Die Flandern-Rundfahrt der Fans
Todesmutige Jagd auf die "Renners"

Bei der "Ronde" kommen die Fans den Stars nahe - und
wer sich in die Auto-Rallye der supporters wagt nicht nur einmal
Foto: Roth
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03.04.03 (rsn) - Der Tag der "Ronde van Vlaanderen"
ist Nationalfeiertag in Flandern. Hunderttausende säumen die Sträßchen
vor allem im kleinen Kerngebiet der bergs und hellingen
zwischen Oudenaarde und Geraardsbergen. Die wildesten Fans
begnügen sich nicht damit, ihre Helden auf
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dem Rennrad einmal
vorbeifahren zu sehen, sondern jagen in einer wilden Auto-Rallye
über Feldwege den Profis hinterher und voraus.
FAZ-Sportjournalist Michael Reinsch hat vor zwei Jahren
die Ronde im Auto einer Gruppe supporters erlebt.
"Ich habe Cipollini gesehen", ruft ein Mann strahlend, als er in sein Auto steigt. Es steht hoffnungslos eingekeilt zwischen Wagen und Motorrädern auf einer flämischen Landstraße bei Kortekeer, und trotzdem ist er froh. Vermutlich ist er zufällig in dieses Chaos geraten. Aber nun hat er sich einer Massenbewegung angeschlossen: der Ronde van Vlaanderen
flämischen Nationalfeiertag Abertausende von Menschen die 269 Kilometer lange Strecke, die auf verschlungenen Wegen von Brügge nach Ninove führt. Auf eine halbe Million Zuschauer schätzen die Veranstalter den Zuspruch am Straßenrand. Nicht wenige von ihnen sind, trotz Sperren und Staus, selbst auf rasender Rundfahrt; mit einer Armada von Mopeds und Motorrädern, Treckern und Lieferwagen, Kleinbussen und Personenautos. Dominik und Toni, Erwin und Philipp, David und Stani sowie der elfjährige Iggy haben hier, an der neunten "Helling", der steilen, gepflasterten Steigung Kortekeer zwischen Ronse und Oudenaarde, bei Kilometer 210, die Rennfahrer schon zum sechsten Mal begrüßt. Sie johlen, feuern die "Renners" an und halten ein Sperrholzschild hoch, auf das sie "Forza Mattan" gemalt haben. Philipp ist als Jugendlicher mit Mattan Rennen gefahren. Er kommt wie seine Freunde aus Harelbeeke, Mattan aus Sint Eloois Winkel in der Nähe. Nach dem Rennen wird Philipp Mattan anrufen und ihn trösten: "Wir glauben immer noch an dich." Mattan wird Elfter, Dritter des Spurts um Platz neun.
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Das ist noch lang hin. Gerade sind die Rennfahrer vorbeigestampft, in kleinen Gruppen, wie vom Wind verweht, und mit schwerem Tritt und starrem Blick, da rennen die sieben Flamen zu ihren Autos. Los geht die rasende Fahrt: runter
vom matschigen Acker, hupend durch Menschenmassen, mit
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Foto: Roth
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quietschenden Reifen um scharfe Kurven, rauf auf die abgesperrte Strecke, runter von der abgesperrten Strecke. Dominik ist der Scout. Mit großformatiger Karte, fünfzehn Jahren Erfahrung und dem todesmutig fahrenden Toni an seiner Seite führt er die kleine Truppe. Um die steilen "Berge" mitzunehmen und die hundertjährigen Pflasterstraßen, windet sich der Kurs in Schlingen durchs Land. Dominik weiß, wo man abkürzen kann, um wieder vor die Rennfahrer zu gelangen.
Wer nicht fahren will, sucht sich ein Café an der Strecke. Mit "Getränke, superdemokratische Preise und Großbildschirm" wirbt sogar der Kulturklub von Merbeeke. Am Café "Tourmalet" im Heimatort des dreimaligen Flandern-Siegers Johan Museeuw, Gistel, führt ihm zu Ehren die Strecke seit wenigen Jahren vorbei. Das nutzen am Sonntag einige hundert Besucher. Vor siebzig Jahren vom zweimaligen Gewinner der Tour de France, Syveer Maes, eröffnet, ist das Tourmalet ein veritables Radsportmuseum, mit Küche und Ausschank. Bei der Flandern-Rundfahrt erreicht es den Gipfel seines Umsatzes.

Flandern-Rundfahrt 2002 am Koppenberg Foto: Roth
Stani am Steuer des zweiten Autos hat mehr als alle Hände voll zu tun. Während er Gas gibt und mit einer Hand steuert, hält er in der anderen sein mobiles Telefon und brüllt: "Dominik, wohin fahren wir jetzt?" Schalten muß David vom Beifahrersitz aus. Er ist auch dafür zuständig, daß immer genug Bierdosen zirkulieren im Auto und der kleine Fernsehschirm auf dem Armaturenbrett niemals unscharf wird. Als sich der Aufkleber auf der Windschutzscheibe löst, muß er bei Tempo hundert halb aus dem Auto klettern. Die wilde Jagd führt über vergessene Feldwege, während David im Fensterrahmen sitzt und versucht, das Schild zu retten. Der Sticker weist das Fahrzeug als technischen Begleitwagen aus. Dominik hat seinen Mercedes sogar als offizielles Pressefahrzeug ausgeschildert. Weiß der Himmel, woher er die Aufkleber bekommen hat. Sie wirken wie ein Blaulicht. Vorbei geht es an Staus, hinweg über rote Ampeln, und ohne, daß die erhitzten Chauffeure mit der Wimper zucken, überholt der Konvoy sogar einen Polizeiwagen. Andere sind mit selbstgebastelten Schildern unterwegs, mit Computerausdrucken auf farbigem Papier und Fotokopien von Zeitungsköpfen. Nur wer schnell ist, kommt damit durch. Auf den zweiten Blick der Ordnungshüter muß der Wagen schon vorbei sein.
Kein Platz in der Südkurve
Daß die inzwischen zerfetzte Akkreditierung kein Passepartout ist, merken Stani und seine Besatzung, als sie sich im Stau wiederfinden. Sie haben Dominik verloren, weil seine Anweisungen am Handy nicht zu verstehen waren: Fernseher und Tourfunk im Auto liefen zu laut. Gut, nun rennen erst einmal alle vor, brüllen den Fahrern zu, rennen zurück. Dann sitzen sie im Auto, während der Fernseher läuft. "Mattan sah gut aus", sagt Philipp und raucht, "er wird noch kommen." "Museeuw hält sich zurück", glaubt Stani. "Dierckxsens fährt jetzt schon seit einer Stunde an der Spitze", kritisiert David. Während sie im Auto darauf warten, daß der Stau sich auflöst, rollt Peter van Petegem vorbei, der Sieger von 1999 aus Brakel. Als er in einen Begleitwagen steigt, brüllen ihm die Jungs aufmunternd seinen Namen zu. Dann geht die Jagd weiter.
Die Muur von Geraardsbergen hinauf zum Lokal Himmelrijk und der Kapelle wird ausgespart - zu viele Leute. Wer hier, an dem steilen und glitschigen Fußweg, seinen Platz einnehmen will, in der Südkurve der "Ronde", muß früh kommen und stundenlang ausharren. Das ist nichts für eilige Flamen. Am Eikenberg passen Stani und seine Crew noch einmal die Fahrer ab. Zurück im Auto, haben sie sofort ihre Telefone am Ohr. Stani macht eine Verabredung mit Dominik im Café hinterm Ziel aus. Philipp ruft zu Hause an. "Habt ihr uns im Fernsehen gesehen?" fragt er. "Mit unserem Schild Forza Mattan?"
Michael Reinsch
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