Festina: Das Ende
Roussel gab Doping zu - "Organisiertes Doping" bei Festina -
Tour-Disqualifikation
18.07.98 - Am Freitag abend um genau 22:50 Uhr platzte die Bombe: Mit versteinertem Gesicht
verkündete der Direktor der Tour de France Jean-Marie Leblanc,
daß zum ersten Mal in der 95jährigen Geschichte der
Frankreich-Rundfahrt eine Mannschaft ausgeschlossen worden ist.
Nachdem der in Lille in U-Haft einsitzende Ex-Festina-Sportdirektor
Bruno Roussel am Freitag nachmittag zugab, daß bei Festina
seit langem systematisch gedopt würde, reagierte die Tour-Organisation
schließlich knallhart: Richard Virenque und Co., die von der
Entscheidung in ihrem Hotel im 10km vom Etappenort Brive entfernten
Varetz erfuhren, können die Koffer packen.
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"Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, daß es bei Festina
Doping gab und das sogar von oben organisiert", so Leblanc,
der zusammen mit Maartin Bruin, dem obersten Rennkommissar der Tour de France
vor der Weltpresse erschienen war. Die Tour-Direktion berief sich
bei diesem in der Geschichte der Tour einmaligen Vorgang auf
Artikel 29 des Tour-Regelwerkes, der alle Teilnehmer der Tour
zu ethisch einwandfreiem Verhalten verpflichtet.
Am Freitag nachmittag war bereits bekannt geworden, daß der
inzwischen ins nordfranzösische Lille gebrachte Bruno Roussel,
bis zu seiner Verhaftung Sportdirektor von Festina, bei Vernehmungen
zugegeben hatte, daß es Doping bei Festina gegeben habe.
Roussel hat nach Angaben seines Anwalts weiterhin zugegeben,
daß sowohl Team-Ärzte und -pfleger als auch
die Direktion des Teams aktiv an den Doping-Aktivitäten
mitgewirkt hätten.
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Dramatischer Tag: 17.07.1998
Freitag nachmittag: Der Anwalt des in Lille in U-Haft einsitzenden
suspendierten Festina-Sportdirektors Bruno Roussel teilt mit,
daß sein Mandant vor der Polizei zugegeben habe, daß bei
Festina schon seit längerer Zeit organisiertes Doping betrieben worden sei. Dabei
hätten die Team-Direktion, die Teamärzte und Pfleger
eng zusammengearbeitet, um die Fahrer mit Doping-Produkten zu versorgen.
Der Staatsanwalt in Lille sagt, die Festina-Rennfahrer könnten
weiterhin an der Tour teilnehmen, man wolle sie erst nach dem Ende der
Tour "als Zeugen" befragen.
17:00 Uhr - Zielankunft der 6. Etappe der Tour de France.
Festina-Rennfahrer Pascal Hervé wird mit dem Berg-Trikot
auf dem Podium geehrt und fährt dann zusammen mit seinen
Teamkollegen ins 10km entfernte Teamhotel in Varetz.
Ca. 20:30 Uhr - Nach dem Abendessen begeben sich die Festina-Fahrer
auf ihre Zimmer.
21:00 Uhr - Die Direktion der Tour de France trifft sich
in Brive zur Krisensitzung.
22:40 Uhr - Die Sitzung ist beendet.
22:50 Uhr - In einer kurzfristig anberaumten
Pressekonferenz erklärt Tour-Direktor Jeam-Marie Leblanc,
daß Festina mit sofortiger Wirkung von der Tour
ausgeschlossen sei.
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Ziel sei es gewesen, so Roussel, die Leistung der Rennfahrer
unter strenger medizinischer Kontrolle zu "optimieren".
Damit habe man "wildes", d.h. unbeaufsichtigtes und damit
sehr viel gefährlicheres Doping der einzelnen Fahrer
verhindern wollen.
Bruno Roussel sitzt weiterhin in Untersuchungshaft in Lille.
Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage im wesentlichen
auf die strengen französischen Anti-Doping-Gesetze,
die Anstiftung und Beihilfe zu Doping-Maßnahmen
unter Strafe stellen.
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Neun Tage im Juli
Mi., 8. Juli 1998 - Der Belgier Willy Voet (53), ein Masseur des
Festina-Teams, wird in den frühen Morgenstunden
an der französisch-belgischen Grenze
in der Nähe von Lille vom Zoll kontrolliert. Die Beamten
finden Unmengen von Doping-Substanzen und -Hilfsmittel.
Der Mann wird sofort verhaftet.
Am selben Tag noch wird am Sitz der Festina-Mannschaft in Meyzieu bei Lyon
eine Hausdurchsuchung durchgeführt.
Sa., 10. Juli 1998 Tourstart in Dublin. Die ersten Meldungen
über die Verhaftung des Festina-Masseurs erscheinen.
Bruno Roussel erklärt:
"Das Team hat sich nichts vorzuwerfen. Ich möchte, daß die Untersuchung
schnell durchgeführt werden kann. Wenn ich von der
Untersuchungsbehörde als Sportdirektor einvernommen werden
sollte, werde ich in aller Ehrlichkeit aussagen."
So., 11. Juli 1998 - Tour-Direktor
Jean-Marie Leblanc sagt: "Wir können erst handeln, wenn
die Untersuchungen abgeschlossen sind."
Di., 14. Juli 1998 - Willy Voet sagt aus, er habe
auf Anweisung der Festina-Teamleitung gehandelt. Festina
streitet das ab.
Mi., 15. Juli 1998 - Bruno Roussel und Festina-Arzt
Dr. Ryckaert werden unmittelbar nach der Zielankunft der 4. Etappe
der Tour de France in Cholet verhaftet. Die Hotelzimmer der Festina-Mannschaft
werden von Polizei-Beamten durchsucht.
Jean-Marie Leblanc sagt, "im Moment" käme ein Ausschluß, von Festina
nicht in Frage.
Do. 16. Juli 1998 - Das Präsidium der UCI
suspendiert Festina-Sportdirektor Bruno Roussel. Assistenz-DS
Michel Gros übernimmt die Teamleitung.
Die Rennfahrer von Festina gehen an den Start der 5. Etappe.
Tourchef Jean-Marie Leblanc sagt: "Sofern nichts neues in der Festina-Angelegenheit
hinzukommt, betrifft die Sache die Rennfahrer nicht."
Fr. 17. Juli 1998 - Bruno Roussel gibt zu, daß bei
Festina systematisch gedopt wurde.
Die Direktion der Tour de France verkündet den Auschluß
der Festina-Mannschaft.
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Der belgische Festina-Masseur Willy Voet, dessen Verhaftung
Mitte vergangener Woche (RADSPORT-NEWS.COM berichtete)
den Skandal ausgelöst hatte, bleibt ebenfalls weiterhin
in Lille in U-Haft. Voet hatte ausgesagt, er habe ähnliche
Doping-Einkaufstouren auf Anweisung von Festina-Chef Roussel
bereits zuvor unternommen.
Noch offen ist, wie die Polizei überhaupt auf Voet
gekommen ist. Beobachter halten eine Zoll-Routine-Kontrolle
für höchst unwahrscheinlich. Noch rätselhafter
ist jedoch, warum Festina überhaupt insbesondere Anabolika
und Wachstumshormone zur Tour de France bringen wollte.
Diese Dopingsubstanzen haben Langzeitwirkung und sind im
Wettkampf selbst absolut sinnlos, ganz davon abgesehen,
daß Anabolika bei den strengen Tour-Dopingkontrollen auch
sofort nachgewiesen würde.
"Wir hoffen, daß diese schwierige Entscheidung
heilsam für die Tour und den Radsport insgesamt ist
und wir dem unschönen Klima, das die Tour seit dem Start
in Dublin begleitet, ein Ende setzen konnten", so Leblanc
am Freitag abend.
Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht,
ist indes zweifelhaft. Unmittelbar nachdem die Entscheidung
bekannt worden war, wurden bereits Spekulationen laut,
eventuell müsse die ganze Tour abgebrochen werden.
Auch wenn dies sicher unrealistisch ist, werden
in der Dopingfrage die Diskussionen jetzt erst richtig beginnen.
Dies wäre dann allerdings ein positiver Nebeneffekt.
Viel zu lange schon wird in der Radsportszene Doping als
ein Kavaliersdelikt behandelt. Wenn bereits Hobbyfahrer und
Kinder den bewunderten Profi-Stars nacheifern wollen, und
ihre Hausärzte um ein Rezept für EPO bitten,
ist irgendetwas irgendwann vollkommen aus dem Ruder gelaufen.
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Der Festina-Skandal: Chronologie der Ereignisse
14.07.98 Der Tour-Dopingskandal: Festina - Bösewichter oder Sündenböcke?
13.07.98 Presse-Rummel bei Festina-Ankunft auf Flughafen Brest
11.07.98 Der Tour-Skandal: Festina-Pfleger hatte Auto voll mit Dopingmitteln