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Festina-Skandal macht Sprintsieg von Blijlevens zur Nebensache

15.07.98 - Der Niederländer Jeroen Blijlevens (TVM) gewann am Mittwoch die vierte Etappe der Tour de France im Sprint vor Nicola Minali (Riso Scotti) und Jan Svorada (Mapei). Der Sieg von "Jerommeke", der seit 1995 in jedem Jahr eine Tour-Etappe gewinnen konnte, wurde indes vom Festina-Dopingskandal in
den Hintergrund gerückt. Vor und nach dem Rennen drehte sich alles nur noch um die Affäre, die mit der Verhaftung eines Festina-Masseurs vergangene Woche begonnen hatte. Am Mittwoch abend eskalierte die Situation im Zielort Cholet : Ermittlungsbeamte durchsuchten das Festina-Hotel, Sportdirektor und Mannschaftsarzt wurden von der Polizei abgeholt.

Die Festina-Affäre beherrscht inzwischen bereits morgens alles im Ville du Tour, dem abgesperrten Bereich, wo Journalisten, Rennfahrer und Fans, die ein VIP-Ticket ergattern konnten, vor dem Etappenstart fröhlich und locker miteinander plaudern und normalerweise eine sehr nette Atmosphäre herrscht. Am Mittwoch morgen in Plouay hielten sich zunächst hartnäckig Gerüchte, daß Festina-Sportdirektor bereits am frühen Morgen von der Polizei abgeholt worden sei. Als Bruno Roussel dann doch im Festina-Bus entdeckt wird, ist dies fast eine Enttäuschung für viele Journalisten, bei denen inzwischen medizinische und juristische Grundkenntnisse fast mehr gefragt sind, als Erfahrung in Sachen Renntaktik.

Dann wurde am Mittwoch aber dennoch ein Radrennen gestartet. Nach dem Depart fictif auf der Allée principale um 11:10 Uhr rollte das Peloton zunächst knapp 2km durch die Straßen von Plouay bis zur Stadtgrenze, wo das Rennen dann auch offiziell gestartet wurde.

Worte des Tages:

"Warten auf die Bombe" - Überschrift einer Meldung der Agentur AP zum Etappenstart.

"Was würdest Du sagen, wenn Du lesen müßtest, daß Deine Frau mit einem anderen schläft und es ist gelogen?" --Richard Virenque zu den Presse-Berichten über die Festina-Affäre.

"Das ganze Peloton soll auf der Hut sein" --Ein Ermittlungsbeamter in der Festina-Affäre

"So kann das nicht drei Wochen weitergehen." -- Roger Legeay, Spordirektor von Gan und AIGCP-Präsident.

Die ersten Rennstunden wurden geprägt vom Kampf um die Punkte und Zeitbonifikationen, die es bei den Zwischensprints zu verdienen gibt. Die erste Sprintwertung in Plumelec (KM 62) gewann Stuart O'Grady (Gan) vor Erik Zabel (Telekom) und George Hincapie (US Postal). Diese erste Sprintwertung hatte bereits große Auswirkungen: O'Grady war mit drei Sekunden Rückstand aufs Gelbe Trikot in die Etappe gegangen, somit reichte dem Australier die 6-Sekunden-Zeitbonifikation um rechnerisch das Maillot Jaune zu übernehmen. Als der bisherige Träger des Gelben Trikots, Bo Hamburger, eher ein Bergspezialist, auch beim zweiten Zwischensprint bei KM 102 hilflos zuschauen mußte, wie O'Grady sich weitere sechs Sekunden holte, war der Kampf um das Spitzenreiter-Trikot für diesen Tag bereits entschieden: O'Grady würde am Ende der Etappe in Gelb sein, wenn ihm nichts unvorhergesehenes mehr passierte.

Top

Aufmunterung Der arg gebeutelte Festina-Sportdirektor Bruno Roussel konnte wenigstens einmal am Mittwoch lächeln: Fans hielten ein Schild hoch mit der Aufschrift "Bruno, die Bretonen sind mit Dir"



Flop

Geschwindigkeitsübertretung Zwar dürfen die Rennfahrer zur Not auch mal mit 60km/h auf ihren Rennrädern durch die Ortschaft rasen, aber die Werbekarawane, die vor dem Peloton herfährt muß sich an die normalen Verkehrsregeln halten. Dies geschah in den letzten Tagen jedoch allem Anschein nach nicht. Die Tour-Organisatoren kündigten jetzt Radarkontrollen an.

Jacky Durand (Casino) und Damien Nazon (FdJ) nutzten den zwischenzeitlichen Antiklimax nach ihrem Geschmack: Zusammen gingen die Franzosen nach 110 Kilometern dem Feld auf und davon. Bis Km 198 gelang es den beiden, 3:40 Minuten auf das Peloton herauszufahren. Dann aber begannen wieder die Sprinterteams im Feld zu arbeiten und bei dieser längsten aller Etappen waren noch 54 km zu fahren. Die Chancen von Durand und Nazon, durchzukommen, gingen gegen null. Trost für Durand: er sammelte Zeitbonifikationen beim dritten Zwischensprint und weitere Punkte für die Kämpferwertung, die Durand nun unangefochten anführt.

Durand und Nazon fuhren zwar tapfer weiter, aber das Peloton kam immer näher. Die Teams Gan und Mapei arbeiteten im Feld, wobei es Andrea Tafi (Mapei) einmal mit der Tempoarbeit so übertrieb, daß es selbst einem Mannschaftskollegen zuviel wurde und zu Tafi vorfuhr, um ihn ein wenig in seinem Eifer zu bremsen.

Knapp 25 Kilometer vor dem Ziel war das Abenteuer von Durand und Nazon vorüber, Echapee terminé vermeldete der Streckenfunk. Nazon mußte in der Folge für seine Anstrengungen bezahlen. Der Franzose fiel durch das Feld "wie ein Backstein", wie es in solchen Fällen immer so schön heißt. Am Ende kam Nazon als Letzter 4:27 Minuten nach dem Sieger ins Etappenziel.

Vorne im Feld begannen unterdessen die Vorbereitungen auf den sich ankündigenden Massensprint. Cipollinis Saeco, Zabels Telekom, Martinellos bzw. Guidis Polti und Blijlevens TVM hielten das Tempo so hoch, daß niemand an eine späte Flucht zu denken brauchte.

Knapp drei Kilometer vor dem Ziel brachte dann ein Massensturz die Sprintvorbereitungen durcheinander. In einer 90 Grad-Kurve touchierten sich zwei Rennfahrer, stürzten und brachten eine Reihe weiter Fahrer zu Fall und blockierten die Straße. Wie bereits bei der ersten Etappe
war auch Mario Cipollini in den Sturz involviert und der italienische Supersprinter konnte schließlich wieder nicht in das Sprintfinale eingreifen.

Telekom-Starsprinter Erik Zabel hingegen kam ebenso wie die Sprinter Minali, Baldato, Blijlevens, Svorada, Moncassin und Steels unversehrt durch und in dieser Gruppe mußte die Tagesentscheidung fallen.

Henninger-Sieger Fabio Baldato (Riso Scotti) zog den Sprint als Erster für seinen Teamkollegen Nicola Minali an. Blijlevens hielt sich in Minalis Windschatten, während sich Svorada wiederum an Blijlevens Hinterrad hielt. Zabel befand sich weiter hinten an 6.- 7. Position und hatte am Ende keine Chance mehr, in die Entscheidung einzugreifen. Bereits weit vor dem Ziel ließ Zabel am Ende ausrollen.

Jeroen Blijlevens hingegen war genau richtig positioniert. Aus dem Windschatten von Minali kommend entschied der Holländer den Massensprint für sich. "Jerommeke" setzte so für sich eine kleine Tradition fort. Seit 1995 hat der 26jährige bisher in jedem Jahr eine Touretappe gewonnen, jedes Mal in der ersten Woche der Tour.

Nach den Siegerehrungen für Tagessieger Blijlevens und den neuen Träger des Gelben Trikots Stuart O'Grady geriet das sportliche Geschehen dann jedoch schnell wieder in den Hintergrund. Was am Morgen nur ein Gerücht war, wurde zur Realität: Um 17:15 Uhr erschienen Polizei-Beamte aus Lille bei Festina-Sportdirektor Bruno Roussel und "baten" ihn auf das Kommissariat in Cholet. Auch Festina-Arzt Dr. Eric Ryckaert wurde einbestellt. Außerdem wurde bekannt, daß die Zimmer von Rennfahrern und Teamleitung im Mannschaftshotel von Festina in Cholet bereits während des Tages von Beamten durchsucht worden waren. Inzwischen ist auch der Sponsor, der Uhrenhersteller Festina SA (Andorra), zum ersten Mal vorsichtig vom Team abgerückt. "Wenn die Vorwürfe stimmen, wird das Unternehmen den Sponsorenvertrag mit sofortiger Wirkung kündigen", hieß es in einem Statement, das vom Chef der Festina SA, Miguel Rodriguez, höchstpersönlich unterschrieben war.


Stimmen

Jeroen Blijlevens (TVM), Etappensieger. "Ich habe gern lange Etappen, da kann ich meine Stärken am Besten zur Geltung bringen. Meine Beine sind auch noch nach 250km gut. Und dann verlasse ich mich auf mein Team. Wir waren am Schluß noch 5 - 6. Für einen Sprinter ist das sehr beruhigend. Ich habe dem Sturz 3 Kilometer vor dem Schluß ausweichen können. Im Finish habe ich dann das Hinterrad von Minali genommen, der war sehr gut plaziert. Ich freue mich sehr über den Sieg. Dies ist meine vierte Tour und jedes Mal habe ich eine Etappe gewonnen."

Stuart O'Grady (Gan), neuer Träger des Gelben Trikots. "Ich hatte schon am Dienstag die Gelegenheit, das Gelbe Trikot zu holen, da hat es nicht geklappt. Ich habe in der Nacht nicht gut geschlafen, weil ich immer daran gedacht habe. Das ganze Team hat mit dabei geholfen, die Bonifikationen zu holen. Ich war beteiligt bei dem Sturz drei Kilometer vor dem Ziel. Glücklicherweise sah mich Backstedt und wartete auf mich. Wir machten die letzten drei kilometer zusammen. Ich war sehr besorgt, weil ich wußte, das Gelbe Trikot hing an ein paar Sekunden. Es ist der größte Moment meiner Karriere. Wenn ich bei Gan bin, dann wegen (Gan-Sportdirektor) Roger Legeay. Er mag auch den Bahnsport und läßt mich meine kleine Bahn-Karriere fortsetzen. Für mich ist er ein ganz großer Sportdirektor."

Roger Legeay, Sportdirektor von Gan. "Wir werden das Trikot von Stuart verteidigen. Es ist ein großes Glück, mit diesem Jungen zu arbeiten. Ich bin ein bißchen so etwas wie sein Vater. Er ist 23.000km von zu Hause weg."


Ergebnisse: Tour de France - 4. Etappe

14.07.98 Heppner durchkreuzt die französischen Hoffnungen am 14. Juli
13.07.98 Drama um Chris Boardman überschattet Zabels Triumph in Gelb
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