Im Schatten der Pyrenäen ist Jens Voigt der Mann des Tages
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20.07.98 - Leon Van Bon (Rabobank) gewann am Montag die neunte Etappe
der Tour de France. Bei dem Tagesabschnitt über 210km von
Montauban nach Pau hatte sich der niederländische "Radsportler des Jahres"
von 97 bereits nach 40km mit einer kleinen Fluchtgruppe, |
die auf Initiative
von Jens Voigt (Gan) entstand, vom Feld absetzen können.
Voigt fuhr ein bravouröses Rennen:
erst lancierte er die Attacke, aus der die letzendlich erfolgreiche Fluchtgruppe
hervorging, dann arbeitete er am meisten in der Gruppe und im
Schlußsprint wurde er gerade mal um eine halbe Radlänge geschlagen. Freuen konnte er
sich dennoch: Voigt geht mit dem gepunkteten Bergtrikot auf den Schultern
in die schwere Pyrenäen-Etappe am Dienstag.
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Am Start um 12:00 Uhr Mittags in Montauban herrschten Temperaturen
um die 40°C und diese Hitze begleitete das Peloton der 170 Rennfahrer
bis ins Ziel. "Die Etappe war sehr schwer wegen der Hitze", meinte
Laurent Desbiens (Cofidis), der das Gelbe Trikot des Gesamtbesten
bis in die Berge retten konnte.
Hitze hin oder her, bei KM 41 attackierte Jens Voigt (Gan), der
nicht weit vom Startort Montabaun entfernt wohnt, seit er Ende
letzten Jahres zur Gan-Mannschaft gewechselt war.
"Ich habe zunächst nur wegen der Bergpreispunkte attackiert",
so Voigt später. "Dann, als die anderen nachkamen, haben wir weitergemacht."
In der Folge von Voigts Angriff entstand eine 8köpfige Fluchtgruppe
mit Voigt, Stefano Csagranda (Riso Scotti), Servais Knaven (TVM),
Leon Van Bon (Rabobank), Francisco Benitez (Vitalicio),
Christophe Agnolutto (Casino), Alexej Sivanov (Big Mat Auber) sowie
als Aufpasser für seinen in Gelb fahrenden Mannschaftskameraden Desbiens
der Italiener Massi Lelli (Cofidis).
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Am Rande
Wegen der hohen Temperaturen am Montag (bis 40°C im für die
Fahrer nicht vorhandenen Schatten) durften Getränke ausnahmsweise
bis 10km vor dem Ziel gereicht werden. Normalerweise ist dies nur
bis 25km vor dem Ziel erlaubt.
Mario Cipollini gab die Etappe auf. 30km vor dem Ziel
stieg er vom Rad. Im Teamfahrzeug kam er ca. eine Stunde
vor den Rennenfahrern fast unbemerkt ins Ziel.
SuperMario hatte bereits beim Start "vergessen", in der
Startliste zu unterschreiben...
Der Meister Estlands Jaan Kirsipuu (Casino)
fährt nun endlich auch standesgemäß im
blau- schwarz-weißen Meistertrikot seines Landes.
Mit Verspätung kam heute die Trikot-Sonderanfertigung
in Frankreich an.
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Jens Voigt, gebürtiger Berliner, fuhr in seiner Wahlheimat
ein begeisterndes Rennen. Fast ständig führte er. An allen
drei Bergwertungen (4. Kategorie) holte er sich als jeweils Erster
die 5 zu vergebenden Bergwertungspunkte und bereits bei der zweiten Bergwertung
des Tages, am 255m hohen Cote de Loubere (KM 82,5) hatte er den bisherigen
Träger des Bergpreistrikots, Stefano Zanini (Mapei), für diesen
Tag uneinholbar in der Bergwertung hinter sich gelassen.
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Aber das war Voigt noch lange nicht genug. Immer wieder leistete
er unermüdlich die Führungsarbeit in der Ausreißergruppe.
Auch die anderen, mit Ausnahme des Cofidis-Aufpassers Lelli,
arbeiteten mit und die Gruppe ging gut. Kurz nach der
Verpflegungskontrolle (KM 94)
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versuchte Sivanov aus der Gruppe wegzuspringen, aber der Russe wurde
wieder gestellt. Servais Knaven und Stefano Casagranda konnten indes das Tempo
an der Spitze nicht mitgehen und fielen zurück ins Feld.
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Peinlich....
In der "BILD-Zeitung"
erscheint seit Beginn der Tour eine Kolumne von Jan Ullrich.
Am Montag war darin etwa zu lesen:
"Ehrlich - ich habe Angst vor Doping. Ich würde nie meinen Körper
für ein Radrennen kaputt machen. Ich habe schon letztes Jahr
bewiesen, daß es ohne verbotene Medizin geht. Die Forderung nach
der Freigabe aller Doping-Mittel ist völlig daneben.
Die Kontrollen müßten im Gegenteil noch verstärkt werden. Nur so
kriegen wir den Sumpf trocken."
Nanu, Ullrich plötzlich so geschwätzig? Soviel redet der Toursieger
doch sonst in einem ganzen Jahr nicht... Naja,
natürlich hat Jan Ullrich davon kein einziges Wort geschrieben.
Ein "Ghostwriter" schreibt so etwas, Ullrich-Manager Strohband, ein
kleines PR-Genie, segnet es ab, Ullrich kriegt einen schönen Scheck.
Fertig ist das "Ullrich-Tagebuch direkt von der Tour".
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Die restlichen sechs Ausreißer harmonierten jedoch sehr gut und
60 km vor dem Ziel lag die Gruppe 4:45 Minuten vor dem Peloton,
wo sich niemand so richtig für die Tempoarbeit bei dieser großen
Hitze des Tages erwärmen konnte. Außerdem war etwa die
Mannschaft mit dem Gelben Trikot Cofidis von der Tempoarbeit befreit, da
sie ja mit Lelli einen Fahrer vorne hatten. Das Sprinterteam Saeco war
auch nicht mehr bereit zur Nachführarbeit, als Mario Cipollini
in Sichtweite der Pyrenäen die Flügel streckte und sein Rennen
30km vor dem Ziel aufgab.
Kurz nach der letzten Bergwertung des Tages knapp 50km vor dem Ziel
wurde man in der Spitzengruppe nervös. Statt das noch keineswegs
gesicherte Durchkommen der Gruppe mit konzentriertem "Belgischem Kreisel"
anzusteuern, schienen sich die Fahrer in taktischem
Geplänkel zu verzetteln. Agnolutto, Überraschungssieger
der Tour de Suisse 1997,
attackierte, Lelli und Voigt fuhren das Loch zu, aber
Benitez wurde Opfer der ständigen Tempowechseln und fiel
zurück.
Vorn damit nur noch Voigt, Lelli, Agnolutto und Van Bon.
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35km vor dem Ziel war es wiederum Agnolutto, der attackierte und wieder war es
Voigt, der das Loch zufuhr. Agnolutto hatte sich jedoch übernommen,
denn kurz darauf fiel er zurück, konnte die Spitzengruppe nicht
halten, aus der ursprünglichen 8köpfigen Spitzengruppe war
damit 30km vor Schluß ein Trio geworden.
Die Uneinigkeit vorn hatte zur Folge, daß das Peloton
immer näher kam. Aber 10km vor Schluß lag das von Telekom
angeführte Feld immer noch 2:25 Minuten zurück. Damit
hatte die Spitzengruppe -der tapfere Agnolutto hatte sich inzwischen doch
wieder zurückgekämpft- noch genügend Spielraum
für taktische Finessen im Kampf um den Tagessieg.
Jens Voigt bog als Erster auf die Zielgerade. Die erfahreneren
Lelli und vor allem Van Bon behielten die Nerven und dachten gar nicht daran,
daß Hinterrad von Voigt zu verlassen. So hatte Voigt,
der erst im letzten Jahr beim australischen Giant-Team von
Heiko Salzwedel seine Profikarriere begann, letztlich keine Chance
im Finish. Van Bon ging cool an Voigt auf den letzten Metern
vorbei. Erstaunlich jedoch, daß der Deutsche trotz
allem dennoch beinahe die Nase vorn gehabt hätte. Nach einer
150km-Flucht, bei der er am meisten gearbeitet hatte, reichte
am Schluß noch die Kraft für einen Sprint. Gerade mal
eine halbe Radlänge lag Van Bon, WM-Dritter im letzten Jahr,
am Ende vorn. "Für mich ist der Sieg heute wichtiger
als der dritte Platz in San Sebastian", so Van Bon.
"Ich möchte Voigt danken", so der sympathische Sportler aus
dem niederländischen Appeldoorn weiter. "Er hat die meiste Arbeit
gemacht bei der Flucht."
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Voigt war aber nicht traurig über seinen zweiten Platz:
"Es ist besser, als mitten im Feld anzukommen."
In der Bergwertung jedoch war Gan-Profi Voigt nicht mehr die
Führung zu nehmen. Freudestrahlend zog er das gepunktete
Trikot auf dem Podium über.
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Im Gesamtklassement änderte sich auf den vorderen Plätzen am Montag nichts.
Laurent Desbiens führt weiterhin 14 Sekunden vor Andrea Tafi (Mapei).
Jan Ullrich liegt mit 3:21 Rückstand auf Platz 5. Nach der
super-schweren Pyrenäen-Etappe mit Aubisque (Ehrenkategorie),
Tourmalet (Ehrenkat.), Aspin (1. Kat) und Peyresourde (1. Kat) am Dienstag
wird sich hier jedoch mit Sicherheit einiges ändern.
Stimmen:
Jens Voigt (Gan), der Animator des Tages:
"Ich habe zunächst nur wegen der Bergpreispunkte attackiert.
Dann, als die anderen nachkamen, haben wir weitergemacht. Ich wußte, daß man
im Feld müde war und daß wir eine gute Chance hatten, bis ins Ziel
zu kommen. Am Schluß habe ich viel gearbeitet, weil ich Angst hatte,
daß Feld k&oumL,nnte uns doch noch holen. Ich habe den zweiten Platz und
das ist besser, als mitten im Feld anzukommen. Jedenfalls wußte ich,
daß ich im Sprint nicht schnell genug sein würde. Aber bei
einer Ankunft mit 5 Fahrern ist alles möglich."
Leon Van Bon (Rabobank), Etappensieger:
"Was mich heute hat leiden lassen, war die Hitze. Ich habe 10 Flaschen
getrunken. Ich bin froh, heute hier zu sein, denn am Sonntag hatte
ich einen dummen Sturz, als ich über eine Flasche fuhr.
Ich möchte Voigt danken. Er hat heute die meiste Arbeit gemacht in der
Fluchtgruppe. Für mich ist der Sieg heute wichtiger, als der dritte
Platz bei der WM. Trotz der ganzen Aufregung in der letzten Woche,
habe ich versucht konzentriert zu bleiben."
Mario Cipollini (Saeco), heute aufgegeben.
"Nach dem Zeitfahren am Samstag habe ich Magenprobleme bekommen.
Heute, während der Etappe konnte ich nicht essen. Ich hatte
keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mal bis ins Ziel fahren. Dieses
Jahr wollte ich die Tour wirklich zu Ende fahren. Ich hatte eine
gute Kondition. Es ist schade."
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