
|
26.07.98 - Der Tag der 14. Etappe der Tour de France über 186km von
Valréas nach Grenoble war ein ruhiger Tag. Vor der schweren ersten
Alpen-Etappe am Montag ließen es die Favoriten locker |
angehen.
An Ullrichs Telekom-Team blieb zwar mal wieder die Hauptarbeit hängen, als
sich bereits nach 41km eine Ausreißergruppe absetzte, aber Henn, Heppner,
Aldag und Co. begnügten sich damit, den Vorsprung der sechsköpfigen Fluchtgruppe
im Rahmen zu halten. Als das Feld mit Ullrich und allen anderen Favoriten gut 10 Minuten nach dem Sieger O'Grady im
Zielort eintraf, organisierte Telekom für Erik Zabel erstmals bei
der diesjährigen Tour einen perfekten Sprint. Bei diesem ging es zwar nur um
Platz 9, aber es war sicher noch einmal Extra-Motivation für Telekom-Sprinter
Zabel, gut und kräfteschonend über die Berge zu kommen, um
auf der anderen Seite der Alpen vielleicht doch noch mal einen Etappensieg
herauszufahren.
|
Der Angriff des Tages kam bereits nach 41km. Giuseppe Calcaterra (Saeco)
machte sich aus dem Peloton davon und Peter Meinert-Nielsen (US Postal),
Stuart O Grady (Gan), Laurent Desbiens (Cofidis), Leon Van Bon (Rabobank)
und Orlando Rodriguez (Banesto) stiegen dem 34jährigen Italiener nach.
Das Sextett kam mit 9:20 Minuten Vorsprung am Col de Rousset (1.254m/Kat.2),
der einzigen größeren Erhebung des Tages 80km vor dem
Ziel an. Telekom, die Mannschaft mit dem Gelben Trikot, machte im Feld
pflichtgemäß das Tempo, aber die Mannschaft von Jan Ullrich
legte es nicht darauf an, mit allen Mitteln die Ausreißer zu stellen.
Im Gegenteil, man war froh, daß man vor den schweren Alpenetappen
am Montag und Dienstag ein wenig Kräfte schonen konnte. Telekom
begnügte sich damit, den Vorsprung der Ausreißergruppe,
in der Meinert-Nielsen mit über 38 Min. Rückstand auf Ullrich
|
der im Gesamt- klassement Bestplazierte war, im Rahmen zu halten.
|
Etwa 20km vor dem Ziel konterten aus dem Feld der Paris-Roubaix-Sieger von 97
Frederic Guesdon (FdJ) und Rafael Diaz Justo (ONCE). Die beiden hielten einen Vorsprung
vor dem Feld bis ins Ziel, waren aber chancenlos, an die Spitzengruppe
heranzukommen, sodaß sich nicht jedem der taktische Sinn der Aktion von
Guesdon und Diaz Justos erschloß.
|
Am Rande
Aufregung In Grenoble hieß es nach der Etappe plötzlich,
die Tour-Jury wolle eine Erklärung abgeben. Reporter laufen zusammen,
im Pressekonferenz-Saal herrscht Hochspannung- wieder eine Dopingsensation?
Als der oberste Rennkommissar dann bekannt gibt, daß Giuseppe
Calcaterra vom 2. auf den 6. Platz zurückgesetzt wurde wegen irregulärem
Sprints, bricht im ganzen Saal befreites Gelächter aus...
Besuch Im Teamfahrzeug von Cofidis-Sportdirektor Quilfen fuhr
am Sonntag Michel Hidalgo mit. Der inzwischen zurückgetretene
Trainer des erfolgreichen französischen Fußball-WM-Teams, ein
Freund von Bernard Quilfen, glaubt nicht an einen erneuten Ullrich-Sieg,
sondern an einen Triumph von Cofidis-Profi Bobby Julich:
"Vor 4 Monaten hat es auch keiner geglaubt, als ich gesagt habe, Frankreich
schlägt Brasilien im WM-Finale. Wartet ab bis Paris!"
|
Die letzten 3km des Rennens waren schließlich weit spannender,
als die 183,5km vorher. Das Finish der Spitzengruppe eröffnete
Meinert-Nielsen, der als erster antrat. Desbiens ging nach und konterte
gleich darauf. Rodriguez, der einzige Portugiese im Feld, heftete sich ans Hinterrad von
Desbiens und hinter diesen beiden tat sich gleich ein großes Loch
auf. Doch unter Führung von Stuart O'Grady kamen die anderen
vier Ausreißer 1,5km vor dem Ziel wieder heran.
Den Schlußsprint trugen auf den letzten Metern Giuseppe
Calcaterra und Stuart O'Grady aus. Der Australier, der bereits zwei Tage lang
das Gelbe Trikot getragen hatte, zog im allerletzten Moment noch an
Calcaterra vorbei, obwohl Calcaterra nicht seine Spur hielt und
O'Grady leicht behinderte. Calcaterra wurde deshalb später durchaus zurecht
von der Jury vom 2. auf den 6. Platz gesetzt.
"Auf den letzten 500 Metern habe ich alles gegeben", so ein
überglücklicher O'Grady. "Ich war in einer guten Position
und auf der Ziellinie habe ich mein Rad noch nach vorn geworfen. Das
habe ich auf der Bahn gelernt."
Stuart O'Grady, 24 Jahre alt und aus Adelaide (Australien), ist gelernter
Bahnfahrer. Bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 gewann er die
Silbermedaille in der Mannschaftverfolgung. Bei der Bahn-WM in Hamar 1993
gewann er in dieser Disziplin die Goldmedaille. 1994 wurde er
Straßenprofi.

|
Erik Zabel, der in einem von Rolf Aldag perfekt vorbereiteten
Sprint den Kampf des Feldes um Platz 9 vor Jan Svorada gewann,
konnte seine Führung in der Punktewertung am Sonntag noch ausbauen.
Zabel liegt in |
der Sprinterwertung nun beinahe 100 Punkte vor Svorada.
An der Spitze der Gesamtwertung änderte sich am Sonntag nichts, Ullrich führt
hier weiterhin vor Bobby Julich.
Der Kampf ums Gelbe Trikot beginnt für Jan Ullrich und Bobby Julich
jedoch erst richtig, wenn es am Montag in die Alpen geht. Bei
der schweren Etappe zwischen Grenoble und Les Deux Alpes über
189km stehen der Croix de Fer (2.067m/Ehrenkat.), der Galibier (mit
2.645m das Dach der Tour 98) und die Bergankunft in Deux Alpes auf
dem Programm.
Ullrich gibt sich vorsichtig optimistisch: "Das Team fährt
100prozentig. Das Umfeld ist optimal. Bei der nächsten Etappe wird man
sehen, ob meine Verfassung auch optimal ist. Die ersten 20 der Gesamtwertung
sind morgen meine Konkurrenten. bei der nächsten Etappe wird man sehen."
Stimmen:
Stuart O'Grady (Gan), Etappensieger:
"Auf den letzten 5km hatte ich ein bißchen Angst, als
Desbiens und Rodriguez angegriffen haben. Aber wir sind zurückgekommen
und in den letzten 500 Metern habe meine Sache durchgezogen.
Ich war in einer guten Position und auf der Ziellinie habe ich mein Rad noch nach vorn geworfen. Das
habe ich auf der Bahn gelernt. (...) ich h6auml,tte wirklich nie gedacht,
so eine tour zu fahren. Das Gelbe Trikot und einen Etappensieg. Jetzt muß
ich sehen, daß ich bei den Bergetappen ins Ziel komme."
Jan Ullrich (Telekom), Träger des Gelben Trikots:
"Alles läuft gut, ich habe keine Sorgen. Ich warte ruhig
auf die Alpen. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Team, und selbst
wenn ich nicht in Paris in gelb ankomme, hätte ich nur Lob übrig
für die Mannschaft. Man braucht Glück und Kraft, um das
Gelbe Trikot zu verteidigen."
Giuseppe Calcaterra (Saeco), zunächst Etappenzweiter, dann
deklassiert: "Welch eine Enttäuschung! Ich war schon sicher, gewonnen zu haben, als
O'Grady doch noch vorbeizog. Es ist wirklich zum verrückt werden,
umso mehr, als ich jetzt, wo Mario (Cipollini), für den ich sonst
den Sprint anfahre, nicht da ist und ich selbst meine Chance suchen konnte.
Wenigstens konnte ich beweisen, daß ein Rennfahrer mit 34 Jahren
immer noch in Form sein und bei der Tour glänzen kann."
Bobby Julich (Cofidis), Gesamtzweiter mit 1.11 Min. Rückstand
auf Jan Ullrich: "Bei der ersten Alpenetappe (am Montag) wird vielleicht
die Tour entschieden, jedenfalls kann ich sie da vielleicht gewinnen.
Ich habe viel Respekt vor Ullrich und ich wäre stolz, wenn ich ihn
schlagen könnte. Aber Jan ist in Form, das sehe ich jeden Tag.
Es wäre schon notwendig, daß ich ein bißchen
Vorsprung in den Alpen hole, Jan ist sehr viel stärker beim Zeitfahren."