Index
News-Übersicht
Ergebnisse
Teams
Rennkalender
Features

Tour de France
Giro d'Italia
Vuelta a Espana
Weltcup
UCI-Rangliste

Newsletter









Die Tour am Abgrund
Festinafahrer "gestehen", Fahrer streiken, Jetzt auch TVM vor dem Ausschluß, Le Monde fordert Abbruch der Tour

24.07.98 - Der 24. Juli 1998 versprach vor drei Wochen ein für Radsportjournalisten eher ruhiger Tag zu werden. Die 222km einer typischen Übergangsetappe zwischen Pyrenäen und Alpen ließen keine Sensationen erwarten. Ein Irrtum.

"Die Tour de France 1998 ist vorbei. In Wahrheit hat sie niemals begonnen", hieß es im Leitartikel der französischen Tageszeitung Le Monde am Freitag. "Dieses Mal sollte das Spektakel nicht weitergehen. Die Rennfahrer sollten anhalten und ihr Gewissen erforschen."

Der Tag begann mit einer neuerlichen Wendung im Festina-Dopingskandal. Drei der neun Fahrer, die am Donnerstag von den Ermittlungsbehörden in Lyon zu dem Dopingskandal befragt wurden, gaben den Gebrauch des Dopinghormons EPO zu. "Ja, ich habe gesagt, daß ich EPO genommen habe und warum und wie ich es genommen habe und sie haben mich dann gehen lassen", so der Schweizer Festina-Profi Armin Meier gegenüber dem französischen Radiosender France Info.

"Ich habe die Wahrheit gesagt. Ich habe gesagt, was ich genommen habe, aber ich kann nicht für andere sprechen, weil ich nicht weiß, was die machen", so Meier weiter. "Im Inneren fühle ich mich besser, weil ich die Wahrheit gesagt habe. Vielleicht ist das besser für den Sport."

Neben Armin Meier gaben auch Christophe Moreau und Weltmeister Laurent Brochard zu, verbotene Substanzen eingenommen zu haben und auch sie konnten die Polizeistation in Lyon daraufhin verlassen.

Festina-Fahrer wurden wie Schwerverbrecher behandelt

Um 14:00 Uhr am Donnerstag kamen die 9 Festina-Rennfahrer zur Polizeistation in Lyon. Zehn Minuten später wurden Virenque, Zülle und Co. informiert, daß sie festgenommen seien. Es folgte die "normale" Prozedur: sie wurden durchsucht, sie mußten sich nackt ausziehen. Später wurden sie in Einzelzellen gebracht. Von dort wurden sie einer nach dem anderen von Polizeibeamten zur Vernehmung abgeholt. "Ich wurde in eine Zelle gesteckt, ohne Wasser. Zwei Stunden lang ohne daß ich wußte, was passiert", so Armin Meier über seine Erlebnisse in Lyon.

"Die Fahrer wurden in Zellen gesperrt, die nach Urin und Exkrementen stanken", so Marc Biver, der Manager von Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier.

"Ich habe viel an Alex Zülle gedacht", so Armin Meier nach seiner Freilassung. "Ein Weltklassefahrer wie er hat so etwas nicht verdient."

Die anderen sechs Festina Fahrer, Richard Virenque, Pascal Hervé, Didier Rous, Laurent Dufaux, Neil Stephens und Alex Zülle wurden hingegen auch am Freitag zunächst noch weiter vernommen. Am späten Freitag nachmittag erklärte Zülle-Manager Marc Briver im Züricher Radio "24", daß auch Zülle und Dufaux den Gebrauch von Doping zugegeben hätten. "Sie haben dasselbe gemacht wie Meier", so Briver. "Ansonsten würden sie wahrscheinlich jetzt noch im Gefängnis sitzen."

Die französische Polizei scheint inzwischen völlig die Verhältnismäßkeit der Dinge aus den Augen verloren zu haben. Die Festina-Rennfahrer wurden wie Schwerverbrecher behandelt. "Ich mußte mich nackt ausziehen und sie haben dabei gelacht", berichtete Armin Meier. "Ich wurde in eine Zelle gesteckt, ohne Wasser. Zwei Stunden lang, ohne daß ich wußte, was passiert."

Unterdessen geraten nun weitere Tour-Mannschaften unter Druck. Gegen Mitglieder der holländischen Mannschaft TVM eröffneten französische Ermittlungsbehörden eine Untersuchung. zwei TVM-Offizielle wurden von Ermittlern in Pamiers am Ruhetag der Tour vernommen, nachdem in einem Hotel, in dem TVM-Fahrer übernachtet hatten, Dopingprodukte gefunden worden waren. Bereits im März diesen Jahres hatte der französische Zoll bei einer Kontrolle in einem TVM-Teamfahrzeug Dopingsubstanzen (EPO) gefunden.

Die Entwicklung im TVM-Fall beginnt dem Festina-Skandal zu ähneln. Wie jetzt bei TVM, hatte es auch bei Festina zunä,chst stets geheißen, "im Moment" sei ein Ausschluß der Mannschaft nicht aktuell. Kurz darauf wurde Festina disqualifiziert. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, müß wohl auch TVM ausgeschlossen werden. "Wenn sie gegen die Regeln verstoßen haben, wird TVM sofort ausgeschlossen", sagte Tourdirektor Jean Marie Leblanc am Freitag.

Am Donnerstag abend meldete dannn auch noch ein französischer Fernsehsender, Reporter hätten im Müll vor dem Mannschaftshotel der Asics-Mannschaft Spritzen und Verpackungen von Arznei-Mitteln gefunden. Später stellte sich heraus, daß die Reporter Verpackungen von Vitamin- und Mineralienpräparaten gefunden hatten.

Den Rennfahrern war dies schließlich zuviel. Laurent Jalabert organisierte eine Solidaritätsaktion am Freitag Mittag vor Beginn der 12. Etappe. "Wo der Sport jetzt sekundär geworden ist und wir wie Vieh behandelt werden, haben wir beschlossen, nicht zu fahren", so Jalabert am Startort in Tarascon. Es folgten lange Gespräche zwischen den Fahrern und den Tourorganisatoren. Dann ging es zunächst los, aber Minuten später stoppte das Peloton wieder. Fast zwei Stunden lang standen die 148 Rennfahrer in der prallen Sonne. Die Etappe stand vor dem Abbruch.

Schließlich wackelte am Ende doch wieder die Solidarität der Rennfahrer und es wurde noch ein Rennen gefahren. The show must go on.


19.07.98 Tourdirektor Leblanc: Festina ist nicht der Alleinschuldige
18.07.98 "Ein Beben" - Reaktionen auf die Festina-Disqualifikation
18.07.98 Festina: Das Ende, Tour-Disqualifikation
Der Festina-Skandal: Chronologie der Ereignisse
14.07.98 Der Tour-Dopingskandal: Festina - Bösewichter oder Sündenböcke?
13.07.98 Presse-Rummel bei Festina-Ankunft auf Flughafen Brest
11.07.98 Der Tour-Skandal: Festina-Pfleger hatte Auto voll mit Dopingmitteln








Copyright © 1996, 1997, 1998 by Kersten Volk
Alle Rechte vorbehalten.
www.radsport-news.com