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Serie: 100 Jahre Tour de France (Teil VI)
Legenden: Das Duell Anquetil gegen Poulidor

28.06.03 (rsn) - Die Geschichte der Tour de France wird auch geprägt von den großen Duellen. Der Zweikampf von Anquetil gegen Poulidor faszinierte die Radsportfans in den Sechzigern und das Duell teilte Frankreich in "Anquetilistes" und "Poulidoristes". Der fünffache Toursieger Anquetil wird bis heute bewundert, der ewige Verlierer "Poupou" bis
heute heiß geliebt. Und "eigentlich" hätte der ja auch 1964 die Tour gewonnen...

Anquetil zeigte bereits im zarten Alter von 20 Jahren, als er 1954 in seinem ersten Profi-Jahr beim Zeitfahr-Klassiker "GP des Nations", den er insgesamt neun Mal gewinnen sollte,
bisher erschienen...
  • Teil I: Wie alles begann: Die Idee zur Tour
  • Teil II: Stöpel bis Ullrich: Die Deutschen
  • Teil III: Die erste Tour de France
  • Teil IV: Mythos läßt die Kasse klingeln
  • Teil V: Das erste Gelbe Trikot
  • den großen campionissimo Fausto Coppi bezwang, dass er einmal ein ganz Großer wird. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Poulidor war kein Senkrechtstarter. Er absolvierte mit 20 Jahren erst einmal seinen Militärdienst. Als Poulidor, der von seinen Betreuern behutsam aufgebaut wird, 1962 zum ersten Mal an der Tour de France teilnimmt, steht Anquetil bereits im Zenit seiner Karriere und gewinnt in dem Jahr bereits zum dritten Mal die "große Schleife".

    Zwei Jahre später kommt es zum Höhepunkt im großen Duell zwischen den beiden Franzosen, das in der 20.Etappe gipfelt, die zur Tour-Folklore wurde wie die eigenhändige Gabelreparatur des Eugene Christoph 1913 in der Schmiede von Sainte-Marie-de Campan.

    12. Juli 1964, die 20. Etappe der Tour de France steht an zwischen Brive-la-Gaillard und der Bergankunft am Puy de Dôme im Zentralmassiv. Im Gelben Trikot fährt Anquetil, doch anders als in den Jahren zuvor beträgt sein Vorsprung kurz vor Ende der Tour nur vergleichsweise hauchdünne 56 Sekunden vor dem zweitplazierten Raymond Poulidor, der als Kletterer am giftig steilen Schlussanstieg von Puy de Dôme die besseren Karten hat.

    Anquetil erreicht den Schlussanstieg entkräftet, doch der ausgebuffte "Maître" schafft es dennoch, den braven "Poupou" auszutricksen. Kurz vor einem Schwächeanfall stehend versucht Anquetil nach außen völlig unbeindruckt zu erscheinen. Statt sich an Poulidors Hinterrad zu hängen, fährt er lächelnd neben seinem Erzrivalen. Hans Blickensdörfer schreibt in seinem Klassiker "Tour de France - Mythos und Geschichte eines Radrennens":

      "...als die beiden spanischen Bergkönige Jiminez und Bahamontes ihre Sondernummer einlegen, läßt (Anquetil) sein ganzes Raffinement spielen: 'Jetzt schnappen uns die Spanier auch noch die Zeitvergütung weg!' Dieser Satz (...) irritiert (Poulidor), der hier seinen großen Coup landen will. Wenn der jetzt noch an Zeitvergütung denkt..."
    In der Folge fahren Poulidor und Anquetil Ellbogen an Ellbogen zwei Kilometer nebeneinander dem Ziel entgegen (siehe Foto rechts). Als Raymond Poulidor sich endlich kurz vor der Ziellinie doch noch zum Angriff entschließt, ist
    es bereits zu spät. 42 Sekunden nimmt er dem ausgepumpten Anquetil noch ab, aber zum Gelben Trikot reicht es nicht. Beim Zeitfahren am übernächsten Tag, am Nationalfeiertag zwischen Versailles und Paris schlägt Anquetil der Hass des Publikums entgegen, denn, so Blickensdörfer, "will es an diesem 14. Juli 1964 nicht auch einen König stürzen, dessen Herrschaft zu lange unantastbar war?"

    Doch Anquetils Herrschaft bleibt bei der Tour de


    Tour-Legende: Anquetil (links) und Poulidor bei der 20.Etappe der Tour de France 1964
    France 1964 unangetastet, wenn auch eingefleischte "Poupou"-Fans bis heute genauestens erklären können, warum eigentlich Anquetil dieses Mal hätte verlieren müssen. Die Tour 1957 hatte Anquetil mit fast 15 Minuten Vorsprung gewonnen. 1964 betrug sein Vorsprung auf den zweitplazierten Poulidor in Paris am Ende 55 Sekunden.

    Sogar Soziologen beschäftigten sich damals in Frankreich mit dem Phänomen der Teilung der Leute in "Anquetilistes" und "Poulidoristes". Die Anquetil-Anhänger galten als städtisch, modern und fortschrittlich, die "Poupou"-Fans als eher konservativ und traditionell. Anquetil und Poulidor waren beide, jeder für sich große Rennfahrer. doch in der Sport-Geschichte bleiben ihre Namen für immer miteinander verknüpft. "Wenn ich Poulidor zehn Mal schlage, ist das normal. Wenn er mich aber einmal schlägt, jubeln die Leute und alle Welt spricht darüber", beklagte sich Anquetil einmal. Nach dem Ende ihren Karrieren entwickelten die beiden großen Rivalen auf dem Rennrad eine große Freundschaft zueinander. Jacques Anquetil starb 1987 im Alter von nur 53 Jahren an Krebs. "Siehst Du, selbst im Tod bist Du noch Zweiter", sagte der schwerkranke Anquetil feixend zu Poulidor.

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