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Der Tour-Dopingskandal: Festina - Bösewichter oder Sündenböcke?

14.07.98 - Als ob das Festina-Team nicht schon genug unter Druck stünde: Am Dienstag schrieb die französische Zeitung Aujourd'hui, der festgenommene Festina-Masseur Willy Voet habe bei der Polizei ausgesagt, er hätte auf Anordnung des Teams gehandelt. Ein gefundenes Fressen gerade auch für die deutsche Presse. Mit der bangen Schlagzeile "Betrug an Ullrich?" machte der Kölner Express schon vor Tagen seinen Bericht über den Skandal auf. Aber ist das Team von Richard Virenque nicht vielleicht selbst das größte Opfer der ganzen Affäre?

Der Belgier Willy Voet, geb. am 4. Juli 1945, und seit einigen Jahren als Masseur und Pfleger ("soigneur") in Diensten von Festina war vergangene Woche bei einer Kontrolle des französischen Zolls an der belgisch-französischen Grenze unweit von Neuville-sur-Ferrain angehalten worden. Dabei entdeckten die Beamten wahre Mengen an Dopingssubstanzen, u.a. Anabolika, Hormonpräparate und Maskierungsmittel (RADSPORT-NEWS.COM berichtete).

Zur Zeit ist noch unklar, ob Voet in eine Routine-Kontrolle geraten ist oder ob er schon seit längerem von den Ermittlungsbehörden beobachtet wurde. Es wurde bereits spekuliert, die Polizei habe einen Tip bekommen von dem Ex-Festina-Angestellten, der nach dem "Fall Moreau" vor wenigen Wochen entlassen wurde. Sicher ist, daß gegen Willy Voet inzwischen Anklage erhoben wurde wegen Schmuggelns "verbotener Produkte" und "illegaler Verbreitung von verbotenen Produkten". Sicher ist auch, daß Voet ausgesagt hat, er habe auf Anweisung von der Festina-Teamleitung gehandelt. Festina-Sportdirektor Bruno Roussel bestreitet dies. Vieles spricht dafür, daß Roussel die Wahrheit sagt.

  • 1. Ist ein so großes, professionell geführtes Team wirklich so dumm, eine ganze Wagenladung verbotener Substanzen in einem offiziellen Teamfahrzeug mit leuchtender Tour-de-France-Lackierung durch halb Europa zu kutschieren?

  • 2. Was hätte die Mannschaft eigentlich mit den Dopingsubstanzen während der Tour anfangen sollen? Anabolika und Wachstumshormone helfen (vielleicht) beim langfristigen Leistungsaufbau, im Wettkampf selbst nutzen sich jedoch nichts mehr, ganz davon abgesehen, daß sie bei den regelmäßigen Kontrollen auch schnell festgestellt würden.

  • 3. Die von dem Festina-Angestellten mitgeführten EPO-Mengen (250 Einheiten) hätten "ausgereicht um eine Dialyse-Station mehrere Wochen lang zu versorgen" (Telekom-Arzt Dr. Heinrich). Wäre das nicht etwas zuviel für neun Rennfahrer in knapp drei Wochen?

Eigentlich deutet alles darauf hin, daß Willy Voet die Dopingsubstanzen nicht für das Festina-Team herbeischleppte. Viel wahrscheinlicher ist, daß er vorhatte, die Mittelchen auf eigene Rechnung während der Tour de France an interessierte Kundschaft zu verkaufen.

Ein "Skandal" ist natürlich auch das. Auch ein "Festina-Skandal", denn der Teamleitung ist auf jeden Fall anzurechnen, daß sie solche zwielichtige Gestalten wie den festgenommenen Belgier in der Mannschaft hat. Einem kleinen Team aus der zweiten Reihe könnte man so etwas vielleicht noch als szenetypische Dummheit durchgehen lassen, dem in der UCI-Weltrangliste führenden Team mit Millionen-Etat aber darf so etwas einfach nicht passieren.

Allerdings ist das aufgeregte Geschrei der Medien nun auch nicht angebracht. Radsport ist nun einmal in Sachen Doping mehr als vorbelastet. Joviale Bekundungen a la "unser Jan der macht so etwas nicht" mögen wohl zutreffen, zeugen aber vor allem von der Angst davor, mit dem Thema Doping offen umzugehen. vor allem der Angst davor, TV-Quoten, Auflage, Sponsoren -kurzum: Geld- zu verlieren.

Nicht erst seit Tom Simpson in den sechziger Jahren tot vom Rad fiel wird in Rennfahrer-Kreisen versucht, mit dem ein oder anderen Mittelchen nachzuhelfen. Bis in die neunziger Jahre hinein

Offizielles Statement der Anwälte von Festina (Auszüge*)

1. Die Direktion von Festina ist verwundert und besorgt über die Veröffentlichung von "legalen" Informationen in bestimmten Presse-Organen. Der Inhalt dieser Informationen ist nicht verifizierbar und unterminiert die Stellung des Teams. Die Veröffentlichung dieser Informationen steht im Widerspruch zur Geheimhaltung, die nach Recht und Gesetz bei einer solchen Untersuchung erforderlich ist.

(...)

3. Die Direktion des Festina-Teams widerspricht in aller Form den Behauptungen des Pflegers, sie habe ihn beauftragt, Substanzen zu besorgen, die vom Gesetz oder Regularien der Tour de France verboten sind.

4. Die Direktion des Festina-Teams hat die Anwälte Msr. Thibault de Montbrial und Msr Jean-Pierre Mignard beauftragt, jedwede erforderlichen juristischen Schritte einzuleiten, um das Bild von Festina und seinen Rennfahrern zu schützen und die Wahrung ihrer Interessen zu gewährleisten.

*) Hinweis: Diese Übersetzung des französischen Original-Textes ist keine genaue, juristisch einwandfreie Übersetzung!

war in Rennfahrerkreisen die augenzwinkernde Haltung verbreitet, wer noch nicht eine Dopingsperre abgesessen habe, sei noch kein "richtiger" Rennfahrer. Man kann dies bedauern oder verurteilen, aber es ist nun einmal die Realität. Und wenn man die Schönheit des Radsports bewundern will, muß man auch diese Schattenseite des Sports sehen.

Festina nun zum Sündenbock zu machen ist allerdings bequemer.


13.07.98 Presse-Rummel bei Festina-Ankunft auf Flughafen Brest
11.07.98 Der Tour-Skandal: Festina-Pfleger hatte Auto voll mit Dopingmitteln








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