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02.08.98 - Zwei Jahre und neun Monate nach einem bösen Unfall
bei Milan-Turin 1995, bei dem Marco Pantani fast ums Leben gekommen
wäre und seine Karriere am seidenen Faden hing, ist der kleine
Kletterkünstler aus Cesenatico auf dem Höhepunkt seiner
sportlichen Laufbahn: Als |
siebter Rennfahrer der Radsportgeschichte
holte Marco Pantani das Double mit Gewinn von Giro und Tour in
einem Jahr. Nach einer Tour mit den dunkelsten Kapiteln gab es am
Ende dennoch viele strahlende Gewinner. Neben Pantani gehören dazu
auch Jan Ullrich, der vor allem mit der Art und Weise, wie er
sich wieder einen Podiumsplatz erkämpfte, beeindruckte, auch Erik Zabel, der
zum dritten Male in Folge das Grüne Trikot errang, und auch Jörg Jaksche,
der mit gerade mal 22 Jahren bei seiner ersten Tour gleich auf einen
sensationellen 18. Gesamtrang fuhr.
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Die 85. Frankreichrundfahrt hat der an Geschichten und Anekdoten so reichen
Geschichte Tour de France einige der dunkelsten Kapitel hinzugefügt.
In drei Wochen war der Radsport das Ziel von so vielen Attacken,
wie in den letzten 30 Jahren nicht. Das Eingreifen von Polizei und Justiz
brachte die Tour an den Abgrund. Von 21 in Dublin gestarteten Teams kamen
in Paris nur 14 an, von 189 Rennfahrern kamen nur 96 ins Ziel, darunter
nicht ein einziger Rennfahrer aus dem klassischen Radsportland Spanien.
Der Marathon der Skandale begann, als kurz vor der Tour Willy Voet,
der belgische Masseur des Festina-Teams, an der französisch-belgischen
Grenze mit einem Teamfahrzeug randvoll mit
Dopingsubstanzen erwischt wurde. In der Folge überschlugen sich
die Ereignisse. Zunächst wurde das gesamte Festina-Team, das
anfangs jegliche Involvierung geleugnet hatte, von der Tour ausgeschlossen,
inklusive der Teamkapitäne Alex Zülle und Richard Virenque.
Doch bei diesem in der Geschichte der Tour einmaligen Vorgang sollte
es nicht bleiben. Nach einer Serie von Verhören und Durchsuchungen
in Mannschaftshotels wurde Rodolfo Massi, Träger des Bergtrikots
verhaftet, sechs Mannschaften zogen sich schließlich aus der Tour
zurück.
Angesichts des plötzlichen politischen Willens der französischen Regierung,
mit aller Härte gegen Doping vorzugehen und den Radsport von
einigen seiner uralten Dopingverstrickungen zu säubern, war das
System des
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Marco Pantani
Geboren 13.01.1970 in Cesena.
1,72 m, 54 kg
Wohnort: Cesenatico
Profi seit 1992
Teams: Carrera (92-96), Mercatone Uno (seit 97)
Jahresgehalt 1998: 1 Milliarde Ital. Lira (ca. 1,1 Mio.DM)
Med. Eckdaten:
Ruhepuls: 36
VO2-max: 82 ml/kg/min
Watt: 430
Lungenvolumen: 5,6l
Größte Erfolge:
Tour de France 1998
Giro d'Italia 1998, 4 Giro-Etappensiege (1994 und 1998 je zwei),
6 Tour de France-Etappensiege (1995 l'Alpe d'Huez und Guzet-neige,
1997 in l'Alpe d'Huez und
Morzine, 1998 in
Plateau de Beille und Les Deux Alpes)
, 1 Etappe der Tour de Suisse 1995,
Etappensieg bei der Vuelta a Murcia 1998,
Zweiter im Gesamtklassement beim Giro 1994, Gesamtdritter bei der
Tour 1994 und 1997, Dritter der WM in Kolumbien 1995.
Historisches Double
Erst zwölf Mal in knapp hundert Jahren Radsport gelang es einem
Rennfahrer, in einem Jahr Tour und Giro zu gewinnen...
1949 Fausto Coppi
1952 Fausto Coppi
1964 Jaques Anquetil
1970 Eddy Merckx
1972 Eddy Merckx
1974 Eddy Merckx
1982 Bernard Hinault
1985 Bernard Hinault
1987 Stephen Roche
1992 Miguel Indurain
1993 Miguel Indurain
1998 Marco Pantani
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Profiradsports unvorbereitet und hilflos. Bei den Protesten der
Rennfahrer gegen das angeblich "unmenschliche" Vorgehen der Staatsmacht,
schien so mancher Fahrer auch für sein Recht auf Doping zu streiken.
Aber die Tour de France ging nicht unter. Während sich neue
Aufdeckungen und Skandale eröffneten, die Forderungen nach dem Abbruch
der Tour in Medien lauter wurden, blieb das Publikum der 95 Jahre alten
Tour treu.
Die Rennfahrer belohnten die Fans mit einem Rennen, das trotz all
den Skandalen eines der aufregendsten und spannendsten seit vielen Jahren war.
Das Duell zwischen Jan Ullrich und Marco Pantani, das klassische Duell zwischen Rouleur
und Kletterer, erinnerte an die großen Kämpfe zwischen
Bahamontes und Anquetil, Van Impe und Merckx, Chiappucci und Indurain.
Das Duell zwischen Ullrich und Pantani bei der Tour 98 wird auch deshalb
in besonderer Erinnerung bleiben, weil hier zwei Sportsmänner
aufeinandertrafen, die nicht nur im Rennsattel Größe zeigten.
Der Italiener, der Kämpfer, der sich mühsam von seinem
bösen Unfall im Oktober 95, als alles verloren schien, wieder
ganz nach oben arbeitete. Allen Zweiflern zum Trotz, die ihm stets
sagten, ein scalatore könne in den Neunzigern keine große
Rundfahrt gewinnen, holte Pantani Tour und Giro innerhalb von drei Monaten
und ist schon zu Lebzeiten eine Radsportlegende.
Auf der anderen Seite der junge Jan Ullrich, der in drei Tour-Teilnahmen
zwei Mal Zweiter und einmal Erster wurde, der sich bei der Tour 98
als ein wirklich großer Champion bewies. Am Tage nach seinem
schweren Einbruch am Galibier, nach seiner Niederlage,
griff er am Madeleine an und fuhr sich in die Herzen auch all derer, die in ihm bis dahin nur den kühlen Technokraten
auf dem Rennrad sahen. Größe zeigte Ullrich, den Bernard Hinault
bereits am Sonntag zum großen Favoriten der Tour 1999 erklärte,
auch, als er beim abschließenden Zeitfahren noch einmal alles gab
und sich hinterher aufrichtig freute über den Erfolg von Marco Pantani,
der "es nach all dem, was er durchgemacht hat, wirklich verdient."
Die Tour 98 beendeten zwar ungewöhnlich wenige Rennfahrer, aber
sie hatte nichtsdestotrotz auch ungewöhnlich viele "Gewinner".
In Erinnerung wird etwa Roland Meier bleiben, der sich nicht einmal
von einem metertiefen Sturz einen Abhang hinunter auf seinem Teufelsritt
durch die Pyrenäen aufhalten ließ. Oder auch Axel Merckx,
der bei seiner ersten Tour de France mit den Besten der Besten mithalten
konnte und für den sich "ein Kindheitstraum" erfüllte.
Oder Jörg Jaksche, der in seiner ersten Tour auf den 18. Gesamtrang kam,
der in den Bergen Tag für Tag Spitzenleistungen zeigte und der mit
22 Jahren seine Karriere gerade erst begonnen hat.
"Ich habe mir drei Jahre als Frist gesetzt", so Jaksche zu Saisonbeginn.
"Wenn ich bis dahin den Sprung nach oben nicht geschafft habe, gehe ich lieber studieren".
Nach der Tour 98 sieht es wohl so aus, als würde die akademische Welt den
jungen Mann aus Franken so bald nicht begrüssen können.
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Als Gewinner darf sich auch Erik Zabel fühlen. Ohne
die Unterstützung seines Sprinthelfers Giovanni Lombardi konnte er
zum dritten Mal das Grüne Trikot des Punktbesten erringen und steht damit
nun in einer Reihe mit unvergessenen Sprintgrößen wie
Djamolidine Abduschaparov,
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Sean Kelly und Freddy Maertens.
"Ich habe zwar keine Etappe gewonnen", so Zabel. "Aber für mich
ist es riesig, das Grüne Trikot zum dritten Mal hintereinander nach
Paris gebracht zu haben."
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Der erfolgreichtste Sprinter der Tour 98, was Etappensiege angeht, war der
Belgier Tom Steels (Mapei). Ein Jahr nachdem er bei der Tour 97 disqualifiziert
worden war, weil er frustriert mit einer Flasche nach einem Gegener geworfen hatte,
gewann er in diesem Jahr |
vier Etappen in drei Ländern. Nach dem Sieg
bei der ersten Etappe in der irischen Hauptstadt, dem in Cap Agde (12. Etappe)
und im schweizerischen Neuchatel (18.), gewann er nun auch noch das
für jeden Sprinter prestigeträchtigste Sprintfinale auf
den Champs Elyseées.
Die 85. Tour de France - sie war außergewöhnlich, im Schlechten,
aber ganz sicher auch im Guten. Vive le Tour!
Stimmen:
Marco Pantani (Mercatone Uno):
"Der 2. August 1998 wird ein großes Datum in meinem Leben bleiben.
den Giro zu gewinnen und die Tour- mein Land hat darauf lange gewartet.
Wir wollten heute trotz des Regens den Leuten in Paris das bestmö,gliche
Spektakel liefern."
Tom Steels (Mapei), Etappensieger:
"Jetzt mag ich die Tour! Ich habe meine Disqualifikation vom letzten
Jahr wieder vergessen gemacht. Am Start habe ich gesagt, wenn ich zwei
Etappen gewinne, rasiere ich mir die Haare ab. Jetzt habe ich vier
gewonnen und ich weiß nicht, was ich tun werde... Man sagt,
ich sei der Beste, aber man darf Cipollini nicht vergessen.
Lassen Sie uns sagen, ich bin der Sprinter, den es zu schlagen gilt.
Die zielankunft auf den Champs Elysées war wirklich
etwas sehr Besonderes."
Erik Zabel (Telekom), Grünes Trikot:
"Ich habe zwar keine Etappe gewonnen, aber für mich
ist es riesig, das Grüne Trikot zum dritten Mal hintereinander nach
Paris gebracht zu haben."
Bobby Julich (Cofidis), Gesamtdritter:
"Egal, was passiert, jetzt kann ich mein ganzes Leben lang sagen,
daß ich die Tour de France als Dritter beendet habe. Heute
glaube ich, daß ich Greg Lemond nachfolgen kann und eines Tages die Tour
gewinnen kann."
Christophe Rinero (Cofidis), Bergtrikot:
"Ich bin froh, ins Ziel gekommen zu sein. ich hatte bei dem regen ein
bißchen Angst. Vierter, bester Franzose, Bergtrikot, bestes
Team.. Und nicht zu vergessen das Gelbe Trikot von Laurent Desbiens.
Man konnte es nicht besser erhoffen."
Axel Merckx (Polti):
"In Paris auf dem 10. Platz abzuschließen, ist sehr positiv,
sehr wichtig. Am Beginn war es undenkbar. Aber alles lief sehr gut und
ich hoffe, ich kann in Zukunft so weitermachen. Ich hatte schwierige Momente,
aber in der dritten Woche hielt ich mich gut."
Walter Godefroot Telekom-Sportdirektor:
"Jan ist von einem Super-Pantani, dem besten Kletterer seiner Generation,
geschlagen worden. Ullrich hatte einen Einbruch und verlor neun Minuten,
sicher zwei davon aufgrund eines Defektes. Aber das ändert nichts.
Pantani war dieses Jahr der Stärkste. Wir sind aber dennoch
sehr zufrieden: wir haben den zweiten Platz, das Grüne Trikot von Zabel
war nie gefährdet, wir haben vier Etappensiege und den ersten Platz in der Wertung des besten Jungprofis.
Das ist doch nicht schlecht, oder? Nächstes Jahr werden wir
unser Programm nicht umstellen, wieder keinen Giro fahren. Wir werden
die Rennfahrer behalten, aber ich möchte das Team noch etwas verstärken,
sowohl mit einem Sprinter, als auch mit einem Bergfahrer."