dem Diktat der UCI weichen, das sie zwingt, Richard Virenque fahren zu lassen."
In der Madrider Sportzeitung "Marca" hieß es:
"(Der Präsident der UCI Hein Verbruggen) stellt sich (den Problemen) und
kanalisiert sie mit Ruhe und falls nötig - wie in diesem Fall - mit
Härte. (...) Verbruggen bestand die Feuerprobe in den letzten Tagen.
(...) Jetzt wissen wir, wer den Radsport kontrolliert. Und die Franzosen auch."
Weniger enthusiastisch zeigte sich der Kommentator der anderen großen
spanischen Sportzeitung "AS", die schrieb: "Die einen werden eingeladen und
kommen nicht und die, die zurückgewiesen wurden, kämpfen bis aufs Blut
für ihr Recht, zu kommen. So gesehen, kann man sagen, daß die Rennfahrer
den gleichen Egoismus zeigen wie die Tour. Sie haben alle ihre Ehre gerettet.
Nur der Radsport geht als Verlierer hervor."