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Pantanissimo!
Ullrich "am Rande einer Katastrophe" - Unglaublicher Roland Meier

22.07.98 - Die 11. Etappe der Tour de France über 170km von Luchon bis zur Bergankunft am Plateau de Beille war eine jener "epischen" Etappen, über die man noch in Jahren sprechen wird. Dabei werden vor allem drei große Rennfahrer in Erinnerung bleiben:
Roland Meier (Cofidis) fuhr eine bravouröse Flucht, ließ sich nicht einmal vom Sturz in einen metertiefen Straßengraben aufhalten und mußte sich am Ende nur dem Etappensieger Marco Pantani (Mercatone) geschlagen geben. Der "Pirat" fuhr eine seiner fantastischen Attacken und flog auf den letzten 10km die Rampen hoch, während Jan Ullrich, der zu Beginn des Schlußanstiegs nach einem Defekt eine brandgefährliche Stituation zu überstehen hatte, abgeklärt das Renngeschehen kontrollierte und sein Gelbes Trikot verteidigte.

Nach dem Start in Luchon um 12:00 Uhr mittags rollte das Peloton zunächst recht gemächlich dahin. An der Bergwertung des ersten Anstiegs des Tages, dem Le Menté (1.322m/1. Kat) nach 28km holte sich der Etappensieger des Vortages Rodolfo Massi (Casino) die Punkte und baute somit seine Führung in der Bergwertung weiter aus.

Kurz vor dem zweiten Berg, dem Portet d'Aspet, folgte ein traurigeres Ereignis. Das Peloton machte Halt am Denkmal für den vor fast genau drei Jahren an dieser Stelle bei der Tour 1995 tödlich verunglückten Fabio Casartelli. Das Feld hielt an, es wurden Blumen am Ehrenmal niedergelegt. Ein besonders bewegender Moment war, als Freunde des Verstorbenen wie Paolo Fornaciari (Saeco) die anwesenden Hinterbliebenen umarmten und die Casartelli-Erinnerungsskulptur küssten.

Das Rennen ging nach der Passhöhe des Portet d'Aspet, wo wiederum Massi vorn dabei war, weiter mit einer Sprintwertung in Castillon-en-Couserans bei KM 62,5. Erik Zabel (Telekom), Träger des Grünen Trikots, sicherte sich die Punkte und "Ette" liegt nun souverän an der Spitze der Punktewertung.

Dann schlug die Stunde von Roland Meier (Cofidis). Nach einer Attacke von Lylian Lebreton (BigMat) bei KM 70 setzten Meier und Jose Javier Gomez (Kelme) nach und das Trio holte schnell einen beträchtlichen Vorsprung auf das Feld. Am Anstieg des la Core (1.395m/Kat 2, KM 79) war Meier zu stark für seine Mitausreißer und der Schweizer ging als erster über die Passhöhe, Gomez folgte kurz dahinter, Lebreton fiel zurück.

Am Rande

Die nächste deutsche Tour-Hoffnung Der erst 21 Jahre alte Jörg Jaksche (Polti) -am Ruhetag feiert er seinen 22. Geburtstag- fährt eine Wahnsinns-Tour. Bei der schweren 11. Etappe am Mittwoch kam er mit gerade mal 4:49 Min. Rückstand zusammen mit Bjarne Riis ins Ziel. In der Gesamtwertung liegt Jaksche nun auf Platz 29, in der Wertung des besten Nachwuchsfahrers auf Platz 5.

Zitat des Tages: "Ich schaue auf die andere Straßenseite." --Laurent Jalabert auf die Frage, was er mache, wenn Pantani attackiert.

Danebengelegen: "Ich finde es nicht normal, daß die anderen Fahrer von Ullrichs Reifenpanne profitieren", ereiferte sich Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage im Ziel. Dabei hatte gar niemand angegriffen, als das Gelbe Trikot wegen der Panne zurückgefallen war. Im Gegenteil, Pantani wartete fair mit seinem Angriff, bis Ullrich wieder dran war.

Bei der Abfahrt vom La Core verbremste sich Roland Meier, nicht verwandt mit dem gleichnamigen Festina-Rennfahrer, und fiel spektakulär über die Leitplanke einen mehrere Meter tiefen Abhang hinunter. Meier, der Glück hatte, da er im Gebüsch relativ weich fiel,
rappelte sich auf, kletterte den Abhang hoch, setzte sich wieder aufs Rennrad und fuhr keine Minute nach dem böse aussehenden Sturz weiter. In Nullkommanichts hatte er Gomez wieder eingeholt als sei nichts geschehen. Einzige Folge von Meiers Mißgeschick: er hatte seine Trinkflasche vergessen; die wurde aber von Cofidis-Sportdirektor Alain Deloeuil
schnell nachgereicht und Meier setzte seinen Teufelsritt fort. Am vorletzten Berg des Tages, dem De Port (1.249m/2. Kat.) gut 40km vor dem Ziel, fiel auch der Spanier Gomez dem wie entfesselt fahrenden Meier zum Opfer. Der Schweizer war fortan allein an der Spitze.

Form-Barometer

Marco Pantani    +++
Jan Ullrich      ++
Laurent Jalabert ++
Bobby Julich     ++
Michael Boogerd  +
Fernando Ecartin +
Luc Leblanc      -
Im Feld, das an der Passhöhe des Port 4:18 Minuten hinter Meier lag, sorgten unterdessen Telekom und Mercatone für ein sehr hohes Tempo, um die Kapitäne Ullrich respektive Pantani in den schweren Schlußanstieg zur Bergankunft in Beille hineinzufahren.

Am Fuß des Anstiegs, 16km vor dem Ziel, erwischte es dann Jan Ullrich. Zum absolut ungünstigsten Zeitpunkt hatte er Defekt, mußte anhalten, auf den Mechaniker warten, während vorn die Gruppe mit Größen wie Michael Boogerd, Marco Pantani und Luc Leblanc die Serpentinen hochfuhren. Im Telekom-Mannschaftswagen brach Panik aus. "Wir kamen einer Katastrophe ziemlich nahe", so Telekom-Sportdirektor Walter Godefroot später. "Jan und die anderen standen plötzlich links am Straßenrand. Sie hätten etwas über Funk sagen sollen. Glücklicherweise sah ich sie im letzten Moment."

Der Telekom-Mechaniker arbeitete blitzschnell. Alle vorn verbliebenen Telekom-Fahrer bis auf Bjarne Riis, der an der Spitze die Stellung hielt, warteten, aber in dieser Phase des Rennens, wo normalerweise die Tagesarbeit der Helfer verrichtet ist und der Kapitän auf sich allein gestellt ist, konnte man Ullrich keine große Hilfestellung bieten. Einzig Georg Totschnig war in der Lage, Ullrich noch etwas Hilfestellung zu bieten. Ullrich blieb zumindest äußerlich völlig ruhig in dieser Situation, die ihm leicht hätte

den Toursieg kosten können. Er jagte dem Feld hinterher, flog an abgehängten Fahrern vorbei und tatsächlich schaffte er es sehr schnell, noch einmal, an die Gruppe der Favoriten heranzukommen. Als habe ihm die beeindruckende Aufholjagd überhaupt nichts ausgemacht, setzte sich Ullrich bereits wenig später an die Spitze der Gruppe, um alles unter Kontrolle zu haben.

Aus der Gruppe heraus hatte inzwischen Manuel Beltran (Banesto) attackiert und lag nun zwischen der Gruppe mit Ullrich und dem immer noch mit gut zwei Minuten Vorsprung führenden Roland Meier.

Marco Pantani, der bis dahin sehr diskret gefahren war, hatte sich unterdessen seines Kopftuchs und seiner Sonnenbrille entledigt. Untrügliches Zeichen dafür, daß eine Attacke des "Piraten" unmittelbar bevorsteht. Und in der Tat: 12km vor dem Ziel griff der Italiener an.

Ullrich versuchte zunächst, an Pantani dranzubleiben. Ein aussichtsloses Unterfangen. "Pantani kann niemand folgen", so Luc Leblanc. Das merkte auch Ullrich schnell und änderte seine Taktik. Der Titelverteidiger behielt seinen Rhythmus und beschränkte sich fortan darauf, den Zeitverlust gegenüber Pantani in Grenzen zu halten.

"Il Pirata" hingegen begann seinen Tanz und hatte schell eine Minute Vorsprung vor der Gruppe Ullrich. Roland Meier, der fast unbemerkt immer noch ganz vorn fuhr, kam Pantani näher und näher.

Ullrich machte hinter Pantani seine Arbeit. Ullrichs Tempoverschärfung ließ die Gruppe zusammenschmelzen. Wer hier mitgehen konnte, gehört zweifelsohne zur Creme de la creme des Radsports. Dies waren der holländische Meister Michael Boogerd (Rabobank), Bobby Julich und Christophe Rinero, beide aus dem wiederum fantastischen fahrenden Cofidis-Team, sowie der Routinier Fernando Escartin (Kelme), der nach der Aufgabe von Abraham Olano die Hoffnungen seiner spanischen Landsleute auf den Schultern trägt.

Sechs Kilometer vor dem Ziel spürte Roland Meier, der Mann des Tages, den Atem von Pantani in seinem Nacken und bald darauf übernahm der Kletterkünstler aus Cesenatico die Spitze des Rennens. In seiner unnachahmlichen Art und Weise kletterte Pantani dem fünften Tour-Etappensieg seiner Karriere entgegen. Freudestrahlend fuhr Pantani schließlich über die Ziellinie. 1:26 Minuten dahinter rettete sich noch Roland Meier auf den zweiten Platz, dicht gefolgt von der Gruppe der Favoriten, denen Pantani 1:33 Minuten abnahm. Ullrich konnte auf den letzten Metern den kleinen Sprint der Gruppe nicht zuletzt wegen seiner kräftezehrenden Aufholjagd 16km zuvor, nicht mitgehen und verlor insgesamt 1:40 Min. auf Pantani.

Nichtsdestotrotz verteidigte Ullrich sein Gelbes Trikot, aber der Titelverteidiger gerät unter Druck. Nur 1:11 Minuten hinter ihm liegt Bobby Julich (Cofidis), der ein bärenstarkes Team um sich hat. Auch Pantani ist mit 3:01 Min. Rückstand vor den Alpen noch längst nicht aus dem Kampf um des Gelbe Trikot. Und daß der "Pirat" auch ein gutes Zeitfahren hinlegen kann, wenn es darauf ankommt, hat er zuletzt beim Giro gezeigt.

Ullrich tauchte nach der 11. Etappe erst mal weg, ging sämtlichen Reporter-Fragen aus dem Weg. Eine für den Ruhetag am Donnerstag vorgesehene Pressekonferenz mit Ullrich sagte Telekom am Mittwoch abend kurzfristig wieder ab.


Stimmen:

Marco Pantani (Mercatone Uno), Etappensieger, Dritter in der Gesamtwertung: "Es ist keine Lüge, wenn ich sage, daß ich nicht 100 Prozent fit bin. Ich bin schon besser gefahren als heute. Ich habe mit dem Antritt gewartet, bis Ullrich nach seiner Reifenpanne wieder zurückkam. Dann bin ich losgegangen, aber ich hatte Höhen und Tiefen bei dem Anstieg. Ich habe zu Beginn der Etappe nur an einen Etappensieg gedacht, aber da ich wieder 1:40 Min. im Gesamtklassement geholt habe, ist das Feld auch noch offen. Ich glaube nicht, daß die anderen die Möglichkeit hatten, Ullrich in Gefahr zu bringen. Auf dem letzten Kilometer hätte ich schneller fahren können, aber ich dachte an die nächsten Etappen."

Rudy Pevenage, Telekom-Sportdirektor: "Ich finde es nicht normal, daß die anderen Rennfahrer von Jans Defekt profitiert haben. Man wird sich daran erinnern... Pantani wird jetzt sehr gefährlich im Gesamtklassement. Im Team sind die Dinge klar: alles fährt für Jan. Sein Defekt hat ihn die Hälfte der Zeit, die er verlor, gekostet."

Roland Meier (Cofidis), Etappenzweiter und 'Mann des Tages': "Ich war mir sicher, daß Pantani mich einholen würde. Ich finde es schade, daß Gomez in der Flucht nicht besser fahren konnte. Zu zweit hätten wir es vielleicht geschafft. Es wird andere Bergetappen geben in den Alpen. Eine davon würde ich gern gewinnen, aber es hängt alles von der Teamtaktik ab jetzt wo Julich so gut plaziert ist."

Bobby Julich (Cofidis), Gesamtzweiter: "Mit den großen Favoriten anzukommen, hatte ich mir nicht einmal erträumt. Ich bedauere nur, daß ich nicht die Gelegenheit hatte, anzugreifen. Ich will jetzt unbedingt meine Chance auf einen Etappensieg suchen und Ullrich vielleicht etwas in Schwierigkeiten bringen. Im Moment bin ich leer, der Ruhetag ist sehr willkommen."

Michael Boogerd (Rabobank): "Gegen Pantani ist nichts zu machen. Ich träume von einem Etappensieg in den Alpen, aber wenn Pantani die Form behält, sollte ich nicht allzu viel erhoffen. Ich möchte in der Gesamtwertung unter den ersten Zehn bleiben."

Giuseppe Di Grande (Mapei): "Ich war sehr durstig auf den ersten beiden Bergen und ich habe den Fehler gemacht, zuviel zu trinken. Danach hatte ich Probleme mit dem Magen und das hat mich geschwächt. Es ist meine erste Tour de France und mir fehlt die Erfahrung."

Jose Maria Jimenez (Banesto): "Ich hatte einen Einbruch heute. Ich habe mich schlecht gefühlt. Vielleicht wegen der Etappe gestern, als wir so schlechtes Wetter hatten. Ich konnte nichts machen."


Ergebnisse: Tour de France - 11. Etappe

21.07.98 Ullrich mit Demonstration der Stärke - Für Pantani beginnt die Tour
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19.07.98 Die "Lokomotive" zieht Durand zum Sieg, Ullrich läßt Desbiens den Vortritt
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16.07.98 Erik Zabel verliert den Sprint und gewinnt das Grüne Trikot
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