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"Reaktion eines Champions": Am Col de la Madeleine wird der Gejagte zum Jäger

28.07.98 - Man traute seinen Augen kaum: Am schweren Aufstieg zum Col de la Madelaine, dem letzten und größten Berg der 16. Etappe der Tour de France attackierte Jan Ullrich (Telekom) und Bergkönig
Marco Pantani (Mercatone Uno) im Gelben Trikot blieb kühl und berechnend nur am Hinterrad des Deutschen. Aufgrund der veränderten taktischen Gegebenheiten nach der Revolution im Gesamtklassement am Vortag sah man am Dienstag einen logischen, aber eigenartig anmutenden Rollenwechsel. Am Ende gewannen beide: Pantani holte auf Bobby Julich wichtige Minuten, Ullrich holte den Tagessieg und verbesserte sich im Gesamtklassement um einen Rang.

"Auf Regen folgt Sonnenschein", hatte sich Jan Ullrich nach seinem Debakel am Montag getröstet. Und tatsächlich war am Dienstag die Nässe und Kälte des Galibier am Vortag schon wieder weit weg. Unter der wärmenden Alpensonne attackierte Jan Ullrich am Col de la Madeleine (2.000m/Ehrenkategorie), der wie Galibier und Telegraph große Tour-Mystik verbreitet. 13km vor der Passhöhe trat der Toursieger von 1997 an und flog die steilen Madeleine-Rampen hoch. Weniger als 24 Stunden nach seinen Leiden in Les deux Alpes sah man den Ullrich von 1997. "Es war die Reaktion eines wahren Champions", meinten unisono Marco Pantani und Telekom-Sportdirektor Godefroot.

"Das Wetter war wieder schön und ich hatte wieder gute Beine", so Ullrich später."Ich konnte es einfach nicht lassen, anzugreifen."
Ullrich wartete zunächst, bis Bobby Julichs Cofidis, allen voran die unverwüstlichen Christophe Rinero und Roland Meier, das Tempo machten im Peloton. Im kleinen Feld, das nach 142 Rennkilometern über einen Berg der ersten und drei der zweiten Kategorie zusammengeschrumpft war, waren zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr Luc Leblanc ("Es ist Zeit ans Aufhören zu denken"), Laurent Jalabert und Bo Hamburger, ansonsten aber alle in der Gesamtwertung Vorneplazierten.

13km vor der Passhöhe ging Ullrich seitlich aus dem Feld, schaute sich die Kollegen abschätzend an - es war eine Attacke mit Ansagen. Dann ging er los. Leichtfüßig sprang er dem Feld davon und war gleich einige Meter weg. Marco Pantani (Mercatone Uno), der Träger des Gelben Trikot, heftete sich sofort an die Fersen des Deutschen. Aber auch der Bergfloh aus Cesenatico, dessen Spezialität solche Bergsprints eigentlich sind, hatte schwer zu kämpfen, um an Ullrich dranzubleiben.

Fernando Escartin (Kelme) und Leonardo Piepoli (Saeco), beides echte Bergspezialisten, versuchten zunächst ebenfalls noch, Ullrichs mörderische Attacke mitzugehen, aber nach einer weiteren Tempoverschärfung wurden auch sie Opfer des Telekom-Kapitäns. Einzig Pantani hielt weiter das Hinterrad von Ullrich und es lag auf den steilen Rampen des Col de la Madeleine nicht an der Taktik, daß das Gelbe Trikot hier nur am Hinterrad des Attackierenden hing.

Am Rande

Der neue Spezialreifen vom Team Telekom erweist sich zunehmend als ziemlicher Flop. Nach den Defekten von Ullrich in den Pyrenäen und in der Abfahrt vom Galibier am Montag, erwischte es Bjarne Riis in der Abfahrt vom Madeleine gleich zwei Mal.

Debattierclub mit Verständnisproblemen In der Abfahrt vom Madeleine kam erst Mercatone-DS Martinelli zu Pantani, dann sprach Pantani Ullrich an, aber der Deutsche verstand den Italiener nicht. Also kam der Belgier Godefroot im Fahrzeug nach vorn und sprach erst mit Ullrich, dann mit Pantani. Man darf mutmaßen, es ging um ein Gentleman's Agreement á la "Wenn Du mich im Flachen nicht attackierst, mache ich auch etwas Führungsarbeit, verhelfe Dir zu einer Verbesserung im Gesamtklassement und lasse Dir kampflos die Etappe..."

Erklärungsbedarf Nach seinem Etappensieg in Albertville sprach Jan Ullrich zwar mit Telekom-Co-Sponsor ARD, die offizielle Sieger-Pressekonferenz dagegen schwänzte er bereits zum zweiten Mal. "In Anbetracht dieser Situation, die insbesondere die Tageszeitungen benachteiligt, wird die Tourdirektion dieses Problem mit Msr. Walter Godefroot besprechen", hieß es in einem offiziellen Statement der Tourorganisation.

Viel zu rechnen hat "Mannschaftsbuchhalter" Jens Heppner auch nach dem Verlust des Gelben Trikots: Nach Ullrichs Etappensieg sind nun insgesamt 424.350 Francs an Preisgeldern in die Mannschaftskasse gewandert. Am meisten kassierten bisher Mapei mit 477.400 FF, am wenigsten Big Mat Auber mit 15.800 FF. (1 FF entspricht ca. 0,30 DM)

Schiebung Die Kommissare kannten am Dienstag keine Gnade: Gleich fünf Rennfahrer wurden mit Zeitstrafen belegt, weil sie die aus dem jeweiligen Teamfahrzeug angereichte Wasserflasche allzu lange festhielten. Vierhouten, Spezialetti, Blijlevens, Sivakov und Diaz-Zabala wurden mit jeweils 20 Strafsekunden belegt...

Nach wenigen Kilometern hatte das ungleiche deutsch-italienische Duo Rolf Aldag (Telekom) eingeholt. Der westfälische Teamkollege von Ullrich war zusammen mit Andrej Tetriouk (Lotto) und Stephane Heulot (FdJ) ganz zu Anfang der Etappe ausgerissen. Teteriouk war nach einem Defekt bereits am Fuße des Madeleine zurückgefallen, Heulot führte ganz vorn noch bis kurz vor der Passhöhe. Als Ullrich mit Pantani im Schlepptau den allein fahrenden Aldag einholten, holte der mit 1.90m baumlange Aldag, der fürs Klettern nun wahrlich nicht geschaffen ist, noch mal alles aus sich heraus und opferte sich, um Ullrich zumindest auf einigen hundert Metern ein wenig Verschaufpause zu geben; wenngleich das Wort "opfern" in diesem Falle eigentlich nicht angebracht ist: Aldag brach nach diesem Gewaltakt nicht etwa ein. Im Gegenteil! Der beinharte Westfale, der nach seinem Unfall im Januar mit einer Schraube im Bein fährt, beendete die schwere Bergetappe (!) sensationell auf dem 12. Platz.

Nach vielleicht 150 Metern am Hinterrad von Aldag setzte Ullrich seine Hatz über die Rampen der Madeleine fort. Schon bald war Stephane Heulot eingeholt. Marco Pantani hatte sich zu diesem Zeitpunkt wieder gefangen. Während er zu Beginn von Ullrichs Attacke sichtbar kämpfen mußte, beteiligte er sich nun nur noch aus taktischen Gründen nicht mehr an der Führungsarbeit. Anders als im Vorjahr in Andorra gelang es Ullrich nicht, den "Piraten" abzuschütteln. Je steiler die Rampen wurden, desto besser sah der Giro-Sieger aus. Ullrich wurde schnell klar, daß er in Albertville sein verlorenes Gelbes Trikot nicht zurü,ckerhalten würde, aber er setzte seinen Parforce-Ritt weiter, um zumindest einen Platz auf dem Podium in Paris zu erkämpfen. An der Passhöhe des Madeleine hatte er rechnerisch Bobby Julich vom zweiten Rang verdrängt. Julich folgte mit 2:12 Min. Rückstand in einer ersten Verfolgergruppe mit Piepoli, Escartin, Michael Boogerd (Rabobank), Bjarne Riis (Telekom) und Axel Merckx (Polti), der ein fantastisches Tourdebut erlebt.

Ullrich und Pantani nahmen die 43,5km lange rasende Abfahrt bis in den Zielort Albertville als Erste unter die Räder. Anders als am Galibier am Vortag, vergaß Ullrich bei der Passüberfahrt diesmal nicht, sich wärmende Kleidung für die windige Anbfahrt reichen zu lassen. Ullrich ließ sich von seinem Sportdirektor Armlinge und Windweste reichen, - Pantani ließ es mit der guten alten "Zeitungs-Methode" bewenden - und los ging es.

Wie beim Aufstieg machte Pantani auch bei der Abfahrt zunächst keine Anstalten, Führungsarbeit zu machen. Um sein Hauptziel, Verteidigung des Gelben Trikots, zu erreichen, brauchte der "Pirat" lediglich Ullrichs Hinterrad zu halten. Erst auf den allerletzten Kilometern vor der Olympiastadt Albertville machte Pantani auch ein wenig Tempo.

Im Ziel holte sich Ullrich die Etappe, mußte aber richtig dafür kämpfen. Pantani wollte wohl Ullrich ein wenig ärgern und schien entgegen eines ungeschriebenen Gesetzes mit dem Gelben Trikot um den Tagessieg mitzusprinten. Nur ganz knapp hatte der Toursieger von 1997 die Nase in der Tageswertung vorn.

"Im Sprint war es kein Geschenk", so Pantani, der sein Gelbes Trikot in Albertville souverän verteidigen konnte. "Aber Ullrich hat den Etappensieg verdient."

Ullrich holte sich neben dem Etappensieg auch einen Platz unter den ersten drei im Gesamtklassement zurück. Der Merdinger liegt nun 5:56 Min. hinter Pantani auf Platz drei. Auf Platz zwei liegt weiterhin Bobby Julich (Cofidis), der zusammen mit den anderen seiner Verfolgergruppe 1:49 Min nach Pantani und Ullrich ins Ziel kam.


Stimmen:

Jan Ullrich (Telekom), Etappensieger: "Nach der Etappe nach Les Deux Alpes wollte ich diesen Sieg unbedingt, um die ganze Mannschaft zu belohnen. Das Team hat eine absolut bemerkenswerte Arbeit gemacht seit dem Start. Mit der Rückkehr des schönen Wetters hatte ich auch wieder bessere Beine und ich konnte es nicht lassen, zu attackieren. Auch wenn ich glaube, daß der Kampf um den Gesamtsieg vorbei ist."

Marco Pantani (Mercatone Uno), Träger des Gelben Trikots: "Ullrich war sehr stark. Er hat den Etappensieg verdient. Ich habe versucht, an ihm dranzubleiben. Er hat die Reaktion eines Champion gezeigt. Im Sprint war es kein Geschenk. Aber er hat den Etappensieg verdient. Ich glaube nicht, daß ich die Tour schon gewonnen habe. Aber ich bin zumindest einen Tag näher dran als gestern."

Bobby Julich (Cofidis), Gesamtzweiter: "Ich war müde, weil ich mich nicht so gut erholt habe vom Tag vorher. Am Madeleine bin ich vorgegangen zu Christophe (Rinero) und habe ihm gesagt, er solle vorn langsamer machen. Ullrich hat mich gehört und hat sofort attackiert. Ohne das, hätte er sicherlich später attackiert. Aber, wichtig ist, ich habe meinen zweiten Platz gehalten. Ich möchte in Paris aufs Podium kommen."

Axel Merckx (Polti), Etappenfünfter und sensationell 16. der Gesamtwertung: "Es ist die Erfüllung eines Kindheittraumes. Nach dieser Etappe kann ich sagen, daß meine erste Tour de France ein Erfolg war. Ich habe mir und den anderen bewiesen, daß ich mit den Besten bis zum Schluß mithalten kann bei einer großen Bergetappe. Ich gehe jetzt von Tag zu Tag, ohne zu rechnen. Wenn ich mit dieser Form bis nach Paris komme, bin ich hochzufrieden."

Walter Godefroot, Telekom-Sportdirektor: "Ullrich hat die Reaktion eines Champions gezeigt. Ich habe nie das Vertrauen in ihn verloren, und das Team auch nicht. Er hat nicht gesagt, er wolle attackieren, aber zweifellos hat er daran gedacht. Ich war nicht überrascht, ich habe es sogar von ihm erwartet, aber abgesprochen war nichts. Am Montagabend habe ich zum Team gesagt: wir haben zwei Etappen schon gewonnen, wir haben das Grüne Trikot, daß wir das Gelbe Trikot hatten und daß wir eine gute Chance haben, auf dem Podium die Tour zu beenden. Sie waren alle froh, das zu hören."


Ergebnisse: Tour de France - 16. Etappe

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20.07.98 Im Schatten der Pyrenäen ist Jens Voigt der Mann des Tages
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