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87.Tour de France
"Wie schade, dass Ullrich nicht extrovertierter ist!"
Interview mit Tourdirektor Jean-Marie Leblanc über die Tour-Stars 2000

27.06.00 - Jean-Marie Leblanc, der Direktor der Tour de France, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über die Stars der diesjährigen "Großen Schleife" redet. Vier Tage vor dem Start der Tour spricht der Chef des Rennens über die Favoriten Lance Armstrong, Jan Ullrich und Marco Pantani.

Monsieur Leblanc, lassen Sie uns über die Favoriten der Tour de France 2000 sprechen. Beginnen wir mit dem Titelverteidiger. Was empfinden Sie für Lance Armstrong?

Leblanc: "Bewunderung. In erster Linie für das, was er als Mensch erlebt hat: Eine schwere Krankheit wie den Krebs überwinden und dann wieder Athlet auf Spitzenniveau zu werden. Aber ich empfinde auch Bewunderung für ihn wegen der Metamorphose, die er als Rennfahrer durchgemacht hat. Vor seiner Krankheit war er so etwas wie ein Catcher auf dem Rennrad, muskulös, voller Energie und Kraft. Nach seiner Krankheit kam er schlanker zurück, er verbesserte sich technisch was die Position
auf dem Rennrad angeht, er wurde so ein besserer Rouleur und vor allem auch ein besserer Kletterer. Mit anderen Worten: aus dem Kämpfertyp wurde ein Stilist. Das ist es, was seine heutigen Leistungen erklärt."

Wie sehen Sie ihn als Menschen?

Leblanc: "Ich respektiere ihn. Ich glaube, dass er ein Voll-Profi amerikanischer Prägung ("grand professionnel à l'américaine") ist. Zweifellos mag er das Geld, aber ich spüre, dass dahinter ein Herz ist. Ich respektiere ihn auch dafür, wie er die Mißgunst, die Verdächtigungen ertragen


Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc (r.) musste in den vergangen Jahren schon manche schwierige Situation meistern. 1998 rettete er die Grande boucle, die im Dopingsumpf unterzugehen drohte. Das Bild zeigt ihn bei der Tour im vergangenen Jahr, als bei der 17. Etappe Feuerwehr-Leute für die 35-Stundenwoche protestierten und die Strasse blockierten. Aber so etwas bringt den Nordfranzosen schon lange nicht mehr aus der Ruhe...
hat. Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, ich wäre am Boden zerstört gewesen."

Und wie sehen Sie Jan Ullrich?

Leblanc: Ich sehe in Ullrich vor allem so etwas wie eine Maschine. Eine Maschine, die fast schon zu schön ist, denn man hat den Eindruck, dass die menschlichen Parameter nicht überwiegen bei ihm, er ist so introvertiert. Was das Verhältnis zwischen Rouleur- und Klettererqualitäten angeht, ist er der kompletteste Fahrer, den es zurzeit gibt. Ich glaube, dass Armstrong ein schlechterer Bergfahrer ist. Bei Zeitfahren sehe ich die beiden etwa gleich stark, aber wenn ich unbedingt eine Nummer 1 zu vergeben hätte, würde ich sie an Ullrich geben. Wie schade, dass er nicht etwas extrovertierter, herzlicher und ausdrucksvoller ist!"

Wie beurteilen Sie Ullrichs alljährliche Probleme zu Beginn der Saison?

Leblanc: "Das ist bei ihm vermutlich normal. Er wurde entdeckt, geformt und auf den Weg gebracht von frühester Jugend an, eingeschlossen in einem System, dass ihn zu einer glänzenden Maschine gemacht hat, die programmiert ist, Leistungen zu bringen."

Ullrich ist das genaue Gegenteil von Marco Pantani?

Leblanc: "Ja, so ist es. (Pantani) ist ein Fahrer mit Herz, Feuer und Leidenschaft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Fahrer so klettern gesehen zu haben wie ihn. Er hat die typische Physiognomie eines Kletterers. Und dazu ist er auch noch ein Attackierer und er ist großherzig und hat einen Look, der zu seinen Leistungen hinzukommt. Kurzum, der 'Pirat' versetzt das Publikum ins Schwämen."

Bedauern Sie die Aussagen, die Sie im vergangenen Jahr über ihn gemacht haben?

Leblanc: "Ich war damals niedergeschmettert, dass ein Champion wie er, ein Jahr nach der Festina-Affäre zwei Tage vor dem Ende eines großen Rennens mit dem Sieg in der Tasche die Linie überquert, die das Erlaubte vom Unerlaubten trennt. In diesem Zusammenhang war sein Verhalten zu verurteilen. Aber ich verurteile niemanden für sein ganzes Leben, weil er einen Fehler gemacht hat. Nachdem der Schmerz überwunden war, habe ich meine Achtung für ihn wiedergefunden."

Wie denken Sie über Ihren Landsmann Laurent Jalabert, der bei den Skandalen der Tour de France 1998 keine rühmliche Rolle gespielt hat und nun wieder zur Tour zurückkehrt?

Leblanc: "Ich mag Jalabert, auch wenn er manchmal den Mund etwas vollnimmt. Als er 1998 die Tour de France verlassen hat, war ich verbittert. Zweifellos haben andere damals auf ihn Einfluß ausgeübt. Lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen. Mit viel Fleiß ist (Jalabert) zu einem sehr guten Rouleur geworden. Und er kann auch Berge bis zu 1.800 Meter gut fahren. Er attackiert viel. Man hat zu einem Zeitpunkt immer gesagt, die Tour de France sei nicht für ihn geeignet. Und jetzt, wo seine Karriere sich dem Ende zuneigt, will er es allen beweisen, dass dies nicht stimmt. Ich mag so etwas."

Abschließende Frage: Ist Richard Virenque in diesem Jahr willkommen?

Leblanc: "Ich habe nichts gegen Virenque. Im vergangenen Jahr hat er mich überrascht damit, wie er angesicht des Drucks der Medien und angesicht seiner juristischen Probleme Moral gezeigt hat. Wir, die Organisatoren, haben damals den Druck noch erhöht durch unseren Wunsch, er möge nicht am Rennen teilnehmen. Ich hatte nie persönlich etwas gegen ihn, aber seine Anwesenheit damals stellte den guten Verlauf des Rennens in Frage. Ich habe mich geirrt damals. In diesem Jahr denke ich, wird er uns noch überraschen, wenn man sich das Profil anschaut. Für mich kann er aufs Podium kommen."

Tour de France - Übersicht



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