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Serie: 100 Jahre Tour de France (Teil I)
"Du bist verrückt! Du bringst die Fahrer ja um!"
Wie alles begann: Ein Mittagessen und die Konkurrenz zweier Zeitungen

18.06.03 (rsn) - Die Idee der Tour de France entstand am 20. November 1902 in einer Brasserie an einem der großen Boulevards in Paris während eines Mittagessens des Zeitungsherausgebers Henri Desgrange mit seinem Mitarbeiter Géo Lefèvre. Desgrange suchte nach Möglichkeiten, die Auflage seiner Sportzeitung L'Auto zu steigern. "Warum kein
Radrennen?", fragte der junge Lefèvre seinen Chef.

Desgranges neues Blatt L'Auto-Velo, das im Winter 1903 von seinem Konkurrenten gerichtlich gezwungen wurde, den Namen in L'Auto zu ändern, stand in Konkurrenz zu dem von seinem Rivalen Pierre Giffard herausgegebenen älteren Magazin Velo . Dieses veranstaltete bereits große Radrennen wie Paris-Brest-Paris und Bordeaux-Paris. Die Idee lag nahe, selbst ein eigenes Radrennen zu gründen, um mit Exklusivberichten die Verkaufszahlen zu steigern.

"Und wenn wir eine Tour de France machen mit mehreren Etappen?", fragte der 25 Jahre alte Géo Lefèvre seinen Chef. "Du bist ja verrückt. Du bringst die Fahrer ja um!", antwortete der damals 37-jährige Desgrange, der selbst ein guter Sportler war. Doch Lefèvre ließ nicht locker. Auf alle Fragen hat er Antworten und er versichert seinem Herausgeber, er werde sich schon um alles kümmern, um Etappenpläne, Organisation, die Unterkünfte und dazu auch noch um die Berichte vom Rennen...

Desgrange zögert zunächst, doch ihm wird klar, dass ein solches Unternehmen durchaus die Auflage seines Magazins steigern könnte. Schließlich gibt er grünes Licht. Am 19. Januar 1903 gibt L'Auto auf der Titelseite die "Gründung des größten Rennens der ganzen Welt" bekannt. Dass das gar nicht mal übertrieben ist, kann damals noch keiner ahnen.

Die Ausrichtung der ersten Tour de France erwies sich komplizierter als gedacht. Sechs Wochen vor dem Start der ersten Tour hatten sich 15 Rennfahrer angemeldet, darunter ein in einer Pariser Vorstadt lebender gebürtiger Italiener Maurice Garin, der später als erster Sieger der Tour de France in die Sportgeschichte eingehen sollte. 15 Fahrer waren natürlich zu wenig und Desgrange erhöhte die Preisgelder, um mehr abenteuerlustige Radrennfahrer anzulocken. Am 30.Juni 1903, am Vorabend des Starts in Montgeron vor den Toren von Paris schreiben sich schließlich 60 Unentwegte ein in die Startliste. Am 1.Juli 1903 machen sie sich in Montgeron (in Paris wurde von der Gendarmerie ein Rennen nicht genehmigt) auf zur ersten Etappe, die nach 467 Kilometern in Lyon endet.

Henri Desgrange ist als der "Gründer der Tour de France" in die Geschichte eingegangen. Am Galibier in den Alpen steht seit bald 60 Jahren ein Denkmal für ihn und dort wird immer wenn die Tour über den Galibier führt, eine Sonderprämie, das "Souvenir Henry Desgrange" ausgelobt. Den Namen von Géo Lefèvre dagegen kennt heute niemand mehr, doch traurig war der bis ins hohe Alter lausbubenhaft wirkende Lefèvre nicht, dass sein Chef den Ruhm davontrug. In den fünfziger Jahren sprach er mit einem französischen Historiker über jenes ominöse Mittagessen im November 1902. Am meisten in Erinnerung geblieben war ihm gar nicht mal so sehr, dass damals die Geburtsstunde der Tour de France war, sondern die Einladung zum Mittagessen durch seinen knickrigen Chef. "Als der Patron zu mir kam und sagte: 'Mon petit Géo, je t'invite à déjeuner (Mein kleiner Géo, ich lade dich ein zum Essen), wurde ich zur großen Attraktion in der Redaktion. Der Chef war doch so ein Geizhals!"

Der sympathisch bescheidene Géo Lefèvre machte auch kein großes Aufhebens um seine Idee einer Tour de France. "Ganz unter uns", sagte er zu seinem Interviewer, "das war keine große Hexerei. Es gab ja schon die Tour de France automobile. Die habe ich einfach kopiert..." Eine gute Idee war es trotzdem...

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Im zweiten Teil: Die erste Tour de France



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