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Der Tour-Skandal:
Festina-Pfleger hatte Auto voll mit Dopingmitteln
- Auf dem Weg zum Tour-Start verhaftet
Festina-Chef: "Wir haben uns nichts vorzuwerfen"

11.07.98 - Die Tour de France 1998 hat noch vor dem Start ihren ersten handfesten Skandal. Am Donnerstag morgen wurde ein Helfer der Festina-Mannschaft an der belgisch-französischen Grenze kontrolliert. Die Zollbeamten fanden bei dem Mann, der in einem Festina-Mannschaftsfahrzeug auf dem Weg nach Dublin war, über 400 Ampullen und Flaschen mit EPO und anderen Doping-Substanzen. Der Festina-Angestellte, der die meisten der verbotenen Substanzen in Deutschland gekauft hatte, wurde sofort verhaftet. Festina-Chef Bruno Roussel lehnte in einer ersten Stellungnahme jede Verantwortung für den Vorfall ab: "Das Team hat sich nichts vorzuwerfen", so Roussel am Samstag. Auch die Tour-Organisatoren wollten sich zunächst nicht zu möglichen Konsequenzen äußern. Tour-Direktor Jeam-Marie Leblanc: "Lassen Sie uns erst die Dinge aufklären. Wir haben noch keine bestätigten, offiziellen Informationen."

Am Donnerstag morgen war der Belgier Willy Voet (53), ein Betreuer und Masseur des Festina-Teams, der aus Deutschland kam und über Calais nach Dublin reisen wollte, mit einem als offiziellen Festina-Tour de France-Teamfahrzeug gekennzeichneten Auto in der Nähe von Lille vom französischen Zoll gestoppt und kontolliert worden. Dabei fanden die Zollbeamten zunächst einige Hundert Gramm verbotener Dopingmittel. Bei einer genaueren Inspektion des Fahrzeugs fanden die Zollbeamten später 400 Ampullen und Behältnisse mit verschieden Dopingssubstanzen. U.a. wurden auch 250 Einheiten des berüchtigten Dopinghormons EPO gefunden. Außerdem wurden Spritzen und andere Hilfsmittel gefunden. In Agenturberichten wurde von einer "fahrenden Apotheke" gesprochen.

Der Festina-Masseur wurde verhaftet und ist zur Stunde in Polizeigewahrsam in Lille. Bis zu 4 Tage kann er ohne richterlichen Beschluß inhaftiert bleiben. In Agenturberichten hieß es, noch am Donnerstag sei in einem Haus des Festina-Teams in der Nähe von Lyon eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden. Auch dort sind dem Vernehmen nach verdächtige Substanzen sichergestellt worden.

Fahrende Apotheke

Was der Zoll bei dem Festina-helfer fand:

  • 250 Einheiten von EPO, einem Hormon, das die Bildung von roten Blutkörperchen stimuliert. Nicht nachweisbar. Seit einiger Zeit wird bei Radrennen der Hämatokrit-Wert (Anteil der roten Blutkörperchen im Blut) bei medizinischen Checks gemessen. Hat ein Rennfahrer einen Hämatokrit-Wert von mehr als 50 Prozent, deutet dies auf EPO-Mißbrauch hin. EPO wird normalerweise bei Dialyse-Patienten verwendet. Der Festina-Mann hatte u.a. das EPO-Produkt "Neorecormon 2000" (Hersteller Böhringer Mannheim) dabei.
  • Weiterhin hatte der Mann Wachstumshormone (Handelsname Saizen, Hersteller Böhringer Mannheim) dabei und
  • das männliche Geschlechtshormon Testosteron (Handelsname des Produkts Pantestone). Testosteron ist ein "beliebtes" Dopingmittel, das die Muskelbildung verstärkt und vor allem die Erholungsfähigkeit enorm verbessert.
  • Außerdem wurden neben Spritzen und anderen Hilfsmitteln das Arzneimittel "Hyperlipen" gefunden. Dieses Medikament soll Trombosen vorbeugen. Trombose ist eine der gefährlichsten Nebenwirkungen von EPO-Doping.
  • Festina-Sportdirektor Bruno Roussel lehnte zunächst jeden Kommentar ab. Erst am Samstag mittag äußerte sich Roussel im französischen TV-Sender France 2: "Ich habe die Informationen aus der Presse erfahren", so Roussel in einer ersten Stellungnahme. "Ich wußte vorher nichts davon, daß, dieser Pfleger vom Zoll mit verbotenen Substanzen erwischt wurde. Ich habe auch keine offiziellen Informationen über die Durchsuchung (in Lyon), aber ich habe Informationen, daß dort nichts bedeutendes oder ernstes gefunden wurde. Es ist eine schwere Situation für die Rennfahrer. Wir müssen jetzt dafür sorgen, daß sie die Tour de France unter normalen Bedingungen fahren können."

    Zu seiner möglichen Verantwortung sagte Roussel: "Das Team hat sich nichts vorzuwerfen. Ich möchte, daß die Untersuchung schnell durchgeführt werden kann. Wenn ich von der Untersuchungsbehörde als Sportdirektor einvernommen werden sollte, werde ich in aller Ehrlichkeit aussagen."

    Das Festina-Team ist nicht zum ersten Mal in einen Dopingskandal verwickelt. Erst vor wenigen Wochen tauchte eine ähnliche, wenngleich nicht so ernste Situation auf. Damals war Festina-Rennfahrer Christophe Moreau mit Doping erwischt worden und Roussel gab später die Schuld "jemandem aus dem Team, der nicht zum medizinischen Stab gehört", und der auf eigene Faust ohne Wissen des Fahrers gehandelt habe. Nun wird es jedoch Roussel schwerfallen, den jetzigen Skandal ähnlich nonchalant beiseitezuwischen. Es erscheint schon sehr unwahrscheinlich, daß der jetzt festgenommene Festina-Helfer auf eigene Faust mit einem offiziellen Tour-Teamfahrzeug auf Doping-Einkaufstour in Deutschland und der Schweiz war.

    Unterdessen hielten sich die Tour-Organisatoren verständlichwerweise noch mit Stellungnahmen zurück. Man will offizielle Informationen durch die Behörden abwarten. Jean Claude Killy, Präsident der Societe du Tour de France und IOC-Mitglied, meinte: "Wir nehmen die Situation sehr ernst. Die Societe du Tour de France ist aufmerksam und an der Spitze beim Kampf gegen Doping. Die Zukunft des Sports liegt darin. Im Moment können wir keine Stellungnahme abgeben, weil wir noch keine bestätigten Informationen haben."









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