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16.07.98 - Beim Schlußsprint der 5. Etappe der Tour de France
in der Blumenstadt Chateauroux konnte man fast glauben, Erik Zabel
sei von Mario Cipollini als Helfer engagiert worden: Zabel zog
weit vor dem Ziel den Sprint an und verhalf Mario |
Cipollini, der
aus Zabels Windschatten kommend leichtes Spiel hatte, zu seinem
ersten Tour de France-Etappensieg des Jahres. Aber Zabel brauchte
sich überhaupt nicht grämen: Die Übernahme des
Grünen Trikots entschädigte den Deutschen Meister reichlich für
die erneute Sprint-Niederlage. Im Gesamtklassement
konnte Stuart O'Grady (Gan) seine Führung verteidigen.
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Beim Start am Mittag in Cholet, wo man im Ville du Tour liebevoll gestaltete
riesige Figuren von Richard Virenque und anderen französischen
Radstars aufgebaut hatte, passte das trübe Wetter zur
Stimmung. Der Festina-Skandal lastet weiter ungeheuer auf der
Frankreich-Rundfahrt. Nicht nur die Rennfahrer von Festina,
wo nach der Verhaftung von Bruno Roussel
(RADSPORT-NEWS.COM berichtete) nun DS-Assistent
Michel Gros die Leitung übernommen hat, sind von den Ereignissen
bedrückt. Der Schatten des Skandals nimmt der Tour die
Fröhlichkeit. "Mit der Tour geht es bergab", titelte
das Tour-"Zentralorgan" L'Equipe.
Tatsächlich ist die Tour nun schon so weit gekommen,
daß es vor der Etappe eine Meldung wert war, daß
Festina startete.
Die erste wichtige sportliche Meldung des Tages kam dann
nach 80 km des Rennens, als Aart Vierhouten (Rabobank) nach dem zweiten
Bonifikationssprint antrat und sich vom Feld absetzen konnte.
Der Holländer kam schnell vom Peloton weg und hatte
bei KM 94 bereits eine Minute Vorsprung. Im Feld machten
sich Thierry Gouvenout (BigMat) und Fabio Roscioli (Asics)
auf und schon bald konnten die beiden zu Vierhouten
aufschließen.
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Top
Ehrung Die Etappenankunft in Chateauroux ist auch die Hommage an
einen ehemaligen Tour-Helden. Aus dem Ort stammt
Marcel Dussault, der 1949 die erste Etappe der Tour gewann und
einen Tag das Gelbe Trikot trug. Dussault, der noch heute
mit seinen 72 Jahren täglich bis zu 40 Kilometer auf
dem Rad fährt, war einer der Radfahrer, die in
Jaques Tatis legendärer Komödie "Jour de fete"
eine Rolle spielten.
Fans stehen weiter hinter Virenque und seinem Team:
Zwischen Cholet und Chateauroux gab es viele, viele
Schilder wie "Allez Virenque" und "Richard, wir sind mit dir"
Flop
Die Unberührbaren... Ein örtlicher Polizist traute sich beim Start nicht,
sich von Richard Virenque ein Autogramm zu holen: "Ich hätte
schon gern eins gehabt, aber wenn ich hingehe, wird es vielleicht
wie eine Provokation aussehen."
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Das Führungstrio harmonierte gut und nicht zuletzt auch
dank des vorzüglichen Rouleurs Roscioli konnte der Vorsprung
aufs Feld nach und nach vergrößert werden.
75km vor dem Ziel lag das Feld knapp vier Minuten zurück.
Thierry Gouvenou "trug" zu diesem Zeitpunkt das |
Maillot Jaune virtuel,
d.h. er lag rechnerisch an der Spitze der Gesamtwertung.
Dies rief natürlich die Mannschaft von Stuart O'Grady (Gan),
des tatsächlichen Trägers der Gelben Trikots auf den Plan.
Die Gan-Mannschaft machte im Feld ordentlich Tempo und folgerichtig
begann der Vorsprung von Roscioli und Co. zu schmelzen.
30 Kilometer vor dem Ziel hatte das Ausreißertrio nur
noch knapp 90 Sekunden Vorsprung und im Feld, wo inzwischen die
Teams der Sprinter (TVM, Saeco, Telekom) das Kommando übernommen
hatten, nahm man schon etwas das Tempo zurück, da der
Zusammenschluß noch etwas herausgezögert werden sollte.
Werden Ausreißer vom Feld zu früh gestellt, besteht immer
die große Gefahr, daß der ein oder andere Rennfahrer auf
die Idee kommt, aufs neue eine Attacke zu fahren, die dann
so kurz vor dem Ziel richtig gefährlich werden könnte.
Das Feld hielt sich an den Fahrplan und stellte den Zusammenschluß
mit der Fluchtgruppe erst 13 km vor dem Ziel her.
Damit war alles gerichtet für eine Massensprint-Entscheidung
und das Finale konnte beginnen.
5 Kilometer vor dem Ziel sorgten Riso Scotti, Saeco und
TVM im Feld für ein irrsinniges Tempo. Wenig später
reihte sich auch die US Postal-Truppe hinzu, die die Chance sah,
George Hincapie mit den Zeitgutschriften einer guten Etappen-Plazierung
in das Gelbe Trikot zu bringen.
In rasender Fahrt bog das Feld 1,6km vor dem Ziel auf die extrem lange
Zielgerade. Erik Zabel trat als Erster bereits 250 Meter vor dem
Ziel an. Mario Cipollini setzte sich an das Hinterrad von Zabel
und kam kurz vor dem Zielstrich aus dem Windschatten von Zabel.
Mit einem unwiderstehlichen Antritt ging der Italiener am Deutschen Meister
vorbei und gewann mit gut zwei Radlängen vor Erik Zabel.
"Ich habe den Sprint als Erster angezogen, um dem Gedränge hinten
zu entgehen", so Zabel später. In der Tat überschlugen
sich die Ereignisse hinter Zabel im wahrsten Wortsinn.
Silvio Martinello (Polti) kam zu Fall und verletzte sich dabei.
In ersten Meldungen hieß es, er habe sich das Becken gebrochen.
Jann Kirsipuu (Casino) und Jan Svorada (Mapei) wurden später nach diesem
turbulenten Finale wegen irregulären Sprintens deklassiert
und auf den letzten bzw. vorletzten Tagesrang gesetzt.
Auch zwischen Cipollini und Zabel gab es nach der Zieldurchfahrt
noch einen kleinen Streit. Der eine fühlte sich vom jeweils
anderen etwas unfair bedrängt.
Letztlich waren jedoch sowohl Cipollini als auch Zabel über
ihre Tagesergebnisse hochzufrieden. "Cipolla" konnte endlich den
Etappensieg verbuchen, der ihm in den Tagen zuvor aufgrund
von Stürzen mehrmals durch die Lappen ging. Und Erik
Zabel, der zweimalige Gewinner des Grünen Trikots, hatte
wieder einmal "sein Trikot" übernommen. Große Hoffnungen,
das Sprinter-Trikot wie in den beiden Jahren zuvor wieder bis
nach Paris zu bringen, hegt Zabel allerdings nicht.
"Man hats ja in den letzten Tagen gesehen, wir sind ein bißchen
berglastig", so formulierte Zabel etwas verklausuliert seine Kritik
an der Sprintvorbereitung durch sein Team. Zabel weiter: "Das Gelbe Trikot von
Bjarne oder Jan hat für das Team natürlich Priorität
und damit auch für mich. Wir werden sehen, ob wir das (Grüne)
Trikot behalten können oder nicht."
Stimmen:
Mario Cipollini (Saeco), Etappensieger:
"Seit der ersten Etappe habe ich gehofft, zu gewinnen.
Und ich hatte auch auf das Gelbe Trikot gehofft, nachdem ich
beim Prolog gut gefahren war. Aufgrund der Umstände konnte ich
dann nie am Ende mitsprinten. Entweder ich war in einen Sturz
verwickelt oder es gab eine Fluchtgruppe. Bei der Tour kämpft jeder,
selbst um den dritten und vierten Platz wird noch gesprintet.
Einige nehmen extreme Risiken in Kauf für Platz Drei oder Vier.
Es ist schön, daß ich heute meinen erste Etappe bei dieser
Tour gewonnen habe, aber ich bin ein bißchen enttäuscht über
meinen Tourbeginn. Ich habe vom Start weg gut gearbeitet und ich wollte
eigentlich auch die Früchte meiner Arbeit ernten."
Stuart O'Grady (Gan), Träger des Gelben Trikots:
"Ich hatte einen kleineren Sturz nach 80km. Ich habe mich
am Oberschenkel und am linken Knie verletzt. Nichts Ernstes, aber es
ist schmerzhaft. Durch den Regen war das Rennen sehr gefährlich.
Am Freitag soll der Kurs noch schwieriger sein. Aber ich verlasse
mich auf mein Team. Wenn meine Kollegen so Arbeiten wie heute,
dann glaube ich, daß ich auch noch am Freitag
im Gelben sein werde."
Richard Virenque (Festina):
"Wir haben den ganzen Tag an (den verhafteten Festina-Sportdirektor)
Bruno Roussel gedacht. Es gibt keine Festina-Angelegenheit.
Beim Rennen, hat es ganz gut geklappt mit (den Roussel-Vertretern)
Michel Gros und Miguel Moreno in den Fahrzeugen der Sportdirektoren."
Armin Meier (Festina):
"Wir konzentrieren uns auf das Rennen und nicht auf den Rest.
Wir sprechen nur noch über den Sport. Ich fahre meine
erste Tour de France mit dem Team und es ist nicht leicht für mich."