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Tour de France |
87.Tour de France "Wie schade, dass Ullrich nicht extrovertierter ist!" Interview mit Tourdirektor Jean-Marie Leblanc über die Tour-Stars 2000
Monsieur Leblanc, lassen Sie uns über die Favoriten der Tour de France 2000
sprechen. Beginnen wir mit dem Titelverteidiger. Was empfinden Sie
für Lance Armstrong?
Leblanc: "Bewunderung. In erster Linie für das, was er als Mensch erlebt
hat: Eine schwere Krankheit wie den Krebs überwinden und
dann wieder Athlet auf Spitzenniveau zu werden. Aber ich
empfinde auch Bewunderung für ihn wegen der Metamorphose,
die er als Rennfahrer durchgemacht hat. Vor seiner Krankheit war er
so etwas wie ein Catcher auf dem Rennrad, muskulös, voller
Energie und Kraft. Nach seiner Krankheit kam er schlanker zurück,
er verbesserte sich technisch was die Position
Wie sehen Sie ihn als Menschen?
Leblanc: "Ich respektiere ihn. Ich glaube, dass er ein Voll-Profi amerikanischer Prägung
("grand professionnel à l'américaine") ist. Zweifellos mag er
das Geld, aber ich spüre, dass dahinter ein Herz ist. Ich respektiere
ihn auch dafür, wie er die Mißgunst, die Verdächtigungen ertragen
Und wie sehen Sie Jan Ullrich?
Leblanc: Ich sehe in Ullrich vor allem so etwas wie eine Maschine.
Eine Maschine, die fast schon zu schön ist, denn man hat den Eindruck,
dass die menschlichen Parameter nicht überwiegen bei ihm,
er ist so introvertiert. Was das Verhältnis zwischen Rouleur- und
Klettererqualitäten angeht, ist er der kompletteste Fahrer, den es zurzeit gibt.
Ich glaube, dass Armstrong ein schlechterer Bergfahrer ist.
Bei Zeitfahren sehe ich die beiden etwa gleich stark, aber
wenn ich unbedingt eine Nummer 1 zu vergeben hätte, würde
ich sie an Ullrich geben. Wie schade, dass er nicht etwas extrovertierter,
herzlicher und ausdrucksvoller ist!"
Wie beurteilen Sie Ullrichs alljährliche Probleme zu Beginn der Saison?
Leblanc: "Das ist bei ihm vermutlich normal. Er wurde
entdeckt, geformt und auf den Weg gebracht von frühester Jugend
an, eingeschlossen in einem System, dass ihn zu einer glänzenden Maschine
gemacht hat, die programmiert ist, Leistungen zu bringen."
Ullrich ist das genaue Gegenteil von Marco Pantani?
Leblanc: "Ja, so ist es. (Pantani) ist ein
Fahrer mit Herz, Feuer und Leidenschaft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Fahrer so klettern
gesehen zu haben wie ihn. Er hat die typische Physiognomie eines Kletterers.
Und dazu ist er auch noch ein Attackierer und er ist großherzig und
hat einen Look, der zu seinen Leistungen hinzukommt. Kurzum,
der 'Pirat' versetzt das Publikum ins Schwämen."
Bedauern Sie die Aussagen, die Sie im vergangenen Jahr über ihn gemacht haben?
Leblanc: "Ich war damals niedergeschmettert, dass
ein Champion wie er, ein Jahr nach der Festina-Affäre
zwei Tage vor dem Ende eines großen Rennens mit
dem Sieg in der Tasche die Linie überquert,
die das Erlaubte vom Unerlaubten trennt. In diesem
Zusammenhang war sein Verhalten zu verurteilen. Aber
ich verurteile niemanden für sein ganzes Leben, weil
er einen Fehler gemacht hat. Nachdem der Schmerz
überwunden war, habe ich meine Achtung für ihn wiedergefunden."
Wie denken Sie über Ihren Landsmann Laurent Jalabert, der
bei den Skandalen der Tour de France 1998 keine rühmliche Rolle gespielt
hat und nun wieder zur Tour zurückkehrt?
Leblanc: "Ich mag Jalabert, auch wenn er manchmal den Mund etwas vollnimmt.
Als er 1998 die Tour de France verlassen hat, war ich verbittert.
Zweifellos haben andere damals auf ihn Einfluß ausgeübt.
Lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen. Mit viel
Fleiß ist (Jalabert) zu einem sehr guten Rouleur geworden.
Und er kann auch Berge bis zu 1.800 Meter gut fahren. Er attackiert viel.
Man hat zu einem Zeitpunkt immer gesagt, die Tour de France sei
nicht für ihn geeignet. Und jetzt, wo seine Karriere sich
dem Ende zuneigt, will er es allen beweisen, dass dies
nicht stimmt. Ich mag so etwas."
Abschließende Frage: Ist Richard Virenque in diesem Jahr willkommen?
Leblanc: "Ich habe nichts gegen Virenque. Im vergangenen Jahr hat er mich
überrascht damit, wie er angesicht des Drucks der Medien und angesicht
seiner juristischen Probleme Moral gezeigt hat. Wir, die Organisatoren,
haben damals den Druck noch erhöht durch unseren Wunsch,
er möge nicht am Rennen teilnehmen.
Ich hatte nie persönlich etwas gegen ihn, aber seine
Anwesenheit damals stellte den guten Verlauf des Rennens in Frage.
Ich habe mich geirrt damals. In diesem Jahr denke ich, wird
er uns noch überraschen, wenn man sich das Profil anschaut.
Für mich kann er aufs Podium kommen."
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