
Index
Tour de France
|
Am Fuß des Anstiegs, 16km vor dem Ziel, erwischte es dann Jan Ullrich. Zum absolut ungünstigsten Zeitpunkt hatte er Defekt, mußte anhalten, auf den Mechaniker warten, während vorn die Gruppe mit Größen wie Michael Boogerd, Marco Pantani und Luc Leblanc die Serpentinen hochfuhren. Im Telekom-Mannschaftswagen brach Panik aus. "Wir kamen einer Katastrophe ziemlich nahe", so Telekom-Sportdirektor Walter Godefroot später. "Jan und die anderen standen plötzlich links am Straßenrand. Sie hätten etwas über Funk sagen sollen. Glücklicherweise sah ich sie im letzten Moment." Der Telekom-Mechaniker arbeitete blitzschnell. Alle vorn verbliebenen Telekom-Fahrer bis auf Bjarne Riis, der an der Spitze die Stellung hielt, warteten, aber in dieser Phase des Rennens, wo normalerweise die Tagesarbeit der Helfer verrichtet ist und der Kapitän auf sich allein gestellt ist, konnte man Ullrich keine große Hilfestellung bieten. Einzig Georg Totschnig war in der Lage, Ullrich noch etwas Hilfestellung zu bieten. Ullrich blieb zumindest äußerlich völlig ruhig in dieser Situation, die ihm leicht hätte
Aus der Gruppe heraus hatte inzwischen Manuel Beltran (Banesto) attackiert und lag nun zwischen der Gruppe mit Ullrich und dem immer noch mit gut zwei Minuten Vorsprung führenden Roland Meier.
Ullrich versuchte zunächst, an Pantani dranzubleiben. Ein aussichtsloses Unterfangen. "Pantani kann niemand folgen", so Luc Leblanc. Das merkte auch Ullrich schnell und änderte seine Taktik. Der Titelverteidiger behielt seinen Rhythmus und beschränkte sich fortan darauf, den Zeitverlust gegenüber Pantani in Grenzen zu halten. "Il Pirata" hingegen begann seinen Tanz und hatte schell eine Minute Vorsprung vor der Gruppe Ullrich. Roland Meier, der fast unbemerkt immer noch ganz vorn fuhr, kam Pantani näher und näher. Ullrich machte hinter Pantani seine Arbeit. Ullrichs Tempoverschärfung ließ die Gruppe zusammenschmelzen. Wer hier mitgehen konnte, gehört zweifelsohne zur Creme de la creme des Radsports. Dies waren der holländische Meister Michael Boogerd (Rabobank), Bobby Julich und Christophe Rinero, beide aus dem wiederum fantastischen fahrenden Cofidis-Team, sowie der Routinier Fernando Escartin (Kelme), der nach der Aufgabe von Abraham Olano die Hoffnungen seiner spanischen Landsleute auf den Schultern trägt. Sechs Kilometer vor dem Ziel spürte Roland Meier, der Mann des Tages, den Atem von Pantani in seinem Nacken und bald darauf übernahm der Kletterkünstler aus Cesenatico die Spitze des Rennens. In seiner unnachahmlichen Art und Weise kletterte Pantani dem fünften Tour-Etappensieg seiner Karriere entgegen. Freudestrahlend fuhr Pantani schließlich über die Ziellinie. 1:26 Minuten dahinter rettete sich noch Roland Meier auf den zweiten Platz, dicht gefolgt von der Gruppe der Favoriten, denen Pantani 1:33 Minuten abnahm. Ullrich konnte auf den letzten Metern den kleinen Sprint der Gruppe nicht zuletzt wegen seiner kräftezehrenden Aufholjagd 16km zuvor, nicht mitgehen und verlor insgesamt 1:40 Min. auf Pantani. Nichtsdestotrotz verteidigte Ullrich sein Gelbes Trikot, aber der Titelverteidiger gerät unter Druck. Nur 1:11 Minuten hinter ihm liegt Bobby Julich (Cofidis), der ein bärenstarkes Team um sich hat. Auch Pantani ist mit 3:01 Min. Rückstand vor den Alpen noch längst nicht aus dem Kampf um des Gelbe Trikot. Und daß der "Pirat" auch ein gutes Zeitfahren hinlegen kann, wenn es darauf ankommt, hat er zuletzt beim Giro gezeigt. Ullrich tauchte nach der 11. Etappe erst mal weg, ging sämtlichen Reporter-Fragen aus dem Weg. Eine für den Ruhetag am Donnerstag vorgesehene Pressekonferenz mit Ullrich sagte Telekom am Mittwoch abend kurzfristig wieder ab. Stimmen:
Marco Pantani (Mercatone Uno), Etappensieger, Dritter in der Gesamtwertung:
"Es ist keine Lüge, wenn ich sage, daß ich nicht 100 Prozent fit bin.
Ich bin schon besser gefahren als heute. Ich habe mit dem Antritt
gewartet, bis Ullrich nach seiner Reifenpanne wieder zurückkam.
Dann bin ich losgegangen, aber ich hatte Höhen und Tiefen bei dem Anstieg.
Ich habe zu Beginn der Etappe nur an einen Etappensieg gedacht, aber da ich wieder
1:40 Min. im Gesamtklassement geholt habe, ist das Feld auch noch offen.
Ich glaube nicht, daß die anderen die Möglichkeit hatten,
Ullrich in Gefahr zu bringen. Auf dem letzten Kilometer hätte
ich schneller fahren können, aber ich dachte an die nächsten
Etappen."
Rudy Pevenage, Telekom-Sportdirektor: "Ich finde es nicht normal,
daß die anderen Rennfahrer von Jans Defekt profitiert haben. Man
wird sich daran erinnern... Pantani wird jetzt sehr gefährlich im
Gesamtklassement. Im Team sind die Dinge klar: alles fährt für
Jan. Sein Defekt hat ihn die Hälfte der Zeit, die er verlor, gekostet."
Roland Meier (Cofidis), Etappenzweiter und 'Mann des Tages':
"Ich war mir sicher, daß Pantani mich einholen würde.
Ich finde es schade, daß Gomez in der Flucht nicht besser fahren
konnte. Zu zweit hätten wir es vielleicht geschafft. Es wird
andere Bergetappen geben in den Alpen. Eine davon würde ich gern
gewinnen, aber es hängt alles von der Teamtaktik ab jetzt wo
Julich so gut plaziert ist."
Bobby Julich (Cofidis), Gesamtzweiter:
"Mit den großen Favoriten anzukommen, hatte ich mir nicht
einmal erträumt. Ich bedauere nur, daß ich nicht
die Gelegenheit hatte, anzugreifen. Ich will jetzt unbedingt
meine Chance auf einen Etappensieg suchen und Ullrich vielleicht
etwas in Schwierigkeiten bringen. Im Moment bin ich leer,
der Ruhetag ist sehr willkommen."
Michael Boogerd (Rabobank): "Gegen Pantani ist
nichts zu machen. Ich träume von einem Etappensieg in den
Alpen, aber wenn Pantani die Form behält, sollte ich nicht
allzu viel erhoffen. Ich möchte in der Gesamtwertung unter
den ersten Zehn bleiben."
Giuseppe Di Grande (Mapei): "Ich war sehr durstig
auf den ersten beiden Bergen und ich habe den Fehler gemacht,
zuviel zu trinken. Danach hatte ich Probleme mit dem Magen
und das hat mich geschwächt. Es ist meine erste
Tour de France und mir fehlt die Erfahrung."
Jose Maria Jimenez (Banesto):
"Ich hatte einen Einbruch heute. Ich habe mich schlecht gefühlt.
Vielleicht wegen der Etappe gestern, als wir so schlechtes Wetter hatten.
Ich konnte nichts machen."
Ergebnisse: Tour de France - 11. Etappe |
|
Copyright © 1996, 1997, 1998 by Kersten Volk
Alle Rechte vorbehalten. |