Erst Streik, dann Hochgeschwindigkeit - Steels gewinnt denkwürdige Tour-Etappe
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24.07.98 - Die 85. Tour de France wird immer bizarrer.
Rennfahrer und Sportdirektoren werden reihenweise verhaftet,
Fernseh-Reporter suchen im Müll vor den Teamhotels
nach Spritzen. Am Freitag ging es in dieser Tonlage weiter. Ein Fahrerstreik
entzweite das Peloton: |
Die einen wollten die 12. Tour-Etappe absagen
aus Protest gegen die "Behandlung wie Vieh", die anderen wollten sie unbedingt
fahren. Ein Mannschaftsleiter ging einem Kollegen aus dem Streikbrecher-Lager
beinahe auch noch vor laufenden Fernseh-Kameras
an den Kragen. Als nach zweistündigem Hickhack doch noch ein Radrennen
gefahren wurde, hatten es die Fahrer eilig: Am Ende kam die drittschnellste
Touretappe aller Zeiten heraus.
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Am Ruhetag am Donnerstag abend hatten sich der Weltranglistenerste
Laurent Jalabert (ONCE) und Ex-Weltmeister Luc Leblanc (Polti) darauf
verständigt, bei der 12. Etappe ein Zeichen setzen zu wollen.
Am Start der Etappe in Tarascon am Freitag Vormittag nach der
Einschreibprozedur weigerten sich dann etwa die Hälfte im Peloton,
das Rennen zu beginnen. Insbesondere die spanischen und italienischen Teams
wollten den Proteststreik. Jalabert trat als der Sprecher der Streikwilligen
auf. "Seit der Sport sekundär geworden ist und wir wie Vieh
behandelt werden, haben wir entschieden, kein Rennen zu fahren",
so Jalabert zu Reportern. "Da sowieso niemand am Rennen interessiert zu sein
scheint, gehen wir nach Hause und ihr könnt ohne uns weitermachen."
Völlig überrascht von der Aktion war die Telekom-Mannschaft.
Ullrich, Riis und Co., die nicht mit der Aktion einverstanden waren,
versuchten in Tarascon vergeblich einige Male, die Rennfahrerkollegen
zum Start zu animieren. Das Pikante daran: Durch einige Äußerungen
zur Dopingthematik hatte sich Telekom in den letzten Tagen sowieso schon
unbeliebt gemacht in der französischen Öffentlichkeit und wohl
auch bei Rennfahrerkollegen. Immer wieder beteuerten Ullrich und seine Kollegen,
daß sie mit Doping absolut nichts im Sinn hätten, aber nicht sagen
könnten, was andere machten. Auch wenn das wohl stimmen mag,
in Resteuropa, und insbesondere im Land von Richard Virenque,
klang das doch wohl eine Spur zu arrogant. Konsequenz: Telekom wurde in Frankreich
zum mit Abstand unbeliebtesten Team.
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Am Rande

Abstimmung mit den Füßen: Allen Skandalen zum Trotz,
die Fans kommen weiter zu Hunderttausenden zur Tour. Wieder
hatten viele humorvolle Transparente und Schilder dabei:
Zum Beispiel: "Trinkt Wein, nicht EPO" und "In bicyclette veritas"...
Kämpfer an zwei Fronten: Am Freitag kämpfte Laurent Jalabert
zunächst für den Streik, danach aber auch im Rennen:
er gewann die Kämpferwertung der 12. Etappe...
Alberto Elli bekam die streikbedingte Startverzögerung
zunächst nicht mit: Wie der Teufel fuhr der Casino-Profi.
Nach drei Kilometern bemerkte der Italiener, daß hinter ihm
keiner nachkam und er kehrte um...
Skandal im Skandal Die vom TV-Sender France 2
gemachten "sensationellen" Funde im Müll des Teamhotels von Asics
erwiesen sich als nicht ganz so dramatisch: Die "Investigativ"-Reporter
hatten Verpackungen von Vitamin- und Mineralienpräparaten entdeckt...
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Da passte es natürlich ins Bild, daß Telekom von Protestaktionen
am Freitag überhaupt nichts wissen wollte. ONCE-Teamchef Manolo Saiz
ereiferte sich in den Diskussionen mit Telekom-Sportdirektor Walter Godefroot
sogar soweit, daß er drauf und dran war, Godefroot vor laufenden Kameras
an den Kragen zugehen. Nur mit Mühe konnten Kollegen den Spanier
zurückhalten.
Zur Ehrenrettung vom Telekom-Team muß man allerdings sagen, daß
das deutsche Team mitnichten alleine war bei der Ablehnung des Streiks.
Im Gegenteil: Nach zweistündigem Hin und Her, wobei der Streikort zwischenzeitlich
vom Ort des "Showstarts" (depart fictif) zum Ort des reellen
Rennstarts (depart réel) verlegt worden war, gab es
schließlich eine Abstimmung unter den 20 Sportdirektoren.
Ergebnis: 14 waren für den Rennstart, nur 6 dagegen. Also
ging es mit fast zweistündiger Verspätung los.
Die spanischen Teams schmollten noch ein wenig, aber letztendlich
stiegen auch Laurent Jalabert und Co. aufs Rennrad.
Den reichlich angesammelten Frust ließ Jalabert dann im Rennen
ab: Bereits 40km nach dem Start attackierte er gemeinsam mit
seinem Bruder Nicolas (Cofidis) und TVM-Profi Bart Voskamp.
Bei KM 123 hatte das Trio einen Vorsprung von 5:20 Minuten
auf das Feld mit dem Gelben Trikot. Da Laurent Jalabert nur
3:01 Min. hinter dem Gesamtführenden Ullrich zurückliegt,
hatte "Jaja" zu diesem Zeitpunkt dem Deutschen das Maillot Jaune
abgenommen und Telekom mußte kräftig arbeiten,
um Jalabert wieder zu holen. "Das habt ihr nun davon", schien
der Mann aus Mazamet mit seiner Aktion sagen zu wollen.
Als Telekoms Arbeit den Vorsprung des Führungstrios auf unter drei
Minuten schmelzen ließ, gab Jalabert seine demonstrative Flucht
auf. Nicolas Jalabert und Voskamp fuhren weiter, wurden aber auch bald
darauf vom Peloton eingefangen.
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Es folgte die Attacke von Jacky Durand (Casino),
der ebenso wie Jalabert absolut sauer war. Gemeinsam mit
Thierry Gouvenou (Big Mat) trat er 25km vor dem Ziel an.
Gouvenou fiel |
nach ca.
10km wieder zurück, aber Durand,
Etappensieger in Montauban, hielt sich gut.
3km vor dem Ziel lag er 28 Sekunden vor dem Feld, wo Mapei
das Tempo machte für ihren Sprinter Steels.
Durand gab alles, aber als 2km vor dem Ziel aufgrund des
Straßenverlaufs der Wind plötzlich von vorn kam,
hatte er praktisch keine Chancen mehr gegen das Feld.
Dennoch war es am Ende ganz eng: Erst 400 Meter vor dem Feld
wurde er eingeholt.
Den Sprint auf der leicht ansteigenden Zielgeraden zog
Jan Svorada (Mapei) für seinen Mannschaftskameraden
Tom Steels an, der am Ende die Nase vor François Simon (Gan)
und Stéphane Barthe (Casino) vorn hatte. Erik Zabel (Telekom)
hatte am Freitag kein Glück. Im Gegensatz
zu einigen Sprints in der ersten Tourwoche
hatte er diesmal taktisch alles richtig gemacht. Sein Pech
war, daß Svorada, dessen Hinterrad sich Zabel
ausgesucht hatte, nicht selbst gesprintet war, sondern nur
für Steels gearbeitet hatte und sich kurz vor dem Ziel zurückfallen
ließ. So mußte Zabel auf den letzten
Metern Svorada noch umkurven und hatte keine Chance auf den Sieg. Auch nicht unbedingt
förderlich für Zabels Sprint war es, daß er kurz zuvor
gestürzt war und sich dabei an Ellbogen und Knie Schürfwunden
zugezogen hatte. Unter diesen Umständen war es eigentlich noch ein kleines Wunder,
daß "Ete" noch auf Platz 5 kam und im Kampf um
das Grüne Trikot weitere wichtige Punkte sammeln konnte.
An der Spitze der Gesamtwertung tat sich am Freitag
erwartungsgemäß nichts. Jan Ullrich führt weiterhin
vor Bobby Julich, Marco Pantani und Laurent Jalabert.
Bei der 13. Etappe, die am Samstag über 196km von
Frontignan nach Carpentras wird Erik Zabel wohl eine weitere
Chance auf einen Sprintsieg erhalten. Bis auf den Col du Murs (Kat.2)
23km vor dem Ziel ist die Etappe völlig flach.
Ergebnisse: Tour de France - 12. Etappe
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