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Die "Lokomotive" zieht Durand zum Sieg, Ullrich läßt Desbiens den Vortritt

19.07.98 - Jacky Durand (Casino) gewann am Sonntag bei tropischen Temperaturen die 8. Etappe der Tour de France. Nach 190,5km von Brive nach Montauban, bei denen die "Lokomotive" Andrea Tafi (Mapei) die Hauptarbeit der letztlich erfolgreichen Fluchtgruppe machte und am Schluß auch noch eher unfreiwillig für Tagessieger Durand den Sprint anzog, konnte Cofidis-Profi Laurent Desbiens das Gelbe Trikot
überstreifen. Jan Ullrich und seine Telekom-Truppe machten "Dienst nach Vorschrift", führten zwar pflichtgemäß im Peloton, aber verausgabten sich nicht im Kampf um ein Maillot Jaune, das vor den Pyrenäen zumindest für den Titelverteidiger mehr Last als Lust bedeutet. "Ich kann nicht immer oben stehen, ich freue mich für Frankreich, meine Zeit kommt hoffentlich noch", so Ullrich nach der Etappe.

Bei KM 76 hatten Jacky Durand (Casino), Frederic Guesdon (FdJ), Joona Laukka (Lotto) und Laurent Desbiens (Cofidis) die Initiative ergriffen und attackiert. Guesdon fiel später wieder zurück, aber von hinten fuhren Phillippe Gaumont (Cofidis), Andrea Tafi (Mapei), Eddy Mazzoleni (Saeco) und Fabio Sacchi (Polti) in die Gruppe hinein. So bildete sich schließlich eine siebenköpfige Fluchtgruppe.

Diese Fluchtgruppe arbeitete gut, einzig Mazzoleni, der die Interessen des Sprinters seines Teams, Mario Cipollini, wahren wollte, beteiligte sich nicht an der Führungsarbeit. Der Italienische Meister Andrea Tafi, wegen seines Fahrstils manchmal auch "locomotiva" genannt, machte Mazzoleni jedoch mehr als wett. Tafi arbeitete für zwei.

Am Rande

Getränke-Service: Eine Neuerung bei der Tour 98 ist die Motorrad-"Getränkebar", die bei schweren Etappen die Fahrer zusätzlich mit Wasser versorgt. Das ist schneller und auch ungefährlicher, als wenn jedes Mal der Mannschaftsleiter im Fahrzeug nach vorne muß.

Phillippe Gaumont (Cofidis) erhielt Besuch von seiner Familie am Start der achten Etappe. Mit dabei: Sein Hündchen, dem gleich eine Cofidis-Rennkappe verpasst wurde.

Frühaufsteher waren gezwungenermaßen die Teams Telekom, Casino, Polti, Gan, ONCE und Rabobank. Schon am frühen morgen standen die "Vampire" vor den Hotelzimmern, um die Routine-Blutproben zu nehmen. Alle Ergebnisse übrigens negativ.

23 Kilometer vor dem Ziel lag die Fluchtgruppe, aus der sich inzwischen Gaumont, der viel gearbeitet hatte, verabschieden mußte, satte 9:32 Minuten vor dem Peloton. Spätestens ab da begannen Desbiens, der in die Etappe mit 4:30 Min. Rückstand gegangen war, und auch Tafi (4:54 Rückstand) vom Gelben Trikot zu träumen.

Im Feld fiel Telekom, die mit Ullrich das Gelbe Trikot im Team hatten, die Verantwortung für die Nachführarbeit zu. Hin und wieder halfen auch ONCE und Rabobank mit, aber sonst fühlte sich an diesem ungeheuer heißen Tag, kein Team bemüßigt, viel zu arbeiten. Telekom führte auch im Peloton zumeist, aber der große Wille war nicht da. "Wir werden nicht das Gelbe Trikot mit allen Mitteln verteidigen", hatte Godefroot bereits am Vorabend gesagt. Dementsprechend geriet niemand beim Telekom-Team in Panik, als die Ausreißer 20km vor dem Ziel uneinholbare 8 Minuten Vorsprung hatten.

Noch keine Entscheidung über die Kapitänsrolle

Trotz des relativ schlechten Abschneidens von Bjarne Riis beim Zeitfahren am Samstag ist im Telekom-Team offiziell noch keine Entscheidung darüber gefallen, wer die Kapitänsrolle innehat.

Telekom-Sportdirektor Walter Goodefroot: "Jan kann ja auch mal einen schlechten Tag haben, ein Sturz, was weiß ich. Bei der Tour kann alles passieren. Ich weiß auf jeden Fall, daß Bjarne selbst entscheidet. Letztes Jahr ist er am Abend nach der Etappe in Andorra zu mir gekommen, hat gelächelt und gesagt: 'Jan ist der stärkere'. Gestern ist er nicht mit so einer Botschaft zu mir gekommen. Es ist auch noch viel zu früh, um jemanden einzuschätzen."

In der Spitzengruppe begann 5 km vor dem Ziel, als von hinten keine Gefahr mehr drohte, der Kampf um den Tagessieg. Als erster trat Joona Laukka an. Der Finne, letztes Jahr fuhr er bei Festina, setzte sich von seinen Mitausreißern ab und einen Moment sah es so aus, als wäre er durch. Aber der unermüdliche Andrea Tafi machte wieder ordentlich Tempo und 2.000 Meter vor dem Ziel war auch Laukka wieder eingefangen.

Es folgte ein hochspannendes Finale, vor allem auch, weil eigentlich keiner aus der Fluchtgruppe ein besonders guter Sprinter war. 1.500 Meter vor dem Ziel gab es richtige Stehversuche und jeder belauerte jeden.

Kurz hinter der flamme rouge trat dann ausgerechnet Eddy Mazzoleni an, der unterwegs am wenigsten gearbeitet hatte in der Fluchtgruppe. Andrea Tafi fuhr das Loch zu und 500 Meter vor dem Ziel war immer noch alles offen, einzig Joona Laukka, der für seinen Antritt 5km vor dem Ziel bezahlen mußte, fiel zurück und kam nicht mehr für den Tagessieg in Frage.

300 Meter vor dem Ziel zog Andrea Tafi den Sprint an. Jacky Durand heftete sich an sein Hinterrad und hatte wenige Meter vor der Ziellinie keine Mühe. aus dem Windschatten von Tafi kommend den Tagessieg zu holen. "Tafi ist 300 Meter vor dem Ziel angetreten. Als ich an ihn heran kam, wußte ich, daß ich gewinnen würde", so Durand nach der Etappe.

Das Peloton mit Ullrich und allen Favoriten kam 7:45 Minuten nach dem Sieger ins Ziel. Den Sprint des Feldes um Platz 8, bei dem es noch einmal um 13 Punkte für das Grüne Trikot zu holen gab, gewann Erik Zabel vor Sergej Ivanov (TVM) und Jan Svorada (Mapei).

Der 31 Jahre alte Etappensieger Jacky Durand, Gewinner u.a. der Flandernrundfahrt 1992, des Tourprologs 1995 und der 10. Etappe (Cahors) der Tour 96, holte den ersten französischen Tagessieg bei der Tour 98. "Nach dieser Etappe wird man die Festina-Sache endlich vergessen", so Durand, der 1996 selbst einmal "positive" Probleme mit Dopingproben hatte.

Das Gelbe Trikot ging an Laurent Desbiens, der nun 14 Sekunden vor Tafi in der Gesamtwertung liegt. Ullrich liegt nun hinter Durand und Laukka auf dem 5. Platz der Gesamtwertung. Während der deutsche Titelverteidiger in den Bergen Desbiens, Tafi und Durand sicherlich nicht zu fürchten braucht, ist der Finne Joona Laukka ein guter Mann am Berg. Von Laukka, der im vergangenen Jahr als Wasserträger von Richard Virenque immerhin noch auf einen 35. Gesamtrang kam, dürfte man am Sonntag nicht zum letzten Mal etwas gesehen haben.

"Am Montag werde ich versuchen, das Trikot vor den Pyrenäen zu verteidigen", so Desbiens. Die neunte Etappe führt über 210km von Montauban in den den traditionellen Etappenort Pau. Kein schlechtes Omen für Erik Zabel, der am Sonntag seine Führung in der Punktewertung noch leicht ausbauen konnte. In Pau holte Zabel im Vorjahr einen Etappensieg.


Stimmen:

Jacky Durand (Casino), Etappensieger: "Ich freue mich, daß Laurent Desbiens das Gelbe Trikot geholt hat. Laurent ist ein Freund. Es war von Beginn an eine sehr schwere Etappe aufgrund der Hitze. Normalerweise hätte ich 5 Kilometer vor dem Ziel attackiert, aber das war unmöglich bei dem Gegenwind. Im Sprint dachte Tafi, er sei nicht zu schlagen. Er ist 300 Meter vor dem Ziel angetreten. Als ich an ihn heran kam, wußte ich, daß ich gewinnen würde. Nach dieser Etappe wird man die Festina-Sache endlich vergessen. Die Zeit des Sports beginnt wieder."

Laurent Desbiens (Cofidis), neuer Träger des Gelben Trikots: "Großes Merci an Phillippe (Gaumont). Er hat alles getan, damit ich Gelb holen kann. Er ist ein großer Freund. Schon seit vielen Jahren, teilen wir bei Rennen das Zimmer. Ich hatte eigentlich gar keinen so großen Ehrgeiz am Anfang. Zunächst ging es nur um einen Etappensieg. Dann, mit den Kilometern, kam das Maillot Jaune immer mehr ins Blickfeld. Am Montag werde ich versuchen, das Trikot vor den Pyrenäen zu verteidigen."

Phillippe Gaumont (Cofidis): "Als unsere Flucht sieben Minuten vorne lag, dachte ich ans Gelbe Trikot. In den letzten 25 Kilometern hatte ich nichts mehr in den Beinen. Ich habe viel gearbeitet heute. Ich habe das dem Team geschuldet. Es war unser Tag."

Andrea Tafi (Mapei): "Ich fühle mich gut. Ich werde weiterhin versuchen, bei allen Fluchtgruppe mitzugehen. Ich möchte im Trikot des Italienischen Meisters eine Etappe gewinnen. Die Etappe am Montag ist auch interessant für mich, umso mehr, als ich nur 14 Sekunden hinter dem Gelben Trikot liege."


Ergebnisse: Tour de France - 8. Etappe

18.07.98 Jan Ullrich auf dem Weg zu Toursieg Nr. 2, Telekom dominiert die Tour
17.07.98 Erik Zabels fehlendes "Gefühl zur Distanz" verhilft Cipollini zu Sieg Nr. 2
16.07.98 Erik Zabel verliert den Sprint und gewinnt das Grüne Trikot
15.07.98 Festina-Skandal macht Sprintsieg von Blijlevens zur Nebensache
14.07.98 Heppner durchkreuzt die französischen Hoffnungen am 14. Juli
13.07.98 Drama um Chris Boardman überschattet Zabels Triumph in Gelb
12.07.98 Steels schlägt Zabel, Cipollinis Träume zerplatzen 9km vor dem Ziel
11.07.98 Der Prolog-König schlägt wieder zu: Chris Boardman gewinnt Tour-Prolog








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